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München - Am Mittwoch startet die Formel E in ihr finales Renn-Sixpack. Serien-Chef Alejandro Agag spricht im SPORT1-Interview über die Formel E und die Fehler der Formel 1.

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Am Mittwoch startet die Formel E in das finale Renn-Sixpack in Berlin. 

Bis zum 13. August fallen in der Elektro-Serie die letzten Entscheidungen.

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Serien-Boss Alejandro Agag spricht im SPORT1-Interview über die Formel E, die Unterschiede zur Formel 1, was die Königsklasse in Bezug auf die Zukunft falsch macht und Sebastian warum Vettel sowie Lewis Hamilton nicht in eine andere Klasse wechseln.

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SPORT1: Herr Agag, wie froh sind Sie, dass die Formel E endlich wieder an den Start geht?

Alejandro Agag: Ich finde es sehr wichtig, den Sport zurück ins Leben zu holen. Selbst, wenn das ohne Zuschauer hinter verschlossenen Türen passiert: Die Leute brauchen Unterhaltung. Sport macht die Menschen glücklich. Und: Sport kann hinter verschlossenen Türen sicher organisiert werden. Die Teams werden alle in einem Hotel untergebracht, werden mit Shuttlebussen zur Rennstrecke gekarrt. Wir können unsere eigene kleine Quarantänewelt erschaffen.

SPORT1: Angesichts von Klimawandel und Corona: Welches Signal will die Formel E in dieser Situation senden?

Agag: Wir müssen besser für die Zukunft planen. Die Lektion aus dieser Krise ist doch, dass wir nicht wirklich gut vorbereitet waren. Ich will hier niemanden an den Pranger stellen, keine Ärzte, keine Politiker. Unser System plant einfach nicht langfristig. Das müssen wir ändern. Wir müssen uns auf die großen Bedrohungen unseres Planeten vorbereiten. Das kann ein neues pandemisches Virus sein, das ist aber auch der Klimawandel. Corona ist eine Art frühe Simulation dessen, was passiert, wenn uns der Klimawandel unvorbereitet trifft. Denn auch dort könnte es zu dramatischen Auswirkungen und drastischen Maßnahmen kommen. Viele Menschen machen sich Sorgen wegen des Klimawandels, aber wir tun nicht genug dagegen. Die Lektion von Covid-19 muss es sein, Pläne zu schmieden.

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SPORT1: Und wie kann die Formel E da helfen?

Agag: Wir wollen die Botschaft verbreiten, dass Elektro-Autos wichtiger und relevanter sind als je zuvor. Atmen Sie doch mal die Luft in unseren Städten ein! Nach nur wenigen Tagen ohne Verkehr ist sie viel sauberer und gesünder. Deshalb stellen wir die Frage: Wollt ihr wirklich zurück in die Situation davor? Unsere Botschaft ist: Lasst uns noch stärker für die Elektrifizierung der Mobilität kämpfen. Natürlich ist die Versuchung groß, Geld zu sparen und günstigere Wege des Transports zu nutzen. Gerade auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wie diesen. Elektrifizierung kostet. Moderne Infrastruktur kostet. E-Autos sind teurer als herkömmliche Modelle. Aber man darf jetzt nicht den einfachen Weg gehen. Der macht die Probleme in Zukunft nur größer.

SPORT1: Aber was entgegnen Sie Kritikern, die die Batterien in Ihren Formel-E-Autos als alles andere als umweltfreundlich bezeichnen?

Agag: Die Botschaft hinsichtlich der Batterien ist falsch. Natürlich sind sie nicht ideal. Aber erstens kann man sie recyceln, zweitens ist es besser eine Batterie zu haben als Autos, die Rauch in die Atmosphäre blasen. Und auch wenn die Batterien die Umwelt belasten, sie tragen nicht zum Klimawandel bei. Sie emittieren kein CO2 in die Atmosphäre und auch kein CO2, das die Lungen der Stadtbewohner schädigt.

SPORT1: Im Vergleich mit der Formel 1 haben Sie jetzt schon den Vorteil der geringeren Kosten. Bei Ihnen gibt ein Hersteller pro Jahr um die 30 Millionen Euro aus, in der Formel 1 rund 400 Millionen. Wie wichtig ist es, diese Zahl weiter nach unten zu schrauben – für alle Sportarten?

Agag: Wir müssen uns doch mal die Frage stellen: Warum organisieren wir überhaupt Sport-Events? Antwort: Sie sollen die Menschen in erster Linie unterhalten. Dafür braucht man nicht Millionen und Abermillionen von Euro. Zweitens: Motorsport ist ein Labor, um die Technik in extremen Situationen schnell weiterzuentwickeln und zu testen. Dafür, ja, dafür braucht man Geld. Aber keine verrückten Mengen. Deshalb müssen wir die Kosten verantwortungsbewusst senken, ohne dabei den Technologieaspekt zu schädigen. Ich denke, wir haben viel Spielraum. Nach der Corona-Krise werden die Kosten für jedes Unternehmen eine wichtige Rolle spielen. Jeder muss sparen. Mit der Formel E versuchen wir, diese Entwicklung vorwegzunehmen. Bevor die Firmen uns fragen, ob wir die Kosten reduzieren können, teilen wir ihnen mit, dass wir das schon getan haben.

SPORT1: Haben Sie denn Angst, Hersteller nach dieser Krise auch ganz zu verlieren?

Agag: Natürlich besteht das Risiko, aber ich mache mir keine speziellen Sorgen um die Hersteller. Besonders dann, wenn wir ihnen eine vernünftige Balance zwischen Kosten und der Möglichkeit, eigene Technologien zu entwickeln, vorschlagen. Denn Letzteres ist für die Autobauer wichtig. Wenn wir nicht kosteneffizient arbeiten und die Ausgaben hochhalten, ja, dann werden wir Hersteller und auch Privatteams verlieren.

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SPORT1: Verstehen Sie Formel-1-Teams, die derzeit mehr als 400 Millionen Euro pro Jahr ausgeben?

Agag: Nein, denn das macht keinen Sinn. Das ist komplett verrückt. Vor allem ist so ein Budget Verschwendung. Denn es entwickelt keine Technik weiter und hilft auch nicht den Leuten auf der Straße. Das Geld ist allein dazu da, ein oder zwei Zehntelsekunden auf der Strecke zu finden und zu gewinnen. Das muss sich ändern. In meinen Augen hat die Formel 1 jetzt eine fantastische Gelegenheit, um ihr finanzielles Modell effizient, vernünftig und nachhaltig zu gestalten.

SPORT1: Besteht angesichts dieser Krise denn vielleicht sogar die Chance auf eine Zusammenlegung der Formel E und der Formel 1? Sebastian Vettel selbst kritisierte zuletzt, dass die hocheffizienten Hybridmotoren der Königsklasse ihren Weg in die Serie nicht finden.

Agag: Es stimmt. So viele Serien parallel zu fahren, macht eigentlich keinen Sinn. Ich bin sehr wohl der Meinung, dass Formel 1 und Formel E eines Tages verschmelzen müssen. Aber ich weiß nicht wann. Das Problem der Formel 1 ist: Verbrennungsmotoren sind eine Technologie der Vergangenheit. Was nicht heißt, dass sie verschwinden werden. Pferderennen gibt es ja auch noch. Und die bieten beste Unterhaltung. Aber es wird in gewisser Weise eine Klassikveranstaltung sein. Die Technologie der Zukunft ist elektrisch. Ob mit Batterie oder Wasserstoff und Brennstoffzelle – egal. Das ist auch die Zukunft des Rennsports. Wenn die Formel 1 bei Verbrennungsmotoren bleibt, wird sie immer weniger relevant für die Serienautos. Ich stimme Sebastian also zu: Die Antriebe sind extrem effizient, aber sie haben keinen Bezug zur Realität auf der Straße. Ich denke trotzdem, dass auch Verbrenner-Technologie viel zum Kampf gegen den Klimawandel beitragen kann. Denn nicht alle werden von heute auf morgen elektrisch fahren. Aber die Formel 1 geht mit ihrer komplizierten Hybridtechnologie in die falsche Richtung.

SPORT1: Welchen Formel-1-Fahrer würden Sie also gern aus der Königsklasse weg in Ihre Serie locken?

Agag: Ich hätte sie am liebsten alle! Ich habe mich mit Sebastian dieses Jahr beim Skirennen in Kitzbühel unterhalten. Aber klar ist auch: Fahrer wie Hamilton, Vettel, Verstappen; sie wollen in der Formel 1 sein. Sie wollen Nachfolger von Legenden wie Ayrton Senna, Alain Prost oder Michael Schumacher werden. Ich kann also verstehen, dass es der Traum jedes Fahrers ist, in dieser Liste aufzutauchen. Aber mein Wunsch ist, dass es eines Tages nur noch eine Liste gibt: für Formel 1 und Formel E.

SPORT1: Machen Sie sich Sorgen, dass Sie die Hardcore-Motorsportfans nie gewinnen werden?

Agag: Das ist ja gar nicht unser Ziel. Sie heißen ja Petrol Heads, weil sie eben auf Verbrennungsmotoren stehen. Wir haben kein Benzin. Wir sprechen eine neue Generation von Fans an. Trotzdem haben wir auch Fans in unseren Reihen, die einfach nur das Rennfahren lieben. Egal mit welchem Antrieb.