Die DTM steht dank Coronakrise und Audi-Ausstieg vor dem Aus
Die DTM steht dank Coronakrise und Audi-Ausstieg vor dem Aus © Imago
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München - Die DTM wird vom Audi-Ausstieg kalt erwischt. Der Überlebenskampf wird härter – und auch aussichtsloser. Hans-Joachim Stuck setzt auf DTM-Chef Gerhard Berger.

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Die Pechsträhne ist fast schon unglaublich. Bizarr. Unfassbar eigentlich.

Seit Gerhard Berger die DTM im Frühjahr 2017 übernommen hat, haben sich drei Hersteller verabschiedet. Erst Schwergewicht Mercedes Ende 2018, im Januar 2020 dann Aston Martin nach nur einem Jahr und nun der nächste Big Player: Audi wird sich nach der Saison 2020 verabschieden.

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Schluss. Aus. Vorbei.

Bei allen Verdiensten Bergers um die sportliche Weiterentwicklung der angestaubten Serie: Die Ausstiege werden auch mit ihm immer in Verbindung stehen. Der letzte könnte zum endgültigen Todesstoß werden für eine Serie, die sowieso schon stark angeschlagen war.

Denn für die DTM ist es ein Tiefschlag, von dem sie sich wohl kaum noch erholen wird. 2020 könnte das letzte Kapitel aufgeschlagen werden, wenn es die Coronakrise überhaupt zulässt. Die Saison ist ausgesetzt und soll Mitte Juli auf dem Norisring starten.

Beben in der Szene

Die Tourenwagenserie mag nicht mehr so groß, so beliebt und so einflussreich sein wie noch in den 90er und auch noch 2000er Jahren, doch der Rückzug der Ingolstädter inmitten der Coronakrise sorgt für ein Beben in der Szene.

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Zum einen als deutlicher Fingerzeig, wie hart die Pandemie den Autobauer bereits jetzt getroffen hat. Normalerweise gibt Audi das Motorsport-Programm im Herbst bekannt. Nicht wenige glauben, dass weitere Hersteller die aktuelle Krise zum Anlass nehmen, ihre Aktivitäten einzustellen oder zumindest extrem einzustampfen.

Gleichzeitig wird durch die Audi-Fokussierung auf die Formel E und die Elektromobilität die Frage drängender: Wie zeitgemäß ist traditioneller Motorsport mit Verbrennermotoren noch?

Zum anderen droht dem Dino DTM zum zweiten Mal nach 1996 das Aus. Erst ging Aston Martin Ende Januar, dann kam Corona, schließlich verabschiedet sich auch Audi – aktuell scheint es nach den neuerlichen Rückschlägen schwer vorstellbar, wie die Serie noch einmal die Kurve kriegen soll.

Treffen mit Berger

In der Krise wollen auch langjährige Wegbegleiter beim Überlebenskampf helfen, Audi-Legende Hans-Joachim Stuck ist zwar im Februar als DMSB-Präsident zurückgetreten, wird sich aber trotzdem in dieser Woche mit DTM-Chef Gerhard Berger zusammensetzen, wie er bei SPORT1 verriet. Sogar Berger war vom Audi-Rückzug überrascht worden, er kritisierte Audi für die Kurzfristigkeit.

Klar: Berger kann im Kampf gegen den Untergang jeden Input gebrauchen, jede Idee, jede Alternative. "Das war erst einmal ein Schock. Jetzt müssen wir schauen, was 2020 noch geht. Und dann muss man in Ruhe überlegen, was man mit der Zukunft macht. Man kann jetzt noch keine Richtung festlegen", sagte Stuck SPORT1.

Er appelliert trotz des Schocks, Ruhe zu bewahren. "Wir haben durch Corona ganz neue Probleme, die auf uns zukommen, in der Automobilindustrie, aber auch im Sport. Das sind Dinge, die man nicht innerhalb von zwei Tagen lösen kann, Hauruck-Aktionen bringen nichts."

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Doch welche Möglichkeiten hat die Serie überhaupt, wenn es weitergehen soll?

Viel deutet darauf hin, dass man sich ganz neu erfinden muss. "In dieser Situation sehe ich keinen neuen Hersteller oder gar zwei neue. Das Geld ist schlicht und ergreifend nicht vorhanden", so Stuck, der auch nicht glaubt, dass die Kooperation mit der japanischen Super GT in der Form Früchte trägt, dass nicht nur Showrennen ausgetragen werden, sondern Honda, Toyota oder Nissan permanent mitmischen. Auch wenn beide Serien mit nahezu identischen Autos fahren.

GTM statt DTM als Option?

"Auch das sehe ich überhaupt nicht. Der Grundgedanke ist sicher gut, ich konnte mir das aber schon vor der Krise nicht vorstellen, dass Japaner permanent in der DTM mitmachen und umgekehrt", so Stuck.

Eine Option, die Stuck selbst ins Spiel bringt, ist der Wechsel von den DTM-Autos hin zu bestehenden GT-Fahrzeugen. "Vielleicht sollten wir überlegen, aus der DTM eine GTM zu machen mit seriennahen GT3- oder GTE-Fahrzeugen, das wäre vielleicht ein Ansatz", sagte er: "Es gibt in dem Bereich ja keine Sprintrennen." Dafür aber potenziell zwölf verschiedene Marken.

Er greift damit eine Idee auf, die schon mehrmals diskutiert wurde, zuletzt Ende des vergangenen Jahres, davor beim angekündigten Mercedes-Ausstieg 2017– von Berger gab es aber jeweils eine Absage. Für ihn sind das in erster Linie zwei verschiedene Konzepte. Noch.

Eine Kollisionsgefahr mit dem GT Masters sieht Stuck übrigens nicht, im Gegenteil: Man solle beide Serien zusammenlegen, sagt er: "Auch für den Fan. Denn der wird nach der Krise weniger Geld haben. So müsste er nicht zehn, sondern nur fünf Mal zu Rennwochenenden."

Hat Berger die Nase voll?

All das ist Zukunftsmusik, die möglicherweise nie gespielt wird. Die DTM war schon immer Überlebenskünstler, doch das Ausmaß der Krise mit immer noch nicht endgültig absehbaren Folgen für die Wirtschaft dürfte selbst für die DTM eine Nummer zu groß sein. Stuck will daran noch nicht denken: "Ich denke immer positiv: Abwarten und Tee trinken."

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Er glaubt auch nicht, dass Berger nach dem dritten Ausstieg eines Herstellers seit seinem Amtsantritt 2017 die Brocken hinschmeißt.

"Der ist ein Beißer, ich glaube nicht, dass er hinschmeißt. Solange es eine Chance gibt, wird er es versuchen. Und wenn sich vernünftige Möglichkeiten ergeben, wird er etwas Gescheites draus machen", so Stuck.

Das Glück, das man dafür benötigt, wäre ihm diesmal zu wünschen.