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München - Das letzte Jahr zwischen Sebastian Vettel und Ferrari wird immer unschöner. Nicht die erste unsaubere Trennung der Scuderia, meint Motorsport-Experte Ralf Bach.

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Würde Niki Lauda noch leben, er könnte jetzt Sebastian Vettel erzählen, dass der Deutsche nicht der erste ist, den Ferrari mit Intrigen und Chaos-Entscheidungen ins Abseits gestellt hat. Mehr noch und brutal gesagt: Bei Ferrari ist es Tradition, Fahrer wegzuekeln, wenn sie nicht mehr gebraucht werden.

Es liegt quasi in den Genen des italienischen Traditionsrennstalls. Die Gene hat ihnen der 1988 verstorbene Firmengründer Enzo Ferrari eingehaucht, der in Maranello immer noch präsent ist wie ein Poltergeist, den alle fürchten.

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Seine Werte werden auch heute noch bedingungslos bei Ferrari weitergelebt. Enzo Ferrari pflegte von Anfang an eine Art Hassliebe zu seinen Fahrern. Er verehrte sie wie Kampfpiloten, war aber auch bereit sie zu opfern, wenn es seiner Sache diente. Und die stand und steht über allem. "Enzo war wie ein Drachen, der seine Kinder frisst", fasste Niki Lauda einmal gewohnt kurz und prägnant die Philosophie des charismatischen Firmengründers zusammen. 

Enzo Ferrari hatte besondere Aura

Die Aura des alten Mannes ist in der Tat noch allgegenwärtig. Auch heute noch erstarren selbst technokratische Ferrari-Ingenieure in ehrfürchtigem Schweigen, wenn sie seinen Namen hören. Als würde der Patriarch als Geist neben ihnen stehen und sie beobachten.

Im Museum in Maranello sitzt Enzo Ferrari wie eine Heiligenfigur hinter einer Glaswand. Die Wachsfigur wirkt inmitten der ultramodernen Fabrikhallen wie eine Brücke, welche die Ferrari-Welt von heute mit dem Mythos und der Legende verbindet. 

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Allein: Enzo Ferrari war kein Heiliger. Die Mischung aus Leidenschaft und Härte machte den großen mächtigen Mann mit der dunklen Brille zur Legende. Die Triumphe, aber auch die Tragödien. Alberto Ascaris tödlicher Unfall mit einem Sportwagen in Monza gehört dazu. Graf Berghe von Trips letzte Fahrt in Monza, als der Horremer 15 Zuschauer mit in den Tod riss, ebenso.

Oder der Verlust von Gilles Villeneuve. Ferrari liebte den verwegenen Kanadier, der beim Training in Zolder 1982 tödlich verunglückte, wie seinen verstorbenen Sohn Dino. Von beiden hatte er Fotos auf seinem Schreibtisch stehen – bis zuletzt von Kerzen angestrahlt.

Lauda erstes Mobbingopfer

Niki Lauda war das erste Mobbingopfer Ferraris. "Der Alte", erzählte Niki einmal, "hatte wahnsinniges Charisma. Er hatte eine einzigartige Art zu reden. Es war ein Singsang, der sich wie eine Predigt anhörte. Es war nur sehr schwer ihn zu unterbrechen."

Lauda führte weiter aus: "Er konnte aber auch knallhart sein. Als ich nach meinem Unfall auf dem Nürburgring in Monza zum Comeback fuhr, hatte Enzo mit Carlos Reutemann schon einen Ersatzmann parat. Ich habe wegen Ferrari fast mein Leben verloren, er zweifelte aber daran, dass ich noch schnell genug war. Das konnte ich ihm nie verzeihen. Das war wie ein Messerstich mitten ins Herz. Ich schwor, ich würde ihm das heimzahlen. Deshalb verließ ich Ferrari nach meinem zweiten WM-Titel Ende 1977 und wechselte zu Brabham."

Für die Scuderia ein gefundenes Fressen. "Der Judas hat sich für 30 Stangen Salami an die Konkurrenz verkauft," warf ihm Ferrari verächtlich hinterher.

Prost ebenfalls betroffen

Auch Alain Prost weiß, wie es ist, plötzlich von Ferrari zur Adoption freigegeben zu werden. Der Formel-1-Superstar wechselte 1990 von McLaren zur Scuderia. Der damals dreimalige Weltmeister sollte als Heilsbringer den angeschlagenen Rennstall zu alter Größe führen.

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1990 lief noch alles in die richtige Richtung. Der Franzose gewann fünf Rennen und wurde Vizeweltmeister. Ein Jahr später baute Ferrari eine Fehlkonstruktion, mit der auch ein Fahrgenie wie der Franzose keine Chance hatte. Ferrari brauchte ein Bauernopfer und fand es in Prost.

Nach dem sechsten Rennen in Mexiko schmissen die Italiener ihn raus. Angeblich, weil er Ferrari beleidigt hatte. Das Auto fahre sich wie ein LKW, soll Prost gesagt haben. Einen Ferrari aber könne man nicht mit einem Lastwagen vergleichen, konterten die Verantwortlichen in Enzos Maranello.

Auch Schumacher sollte gehen

Später erzählte mir Prost, was wirklich passierte.

"Meine Lenkung in Mexiko war defekt. Deshalb gab ich auch den italienischen Journalisten folgendes Zitat: 'Ich hatte heute keine Chance, weil die Servolenkung ausfiel. Mit der schweren Lenkung fuhr sich das Auto wie ein LKW.' Das mit der Lenkung ging aber unter. Wie auch immer. Sie wollten mich loswerden und nutzten die unvollständige Aussage als Rechtfertigung."

Selbst Michael Schumacher war nicht vor der Ferrari-Politik gefeit. Was nur wenige wissen: Der erfolgreichste Ferrari-Fahrer aller Zeiten trat 2006 nicht ganz freiwillig zurück. Ferrari hatte schon vorher einen Vertrag mit Kimi Räikkönen abgeschlossen.

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Felipe Massa, der wie heute Charles Leclerc von Nicolas Todt gemanagt wurde – dem Sohn der allmächtigen Ferrari-Legende und des heutigen FIA-Präsidenten Jean Todt – konnte und wollte Ferrari nicht loswerden. Also wurde Schumacher freundlich nahegelegt, seinen Vertrag nicht zu verlängern. 

Bruch mit Fernando Alonso

Räikkönen selbst wurde gleich zweimal von Ferrari fallen gelassen. Zuerst 2009. Der Finne, der gleich im ersten Ferrari-Jahr 2007 den Titel einfuhr, stand den Plänen der Italiener im Weg. Die wollten Superstar Fernando Alonso für das Jahr 2010 verpflichten.

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Massa konnten und wollten sie aus bekannten Gründen nicht kündigen, also musste Räikkönen über die Klinge springen. Ende 2018 stand der Finne wieder Ferrari und Todt junior im Weg. Diesmal wegen Charles Leclerc. Also verschoben die Enzo-Ferrari-Jünger den "Iceman" zum Partner Alfa Romeo, um Platz für Leclerc zu schaffen.

Fernando Alonso wiederum musste 2014 für Sebastian Vettel weichen. Und das, obwohl der Spanier mit einem unterlegenen Ferrari zweimal Vize-Weltmeister wurde. Der Bruch zwischen Ferrari und dem Spanier ging sogar so weit, dass die damalige Ferrari-Presseabteilung Journalisten darum bat, schlecht über den Spanier zu schreiben.

2020 steht Sebastian Vettel auf der Abschussliste. Vermutlich, weil der neue Heilsbringer Leclerc und seine Entourage keine Störfaktoren gebrauchen können. Vettel kann sich nur mit einem trösten: Er befindet sich in extrem guter Gesellschaft.