München - Mercedes führt Fahrer- und Teamwertung an, doch das Spa-Rennen zeigt die Defizite auf. Lewis Hamilton schimpft über die Entwicklung. Die Teamorder ist im Gespräch.

von Stefan Schnürle

Vorsprung in der Konstrukteurswertung ausgebaut, Führung in der Fahrerwertung verteidigt - doch die Laune bei allen Mercedes-Beteiligten rund um Weltmeister Lewis Hamilton und Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff war nach dem Belgien-GP dennoch denkbar schlecht.

Weniger als der zweite Platz schockte die Silberpfeile die Art und Weise wie Pole-Setter Hamilton nach dem Start von Ferrari-Pilot Vettel überholt wurde. "Er ist an mir vorbeigefahren, als wäre ich gar nicht da gewesen. Ich konnte ihm auf der Geraden nichts entgegensetzen", zeigte sich der Brite ernüchtert.

Vettel hatte nicht einmal darauf warten müssen, bis er das DRS zur Verfügung hatte. Der Windschatten war ausreichend, um den Mercedes auf der Geraden mit Leichtigkeit stehen zu lassen. (Service: Die Fahrerwertung)

Ferrari und der Regen retten Mercedes

Aktuell sieht es tatsächlich so aus, als ob Ferrari sich nur selbst schlagen kann - oder das Wetter macht ihnen einen Strich durch die Rechnung. Zuletzt retteten immer wieder der Regen und die Fähigkeiten von Hamilton bei nassen Bedingungen die Stuttgarter.

Mercedes-Technikchef James Allison gab zu, dass man mit diesem Unterschied nicht gerechnet hatte. Offenbar hatten sich die Silberpfeile von dem Ergebnis im Qualifying täuschen lassen.

"Wir wurden von einem schnelleren Team geschlagen, das uns auf beiden Reifenmischungen davonfahren konnte. Nach der Leistung, die wir im Qualifying gezeigt haben, war das sehr enttäuschend, da wir dies für unsere Performance im Trockenen gehalten haben", sagte Allison.

Hamilton verzichtet auf Angriff 

Vor allem der Power-Unterschied im Vergleich zu Ferrari ist frappierend.

Dass Hamilton nach dem Re-Start laut eigener Aussage auf einen - risikoreichen - Angriff verzichtet hatte, weil Vettel ihn auf der langen Geraden sowieso wieder überholt hätte, sagt viel über die Probleme bei Mercedes aus.

Nun ist der Power-Rückstand auf Ferrari nicht neu. Auch bei den Silberpfeilen war man sich trotz der Hamilton-Siege vor der Sommerpause bewusst, dass die Scuderia auf den Geraden klare Vorteile hat. (Service: Die Teamwertung)

Motoren-Upgrade bei Mercedes verpufft

Doch wofür hatte man extra für Spa ein Motoren-Upgrade an den Start gebracht? Bei Valtteri Bottas nahm man dafür sogar in Kauf, dass er von ganzen hinten starten musste. Ausgezahlt hat sich das dann nicht. Vor Red Bull wäre man wahrscheinlich ohnehin ins Ziel gekommen.

"Wir sind hier mit einem ziemlich guten Upgrade hingekommen. Generell ist es immer so, wenn wir das machen, bringen sie ein noch größeres", schickte Hamilton Grüße in Richtung Brixworth. Dort werden die Motoren entwickelt und designt.

Wohl auch dieser Ratlosigkeit war es geschuldet, dass Hamilton in der ersten Reaktion nach dem Rennen von "Tricks" bei Ferrari sprach. Kurze Zeit später ruderte Hamilton aber wieder zurück und erklärte, dass jeder irgendwelche "Tricks" an seinem Auto hätte.

Ferrari in Monza klarer Favorit

Da die FIA aber erneut betonte, dass am Ferrari alles legal ist, muss sich Mercedes eine andere Lösung einfallen lassen, um im WM-Kampf mit Ferrari die Nase vorne zu behalten. Mit Monza wartet am kommenden Wochenende erneut eine Motorenstrecke, weshalb fast alle Experten mit einem Ferrari-Sieg rechnen.

Doch auch nach dem Italien-GP dürfte es für Mercedes nicht leichter werden. Wie Vettel zu Recht betonte, funktioniert der Ferrari in diesem Jahr auf allen Strecken.

Dagegen ist die fehlende Power nicht die einzige Baustelle bei Mercedes. "In langsamen Kurven haben wir Probleme, auch die Traktion ist eine Schwäche und im Vergleich mit anderen Teams hat unser Auto heute die Reifen am schnellsten verheizt", haderte Wolff in Spa.

Silberpfeile denken über Teamorder nach

Trotz der WM-Führung in Fahrer- und Teamwertung ist Mercedes aktuell nicht der Favorit auf die Weltmeisterschaft. Um dennoch den Titel zu holen, überlegt man nun sogar, eine jahrelange Devise über Bord zu werfen: Beide Fahrer dürfen um den Sieg fahren.

"Warten wir mal ab, wie Monza laufen wird. Danach werden wir entscheiden, ob wir alle Kräfte auf einen Fahrer bündeln", deutete Wolff vielsagend an. Seine "Wingman"-Qualitäten hatte Bottas bereits beim Ungarn-GP gezeigt, als er Vettel rundenlang aufhielt.

Wie Hamiltons "Trick"-Behauptung dürfte Vettel diese Überlegung bei Mercedes als "Lob von höchster Stelle" sehen. Es zeigt, dass Ferrari die Silbernen in Panik versetzt hat - und wer in Panik verfällt, neigt zu Fehlern.