München - Sebastian Vettel ist im Qualifying von Sotschi chancenlos. Zwei Dinge machen dem Ferrari-Piloten aber Hoffnung. Hamilton könnte von einem Umbau profitieren.

von Stefan Schnürle

Schadensbegrenzung: Zumindest das hatte Ferrari-Pilot Sebastian Vettel beim Qualifying in Sotschi erfolgreich betrieben. Angesichts von 40 Punkten Rückstand auf WM-Leader Lewis Hamilton braucht es im Rennen jedoch deutlich mehr (Formel 1, Sotschi: Rennen ab 13.10 Uhr im LIVETICKER).

Wie Vettel nach der Ohrfeige von Mercedes am Samstag siegen soll, ist aber wohl selbst den Tifosi ein Rätsel. Fast sechs Zehntel hatte Vettels Rückstand auf Pole-Setter Valtteri Bottas betragen - und hätte Hamilton nicht gepatzt, wäre die Differenz noch größer ausgefallen.

Was Vettel wirklich Sorgen bereiten muss: Er fand das Auto erstaunlich gut und hatte - zumindest öffentlich - nichts daran auszusetzen. "Unser Auto war absolut in Ordnung. Es war nicht unfahrbar. Wir waren einfach am Limit", sagte Vettel. (SERVICE: Die Fahrerwertung im Überblick)

Vettel glaubt noch an Siegchance

Wirklich Mut macht dies für das Rennen nicht – doch der viermalige Weltmeister will sich noch nicht geschlagen geben. "Das Rennen ist lang. Wir haben in der Vergangenheit erlebt, dass die Reifen wichtig sind", hofft Vettel auf abbauende Pneus bei der Konkurrenz.

Allerdings werden sowohl Mercedes als auch Ferrari mit Ultrasoft-Reifen starten. Hier hätte man bei Ferrari in Q2 mehr Risiko gehen und zumindest ein Auto auf Hypersoft-Reifen fahren lassen können.

Denn sollte Mercedes tatsächlich mit beiden Autos nach dem Start vorne bleiben, kann Ferrari den Silberpfeilen nach den bisherigen Eindrücken wohl kaum ausreichend einheizen, damit Hamilton und Bottas ihre Reifen ruinieren.

Vettel braucht einen Raketenstart 

Abgesehen von einem Safety Car, welches ein Rennen immer auf den Kopf stellen kann, ist Vettels größte Chance wohl der Start. Der Deutsche muss sich hier mindestens einen der beiden Mercedes schnappen, um eine realistische Siegchance zu haben.

Dass dies von Rang 3 möglich ist, hat Bottas 2017 gezeigt, woran Vettel diesen auch unmittelbar nach dem Qualifying erinnerte: "Ich habe ihn erinnert, beim Start aufzupassen. Wir könnten es diesmal umgekehrt machen."

In der vergangenen Saison hatte Bottas von Rang 3 liegend den doppelten Windschatten auf der 1.029 Meter langen Anfahrt bis zum ersten Bremspunkt genützt, um nach vorne zu fahren. Diese Position gab er bis zum Schluss nicht her – es war sein erster Formel-1-Sieg.

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Dieser doppelte Windschatten hilft nun womöglich auch Vettel, fürchtet Mercedes-Motorsportchef Wolff. "Du brauchst einen guten Start und musst dich dann so breit machen wie ein Lastwagen. Dann musst du hoffen, dass die anderen keinen guten Start erwischt haben, denn sonst hast du das Rennen verloren", sagte Wolff.

Auch Hamilton erhält Windschatten

Da Hamilton nur als Zweiter startet, kann aber auch der Weltmeister vom Windschatten profitieren, weshalb Verschwörungstheoretiker bereits mutmaßten, dass der Brite absichtlich auf seiner letzten Runde gepatzt hatte.

Deutlich ernster nehmen sollte man Vettels Bedenken über die Renovierungsarbeiten auf der Zielgeraden am Sochi Autodrom. Denn auf Höhe der ersten Startplätze wurde dort neuer Asphalt aufgetragen.

Dieser bietet normalerweise mehr Grip, wovon Bottas und Hamilton profitieren könnten. Vettel steht vermutlich nur mit dem halben Auto darauf, weshalb er einen Wettbewerbsnachteil befürchtet: "Ich halte es für falsch, nur einen Teil der Strecke neu zu asphaltieren."

Mercedes denkt über Teamorder nach

Sollten die beiden Mercedes ihre Startpositionen verteidigen können, bleibt nur noch eine Frage: Darf Bottas auch gewinnen oder muss er dem mit Vettel um den Titel kämpfenden Hamilton den Vortritt lassen? 

"Wir werden das morgen Früh mit beiden diskutieren und wie immer zu einer Lösung kommen, in die alle eingebunden sind" hielt sich Wolff bedeckt und betonte, dass "niemand von uns" Teamorder mag.

Schnappt sich Vettel seinen WM-Rivalen Hamilton am Start, ist Mercedes dieses "Problem" erst einmal los.