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"Das Heer wusste, dass ich am Sonntag Superstar spielte": Welche Härte WRT-Audi-Pilot Ferdinand Habsburg bei seinem Wehrdienst erlebte und wieso er dankbar ist

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Erleben wir 2020 in der DTM einen neuen Ferdinand Habsburg? Der 22-Jährige, der diese Woche bei WRT-Audi das letzte Cockpit für die bevorstehende Saison ergatterte, hat laut eigenen Angaben beim Bundesheer einen großen Entwicklungssprung gemacht. "Ich kann mit Sicherheit sagen, dass ich ohne meine Zeit beim Heer nicht mal ansatzweise so fit wäre wie jetzt", sagt der Österreicher im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com'.

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Aber nicht nur das: Die einmonatige Grundausbildung, zu der Habsburg am 7. Januar in die Dabschkaserne in Korneuburg einrücken musste, habe ihn laut eigenen Angaben auch mental gestärkt. "Ich will es nicht schönreden: Die ersten vier Wochen sind knallhart", gibt Habsburg zu. "Aber das sind die vier Wochen, die ich am meisten schätze und für dich in meiner Zeit beim Heer am meisten dankbar bin. Ich habe extrem viel über mich selbst gelernt."

Seine Erkenntnis? "Ich war als privilegierter Österreicher sicher teilweise zu weich", sagt Habsburg. "Diese Teile wurden aufgehärtet, und du wirst zum ersten Mal in deinem Leben mit der Realität konfrontiert. Das war wirklich wichtig." Nun möchte er "so viel wie möglich von diesen Erfahrungen in den Motorsport mitzunehmen".

Warum sich Habsburg oft "schrecklich" fühlte

Aber welche Erfahrungen haben den Urenkel des letzten österreichischen Kaisers so sehr weitergebracht? "Du wirst physisch und psychisch andauernd extrem gefordert, kriegst wenig Zeit zum Schlafen, kriegst fünf Minuten Zeit für Mitagessen und Abendessen", schildert Habsburg sein Leben in der Kaserne.

"Da stopfst du alles in dich hinein, bist aber nie voll. Sie bringen dich ans Limit, du bist immer ein bisschen hungrig, ein bisschen müde - und du wirst immer angebrüllt. Außerdem ist es dir dauernd schrecklich kalt."

Es habe viele Situation gegeben, in denen er sich "schrecklich gefühlt" habe, sagt Habsburg. Durch diese Tiefschläge habe er aber auch erkannt, wie privilegiert er sei. "Wenn dir die Leute, die es dir schwierig machen, die erste 30-minütige Pause erlauben, in der du auch was essen kannst, dann würdest du sie am liebsten abschmusen", grinst Habsburg. "Das ist ein faszinierender Moment."

Habsburg erfuhr, wie privilegiert sein Leben ist

Die Erfahrung hat sich beim jungen Rennfahrer eingebrannt. "Das geht so weit, dass man plötzlich wirklich dankbar ist, wenn man dreimal am Tag zu Hause essen kann, wann man will. Oder einmal zuhause schlafen darf. In einem Satz: You understand your Privilege!"

Nun sieht Habsburg die Welt mit anderen Augen. "Man versteht plötzlich: Ich lebe in einem Land wie Österreich, in dem ich Freiheit ohne Ende und keine Sorgen habe. Die Straßen sind sauber, es gibt nicht viele Krankheiten - jetzt mal abgesehen vom Coronavirus. Aber ich leide nicht unter Hunger oder habe keinen Schlafplatz. Dafür war ich davor noch nie dankbar. Und ohne diese Erfahrung hätte es sein können, dass das so bleibt."

Den Kontrast zwischen dem glamourösen Leben als Rennfahrer und der Härte des Bundesheeres erlebte Habsburg nie so extrem wie am letzten Januar-Wochenende, als er bei der Sportartikelmesse ISPO in München als Stargast auftrat. "Ich habe dienstfrei bekommen, bin hingeflogen und war dort der DTM-Star - so wie es halt ist, wenn man als Rennfahrer auftritt", erzählt Habsburg.

Nach PR-Event: Boden putzen statt Frühstück

"Alles war sehr aufgeblasen. In solchen Situationen kann es sehr leicht passieren - und das sage ich jetzt ganz ehrlich -, dass du wirklich glaubst, du bist ein Superstar. Das kann dir zu Kopf steigen. Ich bin dann am Abend nach Wien zurückgeflogen und fuhr sofort in die Kaserne, weil ich am Sonntagabend da sein musste."

Am Montagmorgen folgte das böse Erwachen: "Das Heer wusste, dass ich am Sonntag Superstar gespielt habe. Und dann hieß es: 'Der Ferdinand darf jetzt um sechs Uhr morgens einmal auf sein Frühstück warten und muss den Schuhreinigungsraum putzen. Und wenn der sauber ist, darf er vielleicht was essen. Der Habsburg muss mal wieder in die Realität zurückkehren.'"

"Dann haben sie mir zu wenig Putzmittel gegeben, ich habe also den Schmutz nicht vom Boden wegbekommen. Der einzige Weg, das zu säubern und so mein Essen zu bekommen, war auf die Knie zu gehen und meine Fingernägel zum Putzen zu benutzen." Die demütigende Aufgabe dauert eineinhalb Stunden. "Danach bin ich aufgestanden und habe mich so gefreut", schildert Habsburg die Ereignisse, die er nie vergessen wird.

DTM-Saison 2020: Darum ist das Heer kein Hinderniss

"Was für ein genialer Moment! Vor zwölf Stunden war ich dieser Superstar, war hochnäsig und habe mir gedacht, ich bin so cool! Und dank dem Heer war mir klar: Ich bin wie jeder andere, und meine Füße sollen verdammt noch mal am Boden bleiben. DTM-Rennfahrer ist das eine, aber es ist nicht so, dass ich mal irgendwo ein Kind gerettet habe oder der Papst bin."

Wie Habsburg nun die sechsmonatige Wehrpflicht und die DTM miteinander vereint? Nach der Grundausbildung wechselte er als Heeresleistungssportler ins Ausbildungszentrum in die Südstadt, knapp außerhalb von Wien. Dort trainiert er unter anderem mit Moritz Thiem, dem Bruder von Österreichs Tennisstar Dominik Thiem.

"Ich habe Zugang zu allen Trainingsmöglichkeiten, die es beim Heer gibt, und bin in einer Kaserne mit 50 anderen Jungs und Mädels, die alle Leistungssportler sind. Wir trainieren und essen zusammen - und haben viel Spaß", sagt er.

Für die DTM-Testfahrten, die kommende Woche in Hockenheim stattfinden, und die bevorstehende Saison wird er vom Heer freigestellt: "Wenn ich in meinem Sport einen Vertrag habe, dann bekomme ich eine Dienstfreistellung. Da muss ich mir also keine Sorgen machen." Das ist seit der Bestätigung durch WRT-Audi am Mittwoch dieser Woche der Fall.

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