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München - Sebastian Vettel fährt in der bisherigen Formel-1-Saison der Konkurrenz weit hinterher. Die Gründe dafür liegen am Auto und am fehlenden Vertrauen.

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Deutlicher kann man es nicht zeigen, wenn die Chemie zwischen zwei Menschen nicht mehr stimmt. Fast flehend versuchte Ferrari-Teamchef Mattia Binotto direkt nach dem Rennen in Silverstone vergangenen Sonntag Kontakt mit seinem Fahrer Sebastian Vettel aufzunehmen.

"Hi Seb, Mattia hier. Hartes Rennen heute", funkte Binotto an den Deutschen. "Wir wissen, dass es ein schwieriges Wochenende war. Aber in einer Woche sind wir wieder hier und machen es besser."  (Formel 1: 70th Anniversary Grand Prix in Silverstone, Sonntag ab 15.10 Uhr im SPORT1-Liveticker)

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Vettel wartet mit Antwort an Binotto

Danach herrschte erst mal Funkstille. Das Schweigen Vettels, das 17 Sekunden dauerte, sagte mehr als verlogene Worte. Erst als Ferrari fragte, ob mit Vettels Funk alles in Ordnung wäre, sah er sich genötigt zu antworten. Seine Antwort nach dem zehnten Platz und einem Ferrari, dem er ob seines unvorhersehbaren Fahrverhaltens genauso wenig vertraut wie dem Verhalten seines Chefs, war kurz und auch nur an die gerichtet, derer wegen er überhaupt noch Energien verschwendet: seine treuen Mechaniker.

"Ja, es war ein schwieriges Rennen. Ich hatte wenig Vertrauen ins Auto, ähnlich wie im Qualifying", resümierte der Deutsche ein Wochenende zum Vergessen. "Ich hatte Runde für Runde Probleme und habe viele Dinge probiert, aber nichts davon war ein Durchbruch."

Dennoch zeigte er noch die Größe, seinem Teamkollegen Charles Leclerc zu dessen drittem Platz zu gratulieren: "Glückwunsch an die andere Seite, Glückwunsch an Charles. Und guter Boxenstopp, Jungs." Wohl wissend, dass nur die Farbe die Gemeinsamkeit war, die sein Auto mit dem seines Teamkollegen an diesem Wochenende hatte.

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Merkwürdiges Gefühl bei Binotto-Beförderung

Allein: Niveauvolle Literaten würden ganz sicher auf die Idee kommen, symbolisch den Ferrari, dem Vettel nicht vertraut, als Bild herzunehmen, das seine Beziehung zu seinem Chef bei Ferrari zeigt: verbrannte Erde, nur noch Misstrauen. 

Von Anfang an hatte der viermalige Weltmeister ein merkwürdiges Gefühl, als Binotto Ende 2018 vom Technikchef zum Teamchef befördert wurde. Er beschloss ihm aber, trotz seiner Bedenken, eine Chance zu geben. Vettel befand sich damals schon im inneren Konflikt: Seine Vorstellung, wie ein Teamchef zu sein hat, war eine andere. Er sollte technisch versiert sein, das große Ganze im Auge haben und vor allen Dingen aufrichtig und ehrlich sein.

Deshalb schlug er Ende 2018 auch den heutigen McLaren-Teamchef Andreas Seidl als neuen Ferrari-Rennchef vor, den er schon aus seinen Anfangszeiten als Testpilot bei BMW kannte.

Ferrari lehnt Vettels Wunsch ab

Doch anders als bei Michael Schumacher, dem man jeden Wunsch erfüllte, auch weil er sich sogar in den Ferrari-Vertrag hineinschrieben ließ, dass Ferrari gefälligst seine Wunschkandidaten zu verpflichten habe, wurde Vettels Vorschlag abgelehnt. Seitdem wuchsen die Zweifel beim Heppenheimer immer mehr, ob seine Liebe zu Ferrari auch erwidert wird.

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Seinen Frust versteckt Vettel seitdem zwischen den Zeilen. Ohne Namen zu nennen meint er dennoch Binotto, wenn er sagt: "Ich bereue die Zeit, die ich bei Ferrari hatte, nicht. Ich denke, dass ich hier und da vielleicht nicht die Unterstützung hatte, die ich brauchte, wünschte oder erbeten habe, aber insgesamt hatte ich immer Menschen in meiner Nähe, die bereit waren, mir sowohl auf der Rennstrecke als auch in Maranello zur Seite zu stehen."

Und es klingt trotzdem verbittert, wenn er bezogen auf Ferraris Neuanfang mit Leclerc sagt: "Das Versprechen hat Herr Marchionne mir auch gegeben, als er mir erklärte, dass sie jemanden suchen, der das Team wiederaufbaut. Damals war ich der Kandidat, jetzt nicht mehr." Es ist ein versteckter Hinweis, was er wirklich darüber denkt, dass Ferrari seinen Vertrag nicht verlängern wollte und stattdessen den Teamkollegen Leclerc als neuen Heilsbringer auserkoren hat.

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Allein: Vettel liebt seine treuen Gefährten viel zu sehr, als dass er sie jetzt im Stich lässt. Er wird sich hineinknien und versuchen, den Fehler in seinem Ferrari zu finden. Die Frage ist, ob man ihn lässt. Dazu kommt: Es geht schließlich nicht mehr um die Ferrari-Gegenwart, sondern viel mehr um seine Zukunft. 

Geht Vettel zu Aston Martin?

SPORT1 weiß: Vettel will weiterfahren, wenn es für ihn Sinn macht. Sinn machen heißt: Er muss ein Paket haben, mit dem er Erfolge einfahren kann. Es muss aber auch ein Paket sein, bei dem es menschlich stimmt. Stand der Dinge im Moment ist: Aston Martin will Vettel. Die Gespräche laufen. Der Ball liegt derzeit beim Team.

Vettel hätte aber nichts dagegen, wenn sich die Truppe um Milliardär Lawrence Stroll noch Zeit lassen würde. Denn er hofft insgeheim immer noch, dass sich Red Bull trotz aller Dementis doch noch entscheidet, den verlorenen Sohn wieder nach Hause zu holen. Bis dahin muss er versuchen, mit Ferrari jede noch so kleine Chance zu nutzen, um seine Klasse zu bestätigen, die er unter normalen Bedingungen immer noch hat.

Berger: "Vettel sollte zu Racing Point wechseln"

Sein Vertrauter Gerhard Berger fasst die vertrackte Situation um Vettel und das gesamte Transfer-Tohuwabohu zusammen.

Der frühere Ferrari-Rennsieger und heutige DTM-Chef sagte zu SPORT1: "Auch wenn es irreal ist: Sebastian sollte jetzt schon zu Racing Point wechseln, Ricciardo zu McLaren gehen, Alonso seinen Renault-Platz übernehmen und Sainz von McLaren zu Ferrari wechseln. Das jedenfalls wäre das Beste für Sebastian, aber auch die anderen Piloten, die für 2021 schon Verträge woanders haben. Und Träumen darf ja immer noch erlaubt sein.“

Für Sebastian Vettel wird die Saison bei Ferrari so jedenfalls immer mehr zum Albtraum.