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München - Ferrari muss immer mehr Rückschläge verkraften, Vettel und Leclerc sind zunehmend unzufrieden. Nur Teamchef Binotto sieht keine Krise. Doch es droht eine lange Durststrecke.

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"Noch einmal ein Tiefpunkt und noch einmal ein niedrigerer Tiefpunkt. Ich kann diesen Scheißdreck nicht mehr hören, muss ich ganz ehrlich sagen": Wer erinnert sich nicht an den Ausraster von Rudi Völler im TV-Interview?

Ähnlich wie dem einstigen Bundestrainer dürfte auch den Verantwortlichen bei Ferrari zumute sein.

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Den ersten Tiefpunkt wähnte man erreicht, als die Scuderia bei den Testfahrten vor Saisonbeginn chancenlos gegen Mercedes war und auch Red Bull auf einer Runde klar schneller aussah.

Statt des angekündigten Angriffs auf den Titel erwarteten viele Experten deshalb erst einmal Schadensbegrenzung und Verbesserungen während der Saison, ehe Ferrari wieder um Siege mitfährt.

Vettel und Leclerc chancenlos

Nach sieben Rennen lässt sich jedoch festhalten, dass all die geäußerten Befürchtungen noch viel zu optimistisch waren. (Fahrerwertung der Formel 1)

Ferrari ist hoffnungslos unterlegen und es sieht so aus, als ob es von Rennen zu Rennen schlimmer wird. Nachdem in Ungarn sowohl Sebastian Vettel als auch Charles Leclerc von Weltmeister Lewis Hamilton überrundet wurden, dachte man, der Tiefpunkt sei endgültig erreicht.

Doch in Spa belehrten die Italiener alle eines Besseren: Ohne auch nur die Chance auf Platz zehn - und damit zumindest einen Punkt - zu haben, fuhren die roten Renner hinterher und wirkten zeitweise sogar wie das langsamste Auto im Feld. Am Ende blieben die Plätze 13 und 14 - mehr war für die Piloten, die fehlerlos blieben, nicht drin.

Ferrari droht jahrelange Durststrecke

Und Besserung ist mit Blick auf die Zukunft nicht in Sicht. Aufgrund der Verschiebung der Regel-Reform werden die Teams 2021 mit relativ ähnlichen Autos fahren wie jetzt. Die kommende Saison ist für Ferrari in Sachen Weltmeister-Ambitionen deshalb wohl ebenfalls so gut wie gelaufen.

Ferrari droht aber noch eine viel längere Durststrecke als bisher angenommen. Denn bis jetzt konnten die Hersteller in jedem Jahr einen komplett neuen Motor an den Start bringen und diesen auch nach Belieben upgraden.

Doch das ist bald Geschichte. 2021 wird ein Motor homologiert, der bis 2025 nur geringfügig verändert werden darf. Einige kleinere Komponenten können zwar weiter verändert werden - nur wie soll Ferrari dann aus dem aktuell mit Abstand schwächsten Motor einen Weltmeister-Motor machen?

Zumal der Motor nicht das einzige Problem der Roten ist.

Auch die Aerodynamik sorgte bei den Piloten in Spa für Unmut. Die Scuderia probierte in den Tagen des Belgien-GP viel mit den Heckflügeln aus, im Rennen aber stellte sich auch in diesem Bereich keine Besserung ein. Vettel klagte über zu wenig Abtrieb, was zum nächsten Problem führt.

Zu wenig Abtrieb heißt, dass die Reifen nicht auf die notwendige Betriebstemperatur gebracht werden können und deshalb schneller abgenutzt werden.

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Ferrari droht Debakel in Italien

Bei der Scuderia bereiten sie sich daher schon auf das nächste Drama vor - das ausgerechnet vor der eigenen Haustür in Italien aufgeführt werden wird. Erst steht das Rennen in Monza an, dann folgt der Große Preis der Toskana. Dort wollte Ferrari eigentlich sein 1000. Formel-1-Rennen feiern - nun kann das Team wahrscheinlich froh sein, wenn es ein paar Punkte abstaubt. (Rennkalender der Formel 1)

In Monza zuvor wirkt selbst das als unrealistisches Ziel nach dem Auftritt in Spa. Während in Belgien noch ein Safety-Car die Überrundungen der beiden Ferrari verhinderte, käme es auf dem deutlich kürzeren Highspeed-Kurs in Monza einem Wunder gleich, wenn die Scuderia davon verschont bliebe.

Insofern ist es als großes Glück anzusehen, dass in Monza keine Fans anwesend sein können, auch wenn Vettel sagt: "Wenn wir die Wahl hätten, hätten wir gern Fans da. Ich glaube nicht, dass wir ausgebuht würden."

Binotto beteuert: Gibt keine Krise

Für die Fahrer mag das gelten, aber sollten die Kameras den Kommandostand von Ferrari um Teamchef Mattia Binotto einfangen, dürfte das Pfeifkonzert wohl einen neuen Lautstärke-Rekord aufstellen.

Dass Binotto selbst immer noch beteuert, dass Ferrari "sich nicht in einer Krise befindet", dürfte seiner Beliebtheit in Italien jedenfalls nicht geholfen haben.

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In Mugello könnte es eine Kostprobe seiner Popularität in Italien geben, falls die pro Tag knapp 3.000 zugelassenen Zuschauer nicht von Ferrari zuvor handverlesen werden.

"Das Rennen wird aus zwei Gründen historisch sein: Zum einen ist es das erste Formel-1-Rennen auf dem Mugello Circuit, der sich im Besitz von Ferrari befindet, und zum anderen wird es das erste Rennen mit Zuschauern vor Ort sein", heißt es in einer Stellungnahme - Ferrari-Fans befürchten, dass das schlechte Abschneiden der dritte historische Grund sein wird.

Scuderia fehlt Motoren-Power

Angesichts der epochalen Schwäche der Roten kamen jüngst Fragen auf, ob man denn zumindest auf den Reset-Knopf drücken und das Auto wieder auf das 2019er-Modell zurückrüsten könne.

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Auch das sei kein Option, winkt Binotto ab: "Das Auto ist ziemlich anders, auch wenn es eine Entwicklung ist. Man kann nicht einfach Teile von einem auf das andere Auto packen, von daher ist das nicht möglich."

Auch wenn sie es in Italien vermutlich nicht gerne hören, doch Ferrari drohen in den nächsten Jahren noch einige "Tiefpunkte und noch niedrigere Tiefpunkte".