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München - Die Formel 1 bereitet sich auf Spielberg vor. Experte Marc Surer schätzt im SPORT1-Interview das Kräfteverhältnis sowie die Zukunft von Vettel und Hamilton ein.

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Die Formel 1 befindet sich in der Warteschleife, Anfang Juli soll die Saison im österreichischen Spielberg und ohne Zuschauer starten.

Dennoch wird schon jetzt über die kommende Saison diskutiert, zahlreiche Verträge von Topstars laufen am Saisonende aus. Vor allem die Zukunft von Sebastian Vettel ist offen, ein Ferrari-Verbleib hängt auch am Gehalt.

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Der frühere Formel-1-Pilot Marc Surer (68) rät dem Deutschen im SPORT1-Interview zu einem Wechsel zu Mercedes und glaubt, dass Weltmeister Lewis Hamilton schon bald seine Karriere beenden könnte. Außerdem spricht der TV-Experte über die aktuelle Lage und die wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise in der Formel 1. 

SPORT1: Herr Surer, wie hat sich die Corona-Pandemie für Sie geschäftlich ausgewirkt?

Marc Surer: Ich bin vom Schweizer Fernsehen für zehn Rennen, bei denen ich als Experte vor Ort die Formel 1 erklären soll, engagiert worden. Das heißt, ich habe bis jetzt schon die Hälfte davon verloren. Ich muss jetzt abwarten, ob das wieder aufgefangen wird - etwa durch zukünftige Analysen vom Studio aus.

Formel 1 soll in Spielberg starten

SPORT1: Red Bull nahm die Dinge in die eigene Hand und hat ein Konzept vorgestellt, unter welchen Maßnahmen Rennen gefahren werden können. Jetzt laufen die Vorbereitungen für die zwei ersten Saisonrennen Anfang Juli in Spielberg. Wie bewerten Sie das Engagement der Österreicher?

Surer: Auf jeden Fall positiv und mit einer klaren Ansage für die Formel 1. Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz muss sogar viel Geld in die Hand nehmen, denn ohne Zuschauer fehlen Red Bull als Veranstalter wichtige Einnahmen. Ich bin beeindruckt.

SPORT1: Wie tief ist die Formel 1 durch Corona in die Krise gestürzt?

Surer: Sagen wir mal so, dem Vermarkter Liberty fehlen zwar die Zuschauer an der Strecke - aber dadurch, dass gefahren wird, werden sowohl Fernseheinnahmen als auch der Beitrag der Sponsoren in die Kassen gespült. Richtig getroffen hat es die kleinen Teams. Denen fehlt das Geld an allen Ecken und Enden. Denen muss man jetzt helfen, um sie vor einem möglichen Bankrott zu bewahren. Da muss Liberty was tun.

Haas, Williams und Alfa Romeo in Gefahr?
 
SPORT1: Welche Teams meinen Sie?

Surer: Ganz oben Haas. Gene Haas hat die Formel 1 nicht nötig, er macht es aus purer Leidenschaft. Aber nur bis zu einer gewissen Grenze. Wenn er es sich nicht mehr leisten kann, wird er sicher den Stecker ziehen. Dann rechne ich Williams dazu und das ehemalige Sauber-Team, das jetzt Alfa Romeo heißt, aber noch die gleichen Besitzer hat. Sogar Red-Bulls "B"-Team Alpha Tauri sehe ich gefährdet, denn Mateschitz wird es mit Sicherheit nicht weiterführen, wenn es nur rote Zahlen schreibt. McLaren, Renault und Racing Point - die im nächsten Jahr als Aston-Martin-Werksteam antreten - sehe ich im Mittelfeld der Finanzkraft. Über die drei Großen Mercedes, Red Bull und Ferrari muss man sich sicherlich keine zu großen Sorgen machen.

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SPORT1: Was muss die Formel 1 tun, um nach der Krise gut aufgestellt zu sein?

Surer: Die Budgetbeschränkungen sind extrem wichtig und auch gut kontrollierbar. Wenn man neue Teams will, muss man ihnen die Formel 1 finanziell schmackhaft machen und darf nicht von ihnen verlangen, für zig Millionen ein eigenes Auto zu entwickeln, für das man einen sündhaft teuren Windkanal braucht. Das Haas-Modell ist schon ein gutes Konzept. Die kaufen ja bei Ferrari alle Teile ein, die vom Reglement her erlaubt sind. Sie müssen beispielsweise kein Lenkrad selbst entwickeln und sparen so viel Geld. Ich würde aber sogar noch weitergehen: Warum erlaubt man es nicht, beispielsweise einen Vorjahres-Mercedes zu kaufen und diesen dann einzusetzen? Ein neues Team würde damit zwar nicht gewinnen können, aber es wäre für relativ wenig Geld gut aufgestellt und würde bestimmt nicht willenlos hinterherfahren. 

SPORT1: Rein sportlich: Mit welchen Kräfteverhältnissen kann man beim Saisonauftakt rechnen?

Surer: Es wird ähnlich sein wie beim Wintertest in Barcelona. Mercedes und Red Bull wirkten dort am stärksten, während Ferrari hinterherhinkte. Das Problem ist, dass man seither keine wichtigen Daten bekommen hat, um das Auto zu verbessern. Ein Simulator, so gut er auch sein mag, kann die Praxistests auf der Strecke einfach nicht ersetzen. Bei Ferrari kommt erschwerend hinzu: Sie haben das erste Mal ein Auto gebaut, das nach Vorbild von Red-Bull-Designer Adrian Newey leicht angestellt ist. Sie verlieren Speed auf der Geraden, waren dafür durch mehr Abtrieb in den Kurven schneller als im Vorjahr. Ein solch extremes neues Konzept braucht aber eine Menge Zeit und Erfahrung auf der Strecke, um es richtig zu verstehen. Sie werden sicher einige Rennen dafür brauchen.

Marc Surer rät Sebastian Vettel zu Mercedes-Wechsel

SPORT1: Wie sehen Sie die Zukunft von Sebastian Vettel?

Surer: Für mich wäre es ideal, eine Traumvorstellung sozusagen, wenn er zu Mercedes wechseln würde. Bei Ferrari sehe ich keine große Zukunft mehr für ihn. Es würde zwar wie eine Flucht vor Charles Leclerc aussehen, aber wenn es bei Mercedes mit dem Titel klappen würde, wäre das schnell vergessen. Für Mercedes würde sich eine Verpflichtung von Vettel im Erfolgsfall ebenfalls lohnen. Denn sie könnten dann endlich einen deutschen Weltmeister vermarkten. Der letzte, Nico Rosberg, ist ja sofort nach dem Titelgewinn zurückgetreten.

SPORT1: Steht Vettel bei Mercedes nicht Superstar Lewis Hamilton im Weg?

Surer: Das glaube ich nicht. Ich habe den Eindruck, dass er das Handtuch schmeißt und aufhören wird, sollte er den nächsten Titel gewinnen. Er motzt in letzter Zeit einfach zu viel über das Auftreten und das gesamte Umfeld der Formel 1. Deshalb habe ich diesen Eindruck gewonnen.

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Surer: Die anderen sind nur Mitläufer

SPORT1: Wer sind die Fahrer, die Ihrer Meinung die Königsklasse prägen und damit Lebenselixier für die Fans sind?

Surer: Ich sehe vier Superstars, um die sich alles dreht: Lewis Hamilton, Sebastian Vettel, Max Verstappen und Charles Leclerc. Die anderen sind mehr oder weniger nur Mitläufer und müssen sich hinten anstellen.
 
SPORT1: Als ehemaliger Motorsportchef von BMW wissen Sie sehr genau, wie Automobilkonzerne ticken. Können sich Mercedes und Co. in der momentanen angespannten Situation und beim umweltorientierten Zeitgeist finanziell und vom Image her die Formel 1 überhaupt noch leisten?

Surer: Imagemäßig auf jeden Fall. Gerade mit ihren Hybridmotoren zeigen sie, wie innovativ sie sind und zukunftsorientiert. Die Elektromotoren werden während der Fahrt aufgeladen, da sind sie der Zeit weit voraus. Wenn dann der Biosprit noch kommt, ist es perfekt.