München - Während Lewis Hamilton die Pole in Silverstone feiert, sorgt sich Ferrari um den Nacken von Sebastian Vettel. Hält dieser, spricht vieles für einen Vettel-Sieg.

von Stefan Schnürle

Ausgerechnet 44 Tausendstelsekunden betrug der Unterschied zwischen Lewis Hamilton und Sebastian Vettel beim Qualifying in Silverstone (Rennen ab 15.10 Uhr im LIVETICKER). Die 44 - das ist nicht nur Hamiltons Startnummer - von ihr hat der Weltmeister sogar ein Tattoo hinter seinem rechten Ohr.

Am Samstag war die 44 erneut auf Hamiltons Seite. Wie wichtig dies für Hamilton war, zeigte sich danach: Der Weltmeister machte Luftsprünge und feierte seine 76. Pole mit seinem Heimpublikum ausgelassen.

"Ich habe nur gebetet, dass ich es schaffe. So sehr unter Druck war ich noch nie. Es ging so eng zu. Und dann ist mir eine meiner besten Runden aller Zeiten gelungen. Danach zitterte ich vor Adrenalin", sagte ein emotionaler Hamilton. (SERVICE: Die Fahrerwertung)

Vettel trotzt Nackenschmerzen

Deutlich gefasster nahm WM-Leader Vettel Startplatz zwei zur Erkenntnis. Der Ferrari-Pilot weiß, dass er damit trotzdem noch große Siegchancen hat und es deutlich schlimmer hätte ausgehen können.

Denn bis kurz vor Beginn des Qualifyings war es überhaupt nicht sicher, ob Vettel überhaupt daran teilnehmen kann. Wegen Nackenproblemen drehte er im dritten Training nur acht Runden und musste in der Schlussphase sogar komplett zuschauen.

Im Qualifying biss Vettel auf die Zähne, auch wenn es "nicht sehr angenehm war." Woher die Schmerzen kamen, wusste Vettel nicht: "Es hat am Morgen angefangen, sich schlecht anzufühlen." (Die Stimmen des Qualifyings)

Hamilton: "Runde in einem Kampfjet"

Trotz der Schmerzen verpasste Vettel nur hauchdünn die Pole, was Hoffnung für das Rennen macht. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie Vettel mit diesen Schmerzen ein ganzes Rennen absolvieren will.

Die 5,891 Kilometer von Silverstone, die 52 Mal gefahren werden müssen, sind aufgrund der hohen Kurvengeschwindigkeiten eine große Herausforderung für die Nackenmuskulatur. Hamilton verglich es mit einer "Runde in einem Kampfjet". Zudem sei die Strecke "so holprig wie die Nordschleife."

Doch die Tifosi müssen sich Vettel zufolge keine Sorgen machen. "Die Nacht wird mir helfen. Das Auto wird vollgetankt. Das heißt, es ist nicht mehr so schnell. Also sind wir alle ein bisschen langsamer. Ich mache mir für das Rennen keine Sorgen", gab Vettel Entwarnung.

Vettel startet als Favorit

Sollte der Nacken keine Probleme bereiten, geht Vettel trotz Startplatz zwei als Favorit ins Rennen. Der Grund dafür sind die starken Longruns von Ferrari am Freitag. "Zurecht" antwortet Vettel daher, als ihm gesagt wird, dass er für viele Experten der Favorit ist.

Neben den Longruns könnte Vettel ein zweiter Umstand in die Karten spielen: Die überraschend hohen (Asphalt-)Temperaturen in Silverstone. Denn wenn ein Team Reifenprobleme bei hohen Temperaturen bekam, war dies bisher immer Mercedes.

Bereits in Spielberg litten die Silberpfeile unter dem hohen Verschleiß. Damit dies nicht erneut passiert, plant Mercedes die Strategie zu splitten, obwohl die Einstopp-Taktik laut Reifenhersteller Pirelli zumindest in der Theorie schneller ist. (SERVICE: Die Teamwertung)

Mercedes fürchtet Topspeed von Ferrari

Bei Mercedes fürchtet man vor allem die Geschwindigkeit auf den Geraden von Ferrari: "Es wird mit ihrem Topspeed unheimlich schwierig, die Position zu halten. Da muss schon alles Glück auf unserer Seite sein, damit wir vorne bleiben", warnt Wolff.

Dies wäre bis vor kurzem noch undenkbar gewesen, doch Ex-Weltmeister Nico Rosberg scheint mit seiner bei RTL geäußerten Vermutung Recht zu haben: "Ich lehne mich aus dem Fenster und sage: 'Ferrari hat gerade mehr PS als Mercedes'."

Da Bottas nur als Vierter startet und hinter Vettel auch noch Kimi Räikkönen folgt, hat Ferrari auch in Sachen Strategie die Trümpfe in seiner Hand. Die größte Sorge, die man bei den Italienern vor dem Rennen hat, lautet daher: Hält Vettels Nacken?