Marc Surer würde zwei Formel-1-Rennen an einem Wochenende angesichts der Coronakrise befürworten
Marc Surer würde zwei Formel-1-Rennen an einem Wochenende angesichts der Coronakrise befürworten © SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Getty Images
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München - Der Saisonstart in der Formel 1 verschiebt sich immer weiter. Um genug Rennen austragen zu können, werden kreative Ideen ins Spiel gebracht. SPORT1 analysiert diese mit F1-Experte Marc Surer.

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Das Coronavirus hat auch die Formel 1 fest im Griff. Acht Rennen sind bereits definitiv verschoben oder komplett abgesagt - und zuletzt wurde das in Baku ebenfalls gecancelt.

Höchste Zeit für die Königsklasse des Motorsports, sich Gedanken zu machen, wie die Saison noch gerettet werden kann und was für Auswirkungen das alles auf die Zukunftspläne hat.

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Dazu war am Donnerstag ein Tele-Krisengipfel einberufen geworden, bei dem Rechteinhaber Liberty Media, Automobil-Weltverband FIA und Vertreter der zehn Teams über diese Themen diskutierten.

Dabei entstanden laut Motorsport-Total einige revolutionäre Vorschläge sowie ein von Ferrari-Boss Mattia Binotto heraufbeschworener Zoff.

Mit Unterstützung von Formel-1-Experte Marc Surer analysiert SPORT1 die diskutierten Vorschläge und beantwortet die brennendsten Fragen zur Zukunft der Formel 1.

- Bald Geisterrennen in der Formel 1?

Die Saison ist bereits historisch, da der späteste WM-Auftakt aller Zeiten am 27. Mai 1951 erfolgt war. Sollte Baku verlegt werden, würde der Saisonstart frühestens am 14. Juni in Montreal erfolgen - und weitere Verschiebungen sind wahrscheinlich. 

Um dennoch nicht zu viel Geld zu verlieren, könnte die Formel 1 daher auf die Option Geisterrennen, also unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu fahren, zurückgreifen.

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"Bei Geisterrennen könnte zumindest gefahren werden, zudem würde Geld reinkommen durch die TV-Rechte. Doch momentan ist daran noch nicht zu denken. Erst wenn es etwas besser wird, könnte die Erlaubnis dafür kommen", sagte Surer.

Doch ein solches Geisterrennen ist nicht überall vorstellbar, da viele Betreiber auf Zuschauereinnahmen angewiesen sind, erklärt Surer: "In Abu Dhabi oder Bahrain könnte problemlos ein Geisterrennen stattfinden. Doch dann hört es langsam auf und es gibt nicht mehr viele Veranstalter, die sich das leisten können."

- Sollte überhaupt ein Weltmeister gekürt werden?

Falls Geisterrennen keine Option sind, wird sich der Saisonstart der Formel 1 sehr wahrscheinlich noch um einige weitere Wochen oder sogar Monate nach hinten verschieben.

Aufgrund des engen Terminkalenders lassen sich nicht wahllos viele Rennen in das letzte Saisondrittel hineinquetschen. Daher ist nicht auszuschließen, dass 2020 deutlich weniger Rennen als in den vergangenen Jahren ausgetragen werden.

Doch wie viele sollten es mindestens sein, damit die Endwertung ein realistisches Bild widerspiegelt?

"Sinnvoll wäre es, mindestens die Hälfte der Rennen durchzuführen. Um auch ein echtes Kräfteverhältnis zu haben", findet Surer. Er fügt aber an: "Auch wenn nicht mehr als fünf, sechs Rennen gefahren werden, reicht das um einen Weltmeister zu krönen - denn es gibt ja Punkte und eine Rangliste."

Wenngleich es für viele Fans von Michael Schumacher vermutlich einen faden Beigeschmack hätte, falls Hamilton ausgerechnet in einer solchen Mini-Saison den Titel-Rekord der deutschen F1-Legende einstellt.

- Sind Doppel-Rennen eine Lösung?

Die Formel 1 hofft weiterhin auf eine klar zweistellige Anzahl von Rennen zu kommen. Red-Bull-Motorsportkonsulent Helmut Marko sprach beim ORF von circa 18 Veranstaltungen bis in den Dezember hinein.

Ob die Formel 1 in dieser Saison aber noch an 18 Orten zu sehen ist, muss stark bezweifelt werden. Doch es gibt eine Alternativlösung, um dennoch auf 18 oder mehr Rennen zu kommen: Doppel-Rennen.

Die Königsklasse denkt offenbar darüber nach, im Saisonverlauf zwei Rennen pro Wochenende steigen zu lassen. Dies ist bereits in der Formel 2 und 3 Alltag. In der Formel 1 will man dafür die Trainings am Freitag opfern.

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Für Surer "eine tolle Idee", die aber auch Fragen aufwirft: "Wie ist es mit dem Startgeld, das pro Rennen ausgeschüttet wird. Muss ein Veranstalter dann mehr bezahlen, weil er zwei Rennen bekommt? Oder wer übernimmt das? Schlussendlich geht es auch darum, dass es Einnahmen gibt, daher will man das machen."

- Kommt die große Regel-Reform erst später?

Kaum Überholmanöver und immer die gleichen drei Teams vorne, die Kreise um die anderen Teams fahren – das sind seit Jahren die häufigsten Kritikpunkte, die sich die Formel 1 gefallen lassen muss.

Das sollte sich mit der für 2021 geplante Regel-Reform ändern. Doch daraus wird erstmals nicht, da die Teams - inklusive Ferrari nach Bedenkzeit - sich darauf geeinigt haben, diese um ein Jahr zu verschieben.

Surer erklärt, was dahinter steckt: "Es geht darum, dass die Preisgelder von 2019 in diesem Jahr ausbezahlt werden. Doch die Liberty Media hat keine Einnahmen mehr, weil keine Rennen stattfinden. Daher können sie das Preisgeld nicht ausbezahlen. Deswegen haben die Teams jetzt Schwierigkeiten und müssen auf 'Sparflamme' arbeiten."

Daher könnten es sich allenfalls die Top-Teams leisten, in komplette Neuentwicklungen zu investieren, die für 2021 fällig gewesen wären. Durch die Verschiebung der Regel-Reform werden die Teams 2021 mit relativ ähnlichen Autos fahren wie in dieser Saison.

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- Was hat es mit dem Ferrari-Ärger auf sich?

Zwar haben letztlich alle Teams zugestimmt, die Regel-Reform um ein Jahr zu verschieben - doch Ferrari musste laut Medienberichten erst davon überzeugt werden.

Laut der Daily Mail wollte Scuderia-Teamchef Mattia Binotto den Vorschlag zunächst nicht hinnehmen, was zu einer lautstark geführten Debatte mit Red-Bull-Teamchef Christian Horner und Zak Brown von McLaren führte.

Falls Ferrari - wie nach den Testfahrten vermutet - tatsächlich mit dem aktuellen Auto keinen Glücksgriff gelandet hat, wäre ein relatives ähnliches Auto in der Saison 2021 keine gute Voraussetzung, um Weltmeister zu werden.

Bei einer Regel-Reform 2021 hätten die Top-Teams zudem in dieser Saison ohne Kostenlimit massiv in die Entwicklung der neuen Autos investieren können, bevor im kommenden Jahr die Budget-Obergrenze von 175 Millionen US-Dollar greift.