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München - Das Mammutprogramm bringt die Formel 1 an den Rand ihrer Belastbarkeit. Der Kollaps droht, Mitarbeiter schlagen Alarm - Hamilton und Verstappen zeigen Verständnis.

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Das Gute zuerst - drei Rennen an drei aufeinanderfolgenden Wochenenden unter Corona-Bedingungen: Diesen Härtetest hat die Formel 1 schon einmal hinter sich gebracht - und bestanden.

Nach dem Doppelpack in Österreich wurden die Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen auch beim Großen Preis von Ungarn weitgehend eingehalten. Positive Fälle gab es lediglich zwei, die wie ihre Kontakte umgehend isoliert wurden und auch keine Mitglieder irgendeines Teams betrafen.

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Das Interesse der Fans sowie die entsprechend mediale Resonanz zum Start in der Motorsport-Königsklasse - ohnehin riesig.

Wenig verwunderlich insofern, dass Toto Wolff die einwöchige Pause nach dem ersten Triple Header der Saison nicht unbedingt in den Kram passt.

Wolff fragt sich, was er machen soll

"Ich muss jetzt erst mal überlegen, was ich am nächsten Wochenende machen soll", sagte der Mercedes-Motorsportchef nach dem Sieg von Weltmeister Lewis Hamilton am Sonntag in Budapest - dem dritten für die Silberpfeile im dritten Rennen. Man habe doch, so Wolff, "wirklich lange genug Pause gehabt. Jetzt wollen wir alle wieder Racing."

Wirklich alle? Die Realität sieht offenbar anders aus. Immer lauter werden nicht nur hinter vorgehaltener Hand die Stimmen, die einen mannigfachen Kollaps befürchten angesichts des angeschlagenen nahezu schon irwitzigen Tempos und der riesigen Belastung, mit der die Saison abgewickelt wird.

"Ich habe das Gefühl, Teil eines Experiments zu sein", zitiert die Sun dazu einen anonym gehaltenen Insider eines führenden Rennstalls. Vielfach bestehe Verzweiflung und Besorgnis, derart zermürbend sei der höllische Zeitplan mit aktuell zehn veranschlagten Rennen binnen 13 Wochen.

Der sieht übrigens schon in gut einer Woche nach zwei Rennen nacheinander in Silverstone dann an den weiteren August-Wochenenden auch noch die Grand Prix' von Barcelona und Spa vor, ehe sich im Folgemonat Monza, Mugello und Sotschi quasi nahtlos anschließen.

F1-Mitarbeiter am Limit - und in Rage

Der Leidensdruck dokumentiert sich körperlich wie mental gleichermaßen: Arbeitsbelastungen eines oftmals 16-Stunden-Tages, permanenter Schlafmangel, Ausgangsbeschränkungen infolge der Pandemie, dazu Heimweh und gefühlte Geringschätzung könnten schon bald in einen Burnout kulminieren, befürchten nicht wenige Beobachter.

Nicht nur wegen der Strapazen und des hektischen Arbeitsrhythmus, so heißt es aus England, soll manch übermüdeter Mechaniker bereits erwägen, die Brocken hinzuschmeißen. Zur Weißglut treibt offenbar auch die bei den Teams ausgemachte Doppelmoral nach entsprechenden Äußerungen wie jetzt von Wolff.

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Denn während "Fahrer und das Management jede Woche zwischen den Rennen nach Hause gehen", wie ein Rennstall-Mitarbeiter in der Sun verärgert erklärt, bleibt das F1-Staff wegen Corona mehr oder weniger vor Ort in Isolation.

Mehr noch: An der Situation in Budapest drohten dem Vernehmen nach gerade die Mitarbeiter von der Insel zu zerbrechen, weil Ungarn die EU-Empfehlung zur Lockerung der coronabedingten Einreisebestimmungen für Bürger aus 14 Nicht-EU-Staaten weiterhin nicht anwendet, Briten schlimmstenfalls sogar Gefängnis droht, sollten sie sich außerhalb von Rennstrecke und Hotelzimmern aufhalten.

Geschichte wiederholt sich wegen Corona

Auch ihren Landsmann Lewis Hamilton beschäftigt die Situation der Ingenieure, Mechaniker und Truckfahrer: "Für sie ist es schon eine Herausforderung. Sie lieben Racing, aber sie haben Familien, die sie nach drei Wochen gerne mal etwas länger sehen würden."

Was momentan aber nicht funktioniert. Zunächst muss das gesamte Fahrerlager mit technischem Equipment und nicht zuletzt den Autos in durchschnittlich 20 Trucks verstaut werden. Dann geht es auf die Straße zum nächsten Grand Prix.

Die Entfernung zwischen Budapest und der britischen Insel, auf der die Mehrzahl der Teams ihren Werkssitz hat, beträgt knapp 2000 km und erfordert mindestens drei Fahrer, die sich am Steuer der tonnenschweren Trucks abwechseln. Mit dem Abbau beginnt die Crew an der Strecke in dem Moment, wenn keiner ihrer Boliden mehr im Rennen ist.

Weiter, immer weiter - und das am Limit. Dabei waren sich nach dem ersten Triple Header der F1-Geschichte, der die Teams im Sommer 2018 im Wochenrhythmus nach Frankreich, Österreich und Großbritannien geführt hatte, alle einig: Nie wieder.

Otmar Szafnauer, Teamchef von Racing Point (damals noch Force India), hatte von einem "Debakel für die Crews" gesprochen: "Das darf sich nicht wiederholen." Von Corona ahnte damals allerdings natürlich noch niemand etwas.

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Norris geht mit gutem Beispiel voran

Hamilton formulierte immerhin moralischen Beistand und räumte ein, dass sein Begleitpersonal aktuell den heftigeren Job leistet: "Uns (Fahrer, Anm. d. Red.) reichen normalerweise drei Tage zwischen den Rennen zur Regeneration."

Und auch Max Verstappen leuchtet der sehnliche Wunsch nach Entspannung bei den Beteiligten ein. Auf die Frage, was er in der freien Woche zwischen Ungarn und dem nächsten Triple Header nicht machen werde, antwortete der Red-Bull-Pilot: "Keine e-Races, das brauche ich wirklich nicht. Ich möchte ein paar Tage kein Lenkrad anfassen."

Kräftig Hand im Sinne der Solidarität legte wiederum Lando Norris an. Der McLaren-Pilot und Shootingstar werkelte in Budapest mit, twitterte dazu nun ein Bild, das ihn unter seinem Auto liegend zeigt.

"Wenn du schnell sein willst, geh alleine - wenn du weit kommen willst, geh mit anderen", kommentierte der Brite.

Womöglich mobilisiert das ein wenig den so dringend benötigten Zusammenhalt innerhalb der am Stock gehenden F1-Familie.