München - In Hockenheim greifen Ferrari und Mercedes zur Stallorder. Die Team-Anweisungen verwirren Räikkönen. Auch bei der Strategie werden Vettel und Hamilton bevorzugt.

von Stefan Schnürle

Nicht einmal einen Monat ist es her, als Ferrari noch für den Verzicht einer Stallorder gelobt wurde. In Spielberg durfte Kimi Räikkönen damals vor Teamkollege Sebastian Vettel als Zweiter ins Ziel fahren.

Vettel verlor dadurch drei Punkte im WM-Duell mit Lewis Hamilton, was sogar den Briten überraschte: "Es gab dieses Jahr schon wenigstens ein oder zwei Szenarien, bei denen ich gedacht habe, dass sie die Autos tauschen würden, weil das die Philosophie ist, die sie mal hatten."

Denn nicht nur wegen der legendären Funksprüchen "Let Michael pass for the Championship" und "Fernando is faster than you", ist Ferrari bekannt dafür, im WM-Kampf gerne einmal die Stallorder-Karte zu zücken. Rivale Mercedes rühmt sich dagegen damit, beide Fahrer stets frei fahren zu lassen.

Doch am Hockenheimring versuchten sowohl die Silberpfeile als auch Ferrari ihre WM-Kandidaten Nummer 1 nach vorne zu bringen - notfalls eben auf Kosten des Teamkollegen.

Ferrari verwirrt Räikkönen mit Teamorder 

Richtig clever stellte sich Ferrari dabei jedoch nicht an. Nachdem Vettel mit frischeren Reifen hinter Räikkönen wieder auf die Strecke kam, forderte dieser via Funk freie Fahrt: "Das ist einfach dämlich. Ich verliere nur Zeit und zerstöre meine Reifen."

Ferrari-Chefingenieur Jock Clear reagierte und funkte in Richtung Räikkönen: "Kimi, beide Autos müssen auf die Reifen achten und ihr seid auf verschiedenen Strategien. Wir bitten dich daher, Seb nicht aufzuhalten. Danke."

Der verdutzte Räikkönen fragte nach: "Ich bin nicht sicher, was ihr meint. Was soll ich tun?" Daraufhin faselte Clear erneut von möglichen Reifenproblemen, woraufhin der entnervte Finne antwortete: "Also wollt ihr, dass ich ihn vorbeilasse? Dann sagt es mir einfach."

Da Teamorder in der Formel 1 zwar verpönt, aber nicht mehr verboten ist, hätte sich die Scuderia die verklausulierten Anweisungen sparen können. (Gesamtwertung der Fahrer

Mercedes lässt Bottas nicht angreifen

Mercedes löste es auf direktere Art und funkte nach einem Angriff des auf frischen Ultrasoft-Reifen fahrenden Valtteri Bottas auf Weltmeister Hamilton: "Bitte Position halten, es tut mir Leid."

Der Finne bestätigte mit "Copy", dass die Botschaft angekommen ist und er den späteren Sieger Hamilton nicht mehr angreifen wird.

Motorsportchef Toto Wolff verteidigte die Stallorder der Silberpfeile: "Wäre es andersherum gewesen - also Valtteri vorne und Lewis Zweiter -, hätten wir exakt die gleiche Anweisung gegeben. Es ging nur darum, das Ergebnis nach Hause zu bringen."

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Strategie auf Vettel und Hamilton zugeschnitten

Doch auch bei der Strategie sah es so aus, als ob die Teams ihrer vermeintlichen Nummer 1 den Vorzug gaben. So diente Räikkönens ungewöhnlich früher Boxenstopp in Runde 14 dazu, Mercedes unter Druck zu setzen, sodass Bottas in die Box geholt wird.

Denn dann hätten beide Finnen zweimal stoppen müssen und wären für Vettel keine Gefahr gewesen. Mercedes schluckte den Köder jedoch nicht und ließ Bottas weiter fahren. Für viele Experten zu lang, denn Bottas war ab Runde 20 der langsamste der Top-Fahrer.

Selbst als Vettel in Runde 28 in die Box kam, reagierte Mercedes nicht und ließ den nun deutlich langsamer fahrenden Bottas weiter mit seinen Ultrasoft-Reifen kämpfen. Der Regen war zudem noch gut 15 Minuten entfernt - so lange konnte Bottas unmöglich durchhalten.

Bottas als Versuchskaninchen für Hamilton?

Was wollte Mercedes mit dem langen Stint dann bezwecken? Ob mit Absicht oder nicht: Durch die drei weiteren Runden wurde sichergestellt, dass Bottas nach seinem Stopp zunächst hinter Hamilton zurückfallen würde.

So mancher vermutete, dass Bottas auch deshalb so lange draußen bleiben musste, um zu testen, wie lange der Ultrasoft hält. Diese Erkenntnis half, den idealen Zeitpunkt für Hamiltons Stopp zu bestimmen. 

Bei Mercedes wollte man von Teamorder aber nichts wissen: Laut Wolff sei es noch viel zu früh für diese "unpopulären Entscheidungen" - die nächsten Rennen werden zeigen, ob dies mehr sind als leere Worte oder Bottas und Räikkönen in der zweiten Saisonhälfte doch nur Hamiltons und Vettels Gehilfen sind.