München - Mit Russell, Wehrlein und Ocon hat Mercedes drei hochtalentierte Fahrer. Doch 2019 hat wohl keiner einen F1-Platz. Mercedes-Boss Wolff schlägt deshalb Alarm.

von Stefan Schnürle

George Russell, Pascal Wehrlein und Esteban Ocon gehören zweifelsohne zu den größten Talenten im Motorsport. 

Doch trotz ihres Talents hat in der nächsten Formel-1-Saison wahrscheinlich keiner der drei ein Stammcockpit. Und das, obwohl sie alle zum Nachwuchsprogramm von Mercedes zählen.

Vor allem bei Russell ist das verwunderlich, da er als riesengroßes Talent gilt und in seiner ersten Formel-2-Saison gleich um den Titel kämpft.

Pay-Driver werden Talenten vorgezogen 

Doch die F1-Cockpits sind limitiert und deshalb entsprechend begehrt. Da einige Teams wie Williams und Racing Point Force India zudem Finanzsorgen plagen, entscheiden diese sich im Zweifel lieber für Pay-Driver als junge Talente.

Der Leidtragende ist Ocon. Da der Milliardär Lawrence Stroll Force India gekauft hat, setzt er 2019 natürlich seinen Sohn Lance ins Auto – auch wenn dieser in Sachen Talent dem Franzosen nicht das Wasser reichen kann.

"Die Fahrersituation ist wirklich kompliziert. Das ganze System muss überprüft werden", hadert Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff. "Wir haben drei talentierte Kids mit einem Mangel an Möglichkeiten."

Mercedes bringt Talente nirgends unter 

Mercedes hat ein entscheidendes Problem: Obwohl sie einige Teams mit Motoren beliefern, haben sie keines, bei dem sie mitentscheiden können, welcher Fahrer in einem der beiden Autos sitzt.

Die Titel-Konkurrenten haben es da leichter. Allen voran Red Bull, welches im Tochterteam Toro Rosso perfekt seine Talente austesten kann. Und sollte jemand sein Talent nicht bestätigen, wird er einfach wieder rausgeworfen und das nächste Talent ausprobiert.

Auch der viermalige Weltmeister Sebastian Vettel konnte bei Toro Rosso Erfahrungen – inklusive seines ersten Formel-1-Sieges - sammeln, ehe er ins Mutterteam Red Bull berufen wurde.

Ferrari schleust Talente über Sauber ein

Ganz so leicht ist es für Ferrari nicht - mit dem Einstieg von Ferraris Konzernschwester Alfa Romeo bei Sauber hat man jedoch nun ebenfalls einen Weg gefunden, wie eigenen Talenten der Sprung in die Formel 1 ermöglicht werden kann.

Ein Tochterteam nach Vorbild Red Bull ist für Mercedes aber dennoch keine Option: "80, 90 oder 100 Millionen da reinzustecken, nur um die Nachwuchsfahrer unterzubringen, ist nicht das, was ich machen will", sagte Wolff.

Doch nicht nur Pay-Driver sind ein Problem – Mercedes-Zöglinge haben bei Toro Rosso und Sauber automatisch keine Chance auf ein Cockpit. Sogar Teams wie McLaren setzen lieber auf unabhängige Youngster wie Lando Norris und auch Mick Schumacher werden langfristig gute Karten eingeräumt.

"Sie sind als Mercedes-Fahrer stigmatisiert, was offenbar nicht die beste Position ist. Wenn wir keine Lösungen finden, stelle ich das Junior-Programm in Frage", zeigt sich Wolff ernüchtert. 

Sauber stößt Mercedes-Zögling Wehrlein ab 

Genau diese Stigmatisierung wurde Pascal Wehrlein laut Sauber-Teamchef Frederic Vasseur zum Verhängnis: "Er wurde von Mercedes unterstützt, und man kann sich nur schwer vorstellen, ein Projekt mit Alfa Romeo und einem Mercedes-Fahrer zu haben."

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Im Falle Wehrleins hätte Mercedes nach dem Rücktritt von Nico Rosberg natürlich selbst die Möglichkeit gehabt, ihn ins Cockpit des Silberpfeils zu setzen. Stattdessen entschied man sich dazu, für viel Geld Bottas aus dem Williams-Vertrag herauszukaufen.

Für Wolff ist der Einsatz von extrem jungen Fahrern im Mercedes zu wagemutig. "Wir riskieren dann, die WM zu verlieren, weil sie eben eine Lernkurve haben", sagte Wolff.

Wolff fordert drittes Auto für die Teams

Der Mercedes-Boss fordert eine andere Lösung: "Gebt uns ein drittes Auto. Darin müssten verpflichtend junge Talente sitzen. Schreibt im Reglement vor, dass in einem dritten Auto ein junger Fahrer sitzen muss, der nicht mehr als zwei Jahre Formel-1-Erfahrung haben darf."

Wolff verspricht sich davon packende Kämpfe zwischen Talenten und Weltstars. Die Idee hat aber einen großen Haken: Statt den ersten sechs Plätzen sind dann die ersten neun Ränge mit den drei Topteams belegt.

Es gibt zwar die Überlegung, nur die ersten beiden ins Ziel kommenden Autos jedes Teams Punkte zu geben - doch das würde nur zu zusätzlicher Verwirrung und noch mehr taktischen Team-Spielchen führen.

Die ideale Lösung für das Talente-Problem muss daher erst noch gefunden werden. Bis es so weit ist, stecken Russell, Wehrlein und Ocon in der Sackgasse.

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