Peter Kohl analysiert die "jungen Wilden" der Formel 1
Peter Kohl analysiert die "jungen Wilden" der Formel 1 © SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Getty Images/Imago/SPORT1
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München - Peter Kohl analysiert in seiner SPORT1-Kolumne die jungen Fahrer der Formel 1. Einem Trio traut er viel zu, den meisten anderen dagegen wenig.

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Lewis Hamilton dominiert den zweiten Lauf der Saison nach Belieben, Mercedes hat erwartungsgemäß alles im Griff. Langweilig? Keineswegs. Es lohnt sich der Blick auf die Reihen dahinter.

Wer ist in der Lage, einmal in die Fußstapfen des Dauer-Champions zu treten? Wer durchbricht die F1-Fahrerhierarchie? (SERVICE: Die Fahrerwertung)

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Häufig wird von den Jungen Wilden gesprochen - SPORT1-Motorsport-Experte Peter Kohl nimmt sie unter die Lupe.

MAX VERSTAPPEN – 22: Bereits mit 17 in die Formel 1 gekommen. Nach wie vor sehr jung, aber dennoch sehr erfahren. Nach einem Jahr bei Toro Rosso jetzt schon in seiner fünften Saison beim Top-Team Red Bull. Dort wird alles um ihn herum aufgebaut, er ist die klare Nummer 1 und derzeit wohl der einzige Nicht-Mercedes-Fahrer, der Lewis Hamilton zumindest hin und wieder die Stirn bieten kann. Ein echtes Naturtalent mit enormen Grundspeed. Ein Fighter vor dem Herrn. Selbstbewusstsein hat er von klein auf mit dem großen Löffel gefuttert. Ein emotionaler Typ, dem schnell mal der Kragen platzt. Aber seine Unbeherrschtheiten auf der Rennstrecke werden immer weniger, er ist gereift.

PROGNOSE: Wenn das Material passt, ohne Frage ein kommender Champion. Hat das Zeug, in die Fußstapfen von Lewis Hamilton zu treten.

CHARLES LECLERC – 22: Gemanagt von Nicolas Todt, dem Sohn des Präsidenten des Motorsport-Weltverbandes. An Support mangelt es nicht für den Monegassen. Die Racer-Gene hat er von Vater Hervé, der Rennfahrer in der Formel3 in den 80iger und 90iger Jahren war. Charles ist ein sehr intelligenter Bursche mit überragendem Grundspeed, bescheiden und bodenständig. Aber ohne allzu großen Respekt vor den Größen der Szene - Leclerc verfügt über ein sattes Selbstbewusstsein. Er sucht seine Chancen, weiß sie meist gut zu nutzen. Sein Problem: Er will manchmal zu viel (siehe Startphase Red Bull Ring) und setzt sich dabei selber stark unter Druck. Der 22-Jährige lernt aber extrem schnell aus seinen Fehlern. Ein Cover-Boy-Typ, smart, top für Sponsoren und Außendarstellung des Teams. Bisherige Bilanz: Meister GP3 + Formel 2, Kart-Vizeweltmeister 2013 – Formel 1: 44 Starts / 2 Siege / 7 Poles / 4 schnellste Runden – 11 x Podium.

PROGNOSE: Ein kommender Champion, wenn Ferrari es irgendwann mit dem Material mal wieder auf die Reihe bringt. Langfristig an die Roten gebunden, das Aushängeschild der Scuderia für die kommenden Jahre.

LANDO NORRIS – 20: Das McLaren-Eigengewächs ist ein Juwel! Enorme Leistungs- und Selbstbewusstseinssteigerung in seinem ersten Formel-1-Jahr. Hat im neuen Teamchef Andreas Seidl einen echten Förderer, auf den er bauen kann. Ein intelligenter, wacher Typ, mit enormer Grundschnelligkeit und dem Instinkt, wann er wo wie am effektivsten zuschlagen kann und muss. Absolvent einer elitären Privatschule, aus reichem Elternhaus - lässt das aber nicht raushängen. Höflich, ein Sunny-Boy durch und durch und damit ein perfektes Aushängeschild für sein Team. Einer, der der Formel 1 guttut! Bislang hält er dem enormen Erwartungsdruck, der auf seinen Schultern lastet, stand.

PROGNOSE: Der Formel-3-Europameister von 2017 und Formel-2-Vizemeister von 2018 hat das Rüstzeug für einen kommenden Star der Szene. Wird mit dem Aufstieg des Teams wachsen, sein erstes F1-Podium zum Saisonauftakt ist erst der Anfang einer schillernden Karriere!

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Albon wird leise aussortiert

ESTEBAN OCON – 23: Der Franzose ist 2017 sehr jung in die Formel 1 gekommen, wurde 2019 wieder aussortiert, weil keine Cockpits frei waren. Normalerweise war es das dann. Dass Renault ihn zurückgeholt hat, liegt nicht nur daran, dass er Franzose ist, sondern es spricht für sein Ausnahmetalent. Intelligent, konstant in seinen Leistungen, macht kaum Fehler, kommt schnell mit Situationen gut zurecht und große Namen schrecken ihn überhaupt nicht. Athletisch nicht der fitteste, manchmal auf der Strecke zu aggressiv. Aber das sei einem Youngster nachgesehen. Lieber risikofreudig und selbstbewusst, als zu brav und hinterherfahrend auf Nummer sicher! Bislang noch ohne Podium bei seinen bisherigen 53 GP, mit Renault wird er das in absehbarer Zeit aus eigener Kraft auch nicht schaffen.

PROGNOSE: Einer, der immer mal wieder für eine Überraschung sorgen kann, wenn alles zusammenpasst. Der große Star-Appeal fehlt ihm. Sein Grundspeed reicht nicht, um ein Mehrfach-Champion zu werden.

ALEXANDER ALBON – 24: Thailänder, damit schonmal ein Exot im Feld. Vater Nigel war ebenfalls Rennfahrer in der britischen Tourenwagen Meisterschaft und im Porsche Carrera Cup Asien. Auch hier fällt der Apfel nicht weit vom Stamm. Alex ist ein großer Fan von Motorrad-Hero Valentino Rossi. Er wirkt still, zurückhaltend, für viele ein bisschen langweilig. Kein charismatischer Typ. Wie Leclerc Kart-Vizeweltmeister, aber ohne Titelgewinn in den Nachwuchs-Formel-Serien. Der Aufstieg zu Toro Rosso im vergangenen Jahr war für viele überraschend. Viele sagen, dass er nur möglich war aufgrund des Mangels wirklich guter Talente im Nachwuchs-Schuppen von Red Bull. Umso erstaunlicher dann seine Beförderung zum Nr.-1-Team im Stall, Red Bull, als Ersatz für Pierre Gasly, der die Erwartungen nicht erfüllen konnte. Er schlägt sich tapfer, könnte sogar aktuell die WM-Wertung anführen. Aber insgesamt steht er gewaltig im Schatten von Max Verstappen, kann seinem Teamkollegen nicht das Wasser reichen. Seine bisherige F1–Ausbeute: 104 Punkte bei 23 Starts, bislang ohne Podium.

PROGNOSE: So leise wie er gekommen ist, so leise wird er eines Tages auch aussortiert werden. Hat keine große Lobby hinter sich.

PIERRE GASLY – 24: Ließ als GP2-Meister 2016 aufhorchen, wurde im Folgejahr Vizemeister der Super Formula. Hatte bereits seine Chance im Top–Team Red Bull, hielt dort dem Druck nicht stand und wurde zum Nachwuchsteam AlphaTauri abgeschoben. Tut sich schwer, aufzutrumpfen, Glanzlichter zu setzen.

PROGNOSE: Solide in seinen Leistungen, aber kein Star-Potenzial. Wird kurz- bis mittelfristig ersetzt durch ein aufstrebendes, neues Talent, von dem man sich mehr verspricht.

Papas Geldspeicher rettet Stroll

GEORGE RUSSELL – 22: Ein echtes Naturtalent, arbeitet professionell, verfügt über eine gehobene Intelligenz. Höflich und bodenständig in seinem Auftreten. Aber ist er ein echter Fighter? Seine Fahrweise wirkt oft zu glatt. Dabei ist es immer wieder erstaunlich, was er aus dem zurzeit schwächsten Material rausholt. 2019 hat er Teamkollege Kubica klar im Griff gehabt. War der eine Messlatte? Kaum, nach jahrelanger F1-Pause und gehandicapt durch körperliche Behinderungen (damit will ich sein sehr bemerkenswertes Comeback unter diesen Bedingungen keineswegs schmälern oder kleinreden, aber er war nicht mehr wirklich konkurrenzfähig). Über welches Talent der GP3.Meister von 2017 und Formel-2-Champion von 2018 tatsächlich verfügt, sieht man vor allem im Regen, wenn es auf die Qualität des Fahrers, weniger auf die des Materials ankommt. Im Schwimm-Quali am Samstag hat er sieben Fahrer hinter sich gelassen, darunter Ex-Weltmeister Räikkönen.

PROGNOSE: Wenn jemand auf ihn setzt, und ihn vom Rote-Laterne-Serienhalter Williams frei schaufelt, könnte etwas aus ihm werden. Schafft er den Absprung nicht, wird seine Karriere leider im Sand verlaufen, was extrem schade wäre!

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LANCE STROLL – 21 : Legendär sein Aufschlag in den Nachwuchsrennserien. Vom vermögenden Vater gepudert, hielt er Hof wie ein Superstar. Kein anderer Nachwuchsfahrer wurde in den vergangenen Jahrzehnten mit einem solchen Geld-Aufwand an die Königsklasse ran geführt wie er. Ein Image, das schnell zum Makel wird. Viele sehen in ihm den verwöhnten Milliardärs-Sohn, der aufgrund seiner eigenen sportlichen Leistungen nicht in die Formel 1 gehört. Dabei wird oft übersehen, dass er für sein Alter sehr reif auftritt, Druck gut standhält. Seine Fahrweise ist allerdings zu fehleranfällig, sein Grundspeed zu langsam. Wird von Teamkollege Sergio Perez regelmäßig zerlegt und vorgeführt.

PROGNOSE: Papas Geldspeicher machen es möglich. Solange der Geldhahn ausspuckt, wird der Fan von Real Madrid der Königsklasse erhalten bleiben.

NICHOLAS LATIFI – 25: Gehört er zu den Jungen Wilden? Nicht wirklich. Für heutige Zeiten ein sehr spätes Formel-1-Debüt. Im Nachwuchsbereich kein Überflieger, brauchte vier Jahre, um den Titel in der Formel 2 zu gewinnen. Seine Hartnäckigkeit, mit der seine Karriere forciert, ist bemerkenswert. Aber reicht das als Basis? Wohl kaum.

PROGNOSE: Wird nur ein Kurzgastspiel in der Formel 1. Mit Williams hat er auch kaum die Chance, sich für andere Teams aufzudrängen und zu empfehlen.

So sehe ich das.

PEDAL TO THE METAL – Ihr Peter Kohl.