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Pierre Gasly triumphiert überraschend in Monza, Mercedes schenkt den Sieg her. Peter Kohl beleuchtet in seiner SPORT1-Kolumne das Überraschungsrennen.

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Hallo Formel-1-Freunde!

Das Alpha-Tauri-Märchen von Monza ist ein Diamant der Saison 2020!

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Der Sensationssieg von Pierre Gasly bringt eine neue Facette in den üblichen Formel-1-Schnitt. Eine, die die Königsklasse aus heiterem Himmel als Wundertüte glänzen lässt. Das kleine Nachwuchsteam aus der Red-Bull-Gruppe schlägt zum zweiten Mal nach 2008 an diesem heiligen Ort der Formel 1 zu.

Damals war es der Beginn der sagenhaften Erfolgsgeschichte von Sebastian Vettel, der im königlichen Park Wetterkapriolen zu seiner ersten Triumphfahrt im damaligen Toro Rosso nutzte.

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Diesmal kommt für die Mannschaft von Franz Tost der Abflug und Einschlag von Charles Leclerc zu einem goldenen Zeitpunkt. Mit Gasly darf sich am Ende ein Fahrer feiern lassen, der schon vielfach abgeschrieben wurde, den viele sogar schon aus der F1–Fahrergilde streichen wollten.

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Vor einer Woche beherrschten die Schlagzeilen über eine lähmende Langeweile die Berichterstattung über das Rennen in den Ardennen. Wenige Tage später überschlagen sich dieselben Kritiker mit Sensationsbeschreibungen.

Der Überraschungscoup der kleinen Truppe aus Faenza ist ohne Frage ein Sieg für die Formel 1 im Gesamten. Er schafft Abwechslung, weckt neues Interesse, und zeigt, dass unter gewissen Umständen nach wie vor alles möglich ist.

Mercedes verschenkt Sieg

Es ist ein Spektakel, das aber auch zahlreiche Verlierer hat.

Dass Mercedes durch eine Unkonzentriertheit den schon sicher in der Tasche geglaubten Sieg von Dominator Hamilton durch die Finger rinnen lässt - geschenkt! Wer Siege in einer Häufigkeit sammelt, in der andere ihre Wäsche wechseln, darf sich einen solchen Fehltritt auch mal leisten, ohne direkt abgewatscht zu werden.

Dass Valtteri Bottas den Ausrutscher seines Stallgefährten nicht nutzen kann, verschärft jedoch das Bild von einem Fahrer, der eine ideale Nummer zwei im Team ist, aber niemals Champion wird.

Dem Finnen fehlt der Killerinstinkt, wie schon in einer unterirdischen Startphase zu sehen ist. Ohne Rhythmus im Dreck rumrutschend, Scheitelpunkt für Scheitelpunkt in den Kurven verpassend, wird er von beiden McLaren - Sergio Pérez und Daniel Ricciardo - kassiert. Ein Desaster!

Der Rest ist eine mehr oder weniger gelungene Schadensbegrenzung. In einem dem Feld überlegenen Auto ist das zu wenig!

Red Bull fehlt Speed

Für Red Bull als ersten Mercedes-Jäger erweist sich Monza ebenfalls als Fallstrick. Schon in den Freien Trainings und im Qualifying ist zu sehen, dass einfach Speed fehlt.

Zum einen vom Honda-Motor (mit dem Gasly dann paradoxerweise das Rennen gewinnt!), zum anderen von der eigenproduzierten Aerodynamik. Max Verstappen wirft bereits vor dem Rennen die Flinte ins Korn, bezeichnet das Auto als viel zu langsam. Von Startplatz fünf aus bleibt er blass, muss nach 30 Runden die Segel wegen Motorproblemen komplett streichen.

Teamkollege Albon versagt von Startplatz neun aus in allen Bereichen, hat zudem Timing-Pech bei seinen Boxenstopps im turbulenten und unberechenbaren Grand Prix. Der 15. und damit vorletzte Rang im Rennen ist eine Katastrophe für ihn und das Team.

Die Rufe nach Sebastian Vettel als Nachfolger des gebürtigen Thailänders werden immer lauter. In der Konstrukteurswertung sehen die Brause-Jäger nur noch ganz verschwommen am Horizont die Rücklichter von Mercedes.

Ferrari erneut desolat

Renault verpasst auf dem Highspeedkurs in Italien eine Mega-Chance. Beim Boxenstopp nach der Roten Flagge finden die Mechaniker nicht die Medium-Reifen für Ocon und müssen ihn mit Soft-Bereifung rausschicken. Die rot markierten Walzen gehen in der Schlussphase dann signifikant in die Knie. Die Boxenstopps für beide Fahrer während der ersten Safety-Car-Phase dauern zu lange, beide verlieren dadurch Positionen und stecken im Mittelfeld fest. Zudem hat das Low-Downforce-Paket nicht so gezündet wie zuletzt in Spa.

Über Ferrari darf man getrost ein großes Laken des Schweigens werfen. Ein geschundener Gaul, der am Boden liegt, muss nicht auch noch getreten werden. La Miseria Rossa wird zur Dauerschleife. Das "I mog nimma" von Sebastian Vettel trifft so langsam auf alle Tifosi zu.

Carlos Sainz wird sich in den Hintern beißen angesichts der taumelnden roten Truppe, zu der er 2021 wechselt, und der vielleicht größten Chance in seinem Formel-1-Fahrerleben, einen Grand Prix zu gewinnen.

Was ihm in Monza trotz blendender Ausgangsposition nach der Roten Flagge nicht gelingt im McLaren. Der Spanier lässt die Papaya-Orange schön fliegen, zeigt eine sehenswerte Aufholjagd gegenüber dem Führenden Gasly.

Am Ende fehlt nicht mal eine halbe Sekunde auf den Sensationssieger aus Frankreich. Sainz geht etwas zu spät "all-in". Beide fahren während der ersten Safety-Car-Phase zeitgleich rein in die Box, beide rauschen nach der Roten Flagge mit Medium-Bereifung durch. Sainz hat das schnellere Auto - Gasly am Ende den Sieg. Das muss weh tun!

Racing Point versagt

Schreien vor Enttäuschungs-Schmerzen muss in erster Linie aber Lance Stroll! Beim zweiten Restart hat er dermaßen hart durchdrehende Hinterräder, dass Gasly und die beiden Alfas an ihm vorbeifliegen.

Ein Fehler, der korrigierbar ist mit dem Mercedes-Motor im Heck. Denn der Führende Hamilton muss seine Stop-and-Go-Strafe noch absitzen, die anderen Drei müsste er locker kassieren, Giovinazzi fällt mit selber Strafe wie Hamilton eh weg.

Aber von Sainz darf er sich nicht überholen lassen! Da sind ihm die Nerven durchgegangen und damit hat er das Rennen verloren, das ihm eigentlich auf dem Silbertablett zu Füßen gelegt wird.

Insgesamt hat Racing Point in diesem Grand Prix versagt. Denn durch einen verbummelten Boxenstopp wird Sergio Perez auf Platz vier liegend auf Rang 14 durchgereicht und bleibt in der Folge chancenlos. Vor dem Rennen hat der Mexikaner noch völlig zu Recht mit einem Podiumsplatz geliebäugelt.

Erster Franzosen-Sieg seit 1996

Unter dem Strich viele Bedröppelte, die eine satte Chance liegen gelassen haben. Dafür der erste Sieg eines Franzosen seit dem Überraschungscoup von Olivier Panis 1996 in Monaco, als nur vier Autos ins Ziel gekommen sind.

Es ist Panis' einziger GP-Sieg gewesen. Für Gasly bleibt zu hoffen, dass es ihm nicht genauso ergeht und sich Monza nicht als eine schnell verglühende Sternschnuppe entpuppt! Denn einen erneuten Aufstieg zum großen Schwesterteam Red Bull und damit verbundene weitere Sieghoffnungen zeichnen sich eher nicht ab am Horizont für einen, der diese Chance schon einmal liegen gelassen hat.

Meinetwegen kann es am kommenden Wochenende in Mugello gerne so weitergehen mit den Überraschungen.

Bis dahin, PEDAL TO THE METAL!
Ihr Peter Kohl