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München - Während Ferrari immer tiefer in die Krise schlittert, steigert sich Renault von Jahr zu Jahr. Den Aufstieg der Gelben erklärt Peter Kohl in seiner SPORT1-Kolumne.

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Renault besticht auf dem High-Speed-Kurs von Spa mit den Plätzen vier und fünf von Daniel Ricciardo und Esteban Ocon. Auf einer Strecke, auf der schiere Motorpower die Aerodynamik aussticht, weil nur wenig Abtrieb gefragt ist, kommen im Top-Speed-Ranking drei Renault-Motor befeuerte Fahrer unter die Top Sechs.

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Alles nur streckenspezifisch? Ein Effekt, der nochmal kommende Woche im königlichen Park von Monza auftreten wird und dann verpufft? Bereits im vergangenen Jahr liefen die gelben Boliden auf diesen beiden Kursen deutlich besser als im restlichen Saisonverlauf. Mehr als Platz vier ist seit der Rückkehr als Werksteam 2016 in der Königsklasse für die Franzosen nie rausgesprungen. Die Liaison mit Red Bull endete schäbig unter Dauerfeuerkritik seitens der Brausefraktion, die den Renault-Antrieb auf dem Level einer Warmluftpumpe sah.

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Renault ist eine Weltmarke - in den vergangenen Jahren wurden hunderte Millionen Euro investiert. Die vorhandenen Ressourcen wurden aber nie Gewinn bringend umgesetzt. Dabei waren mit Hülkenberg/Sainz und Hülkenberg/Ricciardo zuletzt starke Fahrerbesetzungen am Steuer.

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Renault 2018 schon auf Platz vier

Der Neustart als reines Werksteam 2016 nach sechs Jahren Pause mit dem R.S.16 verlief solide. Das Auto war zuverlässig, aber zu langsam. Mit nur drei Punkteplatzierungen landeten die Franzosen in der Herstellerwertung am Ende auf Rang neun. Im Folgejahr gelang eine Verbesserung auf Platz sechs, mit lediglich vier Punkten Vorsprung auf Kundenteam Toro Rosso, 26 Punkte hinter Williams. Trotz der Steigerung litten die Einsätze immer noch unter einem zu schwachen Motor und einer wenig effizienten Aerodynamik. Renault blieb hinter den hoch gesteckten Erwartungen zurück.

2018 erreichte meistens einer der beiden Renault-Kutscher Q3 im Qualifying, zwei fünfte Plätze von Sainz in Aserbaidschan und Hülkenberg beim Grand Prix von Deutschland bildeten die Höhepunkte, Renault kletterte auf Platz vier bei den Herstellern. 2019 sollte der Durchbruch gelingen, dafür holte man mit Daniel Ricciardo einen der talentiertesten Fahrer. Es folgte der Schritt zurück auf Rang fünf bei den Konstrukteuren, Kundenteam McLaren zeigte den Franzosen dabei eine lange Nase und zog vorbei.

Immer wieder gab und gibt es Diskussionen beim Vorstand von Renault, ob das Formel-1-Engagement Sinn macht. Mehrfach wurde bereits über einen erneuten Absprung spekuliert. Es gibt durchaus Anzeichen, dass der lang ersehnte Anschluss an die Topteams näher rückt. Zum einen profitiert Renault von der Schwäche der Scuderia Ferrari. Zurzeit haben die Franzosen eindeutig den stärkeren und besseren Motor im Vergleich zu den Italienern, die zudem unter großen Problemen bei der Reifennutzung und der Aerodynamik leiden.

Mercedes kaum einzuholen

Zu viele Baustellen gleichzeitig, das springende Pferd lahmt und wird die Hürde Renault weder in diesem noch im kommenden Jahr nehmen. Unter der Leitung von Renault-Teamchef Cyril Abiteboul können Chefingenieur Ciaron Pillbeam, Chefdesigner Martin Tolliday und Chefaerodynamiker Dirk de Beer mit ihren rund 1150 Mitarbeitern die zur Verfügung stehenden Werkzeuge zunehmend effektiver nutzen. Rund 360 Millionen Euro stehen für den Angriff auf Red Bull zur Verfügung. In Spa fehlten Ricciardo im Ziel auf Verstappen keine drei Sekunden. Beim Start hat der Australier den Niederländer schon schwer unter Druck setzen können.

Aber reicht das am Ende wirklich? Red Bull hat ein Auto ganz nach den Bedürfnissen von Supertalent Verstappen gebaut, das nahezu auf allen Strecken funktioniert. Zudem macht Honda gewaltige Entwicklungsschritte beim Motor, ist auf Augenhöhe mit Renault. McLaren wird im kommenden Jahr auf die Mercedes-Power und Zuverlässigkeit der Sterne zurückgreifen können. Und weiß jetzt schon mit deutlich kleinerem Etat besser umzugehen.

Die Budgetdeckelung ab 2021 wird Renault härter treffen, als die Engländer! Die Zeiten, in denen Fahrer wie Mansell, Prost, Schumacher, Hill, Villeneuve und Vettel dank Renault-Motorpower Titel gewinnen konnten, werden so schnell nicht wiederkommen. Gelb ist eine frische, motivierende und aufhellende Farbe. Der Kampf um Top-Fünf-Platzierungen wird bunter, worüber ich mich sehr freue! Ein Aufbrechen verkrusteter Hierarchien hat noch nie geschadet. Renault kann durchaus dazu beitragen.

Cyril Abiteboul wird sich mit dem Gedanken anfreunden müssen, bald ein Tattoo nach den Gestaltungsideen von Daniel Ricciardo zu tragen. Dafür muss der Australier 2020 mindestens einmal auf dem Podium stehen. Was ich ihm absolut zutraue, vor allem in Monza, Mugello und Imola. Mehr ist aber nicht drin. Seriensieger Mercedes werden die Franzosen in absehbarer Zeit nicht in die Knie zwingen.

PEDAL TO THE METAL Ihr Peter Kohl