München - Die Unterschiede zwischen Mercedes, Ferrari, Red Bull und dem Rest der Formel 1 sind riesig. Viele Fahrer fordern Regeländerungen - sogar Hamilton ist dafür.

von Franziska Wendler

Der Große Preis von Aserbaidschan war das wohl außergewöhnlichste Formel-1-Rennen in dieser Saison. Nicht, weil es übermäßig spannend war oder sich die Red-Bull-Piloten Daniel Ricciardo und Max Verstappen gegenseitig abschossen.

Das Rennen war deshalb außergewöhnlich, weil es das einzige der Saison war, bei dem ein Pilot aus dem "best of the rest" auf dem Podium stand.

Sergio Perez landete mit seinem Force India hinter Lewis Hamilton und Kimi Raikkönen auf Rang drei und bildete damit die absolute Ausnahme der Saison. Bei allen bisherigen 19 Rennen standen ansonsten lediglich Mercedes-, Ferrari- und Red-Bull-Piloten auf dem Podium.

Und in Baku durfte Perez auch nur deshalb Champagner verspritzen, weil sich die Red Bulls gegenseitig abgeschossen, Valtteri Bottas ausgefallen, und bei Sebastian Vettel nach einem riskanten Manöver Probleme mit den Reifen aufgetreten waren.

Formel 1 ist Zweiklassengesellschaft

Es ist ein fundamentales Problem in der Formel 1. Zwischen den drei Topteams und dem Rest liegt ein Klassenunterschied, der nicht nur auf dem Podium, sondern vor allem während der Rennen ganz deutlich wird.

Beim Großen Preis von Mexiko, bei dem sich Lewis Hamilton den WM-Titel sicherte, wurden alle Fahrer jenseits der Premiumhersteller mindestens zweimal überrundet. Auch die Rundenzeiten sind frappierend. Pro Umlauf verlieren die restlichen Teams mitunter drei, manchmal sogar vier Sekunden auf die drei Topteams.

"Das ist eine Art Zweiklassengesellschaft. Der Abstand ist riesig. Wir wollen diesen Abstand natürlich schließen, müssen aber anerkennen, dass Mercedes, Ferrari und Red Bull einen tollen Job machen. Sie haben diesen Abstand schließlich aus einem Grund", sagte Renault-Pilot Nico Hülkenberg vor einigen Wochen bei Motorsport Total.

Große finanzielle Unterschiede

Und auch bei Teamkollege Carlos Sainz ist die Frustration groß. "Meiner Meinung nach fahren sie in einer anderen Liga. Ich achte überhaupt nicht auf sie. Es ist einfach dumm. Es ist ein kompletter Witz, dass wir nicht mehr gegen sie kämpfen können. Das tut mir ziemlich weh", wird der Renault-Pilot von motorsport.com zitiert.

Ursächlich für die großen Unterschiede in der Formel 1 sind vor allem die ungleichen Budgets. Die Topteams bekommen den größten Anteil aus dem Topf und auch die Konzerne hinter den Top-Rennställen haben mehr finanzielle Mittel in der Hinterhand.

Mit dem entsprechenden finanziellen Spielraum werden von Mercedes, Ferrari und Red Bull nicht nur die Besten, sondern auch eine größere Menge an Mitarbeitern verpflichtet. Privat finanzierte kleine Rennställe können da nicht mithalten.

Hamilton plädiert für Regeländerungen

Auch wenn er von der derzeitigen Situation profitiert, ist Weltmeister Hamilton die Zweiklassengesellschaft ein Dorn im Auge.

"Ein Williams oder McLaren ist drei Sekunden pro Runde von der Spitze weg, das ist sehr viel. Sie sollten die Regeln so gestalten, dass solche Abstände kleiner werden", fordert der Brite Regeländerungen.

Für 2021 ist in der Königsklasse ein großes Regelpaket geplant. Was genau dieses beinhaltet, ist derzeit noch unklar. Nico Hülkenberg verspricht sich viel davon: "Hoffentlich können sich die Dinge durch Regeländerungen zusammenschieben." Für nachhaltige Veränderungen brauche es aber "radikale" Maßnahmen.

Eine Umverteilung oder Drosselung der Gelder könnte eine Möglichkeit sein.

Offenlegung der Technik

Als mögliche Lösung ist zudem immer wieder ein transparenterer Umgang mit den technischen Details der Autos im Gespräch. Bei der NASCAR-Rennserie müssen die Boliden vor dem Qualifying, vor dem Rennen und vereinzelt auch nach dem Rennen zur technischen Inspektion.

Diese wird in aller Öffentlichkeit durchgeführt, so dass sowohl Fans als auch die anderen Teams die Details aus dem Innenleben der Autos sehen können. Könnte dies auch in der Formel 1 zur Gewohnheit werden?

"Ich glaube, es könnte funktionieren, denn es ist eine gute Sache", sagte Haas-Teamchef Günther Steiner vor einiger Zeit im Gespräch mit motorsport.com.

Doch auch wenn die großen Unterschiede in der Formel 1 verkleinert werden sollen - ohne die Zustimmung von Mercedes, Ferrari und Red Bull wird es schwierig, große Änderungen durchzuboxen.

Denn wer die drei Topteams kennt, weiß, dass sie nur zu gerne mit einem Ausstieg aus der Königsklasse drohen, wenn sie ihre Vormachtstellung gefährdet sehen.

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