Timo Glock wirft Mercedes vor, Lucas Auer im Rennen benutzt zu haben, um Gary Paffett einen Vorteil im Meisterschaftskampf zu verschaffen: "War ganz klar der Fall!"

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Der Vierfacherfolg von Mercedes im Samstagsrennen in Zandvoort geht einher mit der Frage: Haben die Stuttgarter Taktikspiele eingesetzt, um Gary Paffett zu seinem dritten Saisonsieg zu verhelfen? Immerhin konnte der Brite so seine Führung in der DTM-Gesamtwertung auf 21 Punkte ausbauen. Grund zu der Annahme, die die Motorsportszene beschäftigt, ist Lucas Auers Performance. Der Österreicher lag zu Beginn des Rennens auf Platz vier hinter seinen drei Markenkollegen Gary Paffett, Pascal Wehrlein und Paul di Resta. Doch die Pace mit den Vordermännern konnte er überraschenderweise zunächst nicht mitgehen.

"Ein bisschen schade ist es, dass man diese Spielchen auspackt mit Lucas Auer am Anfang, das wäre nicht nötig gewesen. Denn sie hatten so einen großen Vorteil in der Pace, dass sie das eigentlich nicht gebraucht hätten", sagt Timo Glock nach dem Rennen bei 'ran.de'. Im gelben BMW auf Platz fünf hatte der Deutsche praktisch einen Logenplatz, das Geschehen vor ihm zu beobachten. "Aber man hat es schon wieder gemacht, das ist natürlich schade, aber hat uns in eine Position gebracht, dass wir früh stoppen mussten und es ein Nachteil für uns war."

Dass er gegen die Stuttgarter nicht ankommen kann, war dem BMW-Piloten schnell klar. Was ihn umso mehr beschäftigt ist das, was mit dem orangen Mercedes vor ihm los war. "Die Frage ist, hat man Lucas Auer benutzt, um den vorne etwas Luft zu verschaffen, weil sie in der Vergangenheit hier öfter schon mal Reifenschäden hatten? Da bin ich noch nicht so ganz schlau geworden. Oder haben sie sich einfach Flexibilität verschafft, was die Strategie angeht."

"Ich kritisiere nicht Lucas. Ich kritisiere Mercedes."

Auch der ehemalige DTM-Pilot Timo Scheider, der als Sat.1-Experte die Rennen kommentiert, rätselt warum Auer den Anschluss an die Spitze nicht halten konnte. "Ich habe mich schon gewundert, wie viel Zeit Lucas Auer am Anfang nach vorne verloren hat. Der ganze Rattenschwanz hing dahinter. Da muss ich Timo recht geben. Ob das strategische Hintergründe hatte und ich mich wieder aus dem Fenster lehnen sollte hier, um Mercedes zu kritisieren weiß ich nicht. Das überlasse ich in dem Fall dem Timo (Glock)", sagt der zweimalige DTM-Champion.

Glock hingegen ist sicher, was er im Rennen gesehen hat und bleibt bei seinem Standpunkt: "Wenn du hinterherfährst und weißt, dass der andere vorne zählt: '21, 22' und dann erst aufs Gas geht, dann weißt du, dass er alles verlangsamt. Wieso soll Lucas Auer am Anfang so ein Problem haben und zum Schluss hin auf einmal den Speed gehen können? Das ist ganz klar der Fall gewesen in meinen Augen, dass sie das so gemacht haben."

Der BMW-Fahrer stellt klar, dass er Auer keinen Vorwurf für sein Verhalten macht. Immerhin dürfte der junge Tiroler nicht ganz freiwillig so gehandelt haben, sondern eine Anordnung seines Arbeitgebers umgesetzt haben. "Ich kritisiere nicht Lucas. Ich kritisiere Mercedes, dass sie ihn instruiert haben", sagt Glock. "Er hat ja auch noch eine Chance um die Meisterschaft zu fahren. Ich kritisiere, dass man jemanden abstellt und vor dem Rennen sagt: 'Du macht das, du machst das und du machst das.'."

Auer hat noch (theoretische) Chancen auf den Titel

Auer liegt momentan auf Platz fünf in der Fahrerwertung und hat 40 Zähler Rückstand auf den Tabellenführer Paffett. Für Glock ist klar, dass bei allen drei Herstellern ähnlich agiert wird, wenn es um den Kampf um die Meisterschaft geht. Und da die Piloten von den Herstellern bezahlt werden, müssen sie das tun, was ihnen gesagt wird, wenn sie ihren Job behalten möchten.

Für Glock spielt allerdings eine Rolle, wann die Hersteller mit den taktischen Spielen beginnen. Immerhin sind bislang weniger als die Hälfte der 20 Saisonrennen ausgetragen worden. "Ab irgendeinem Punkt, wenn nur noch zwei oder drei Fahrer um die Meisterschaft kämpfen können... Klar werden dann die anderen nicht attackieren und strategisch unter Druck gesetzt. Die Spielchen sind in der DTM normal. Die Frage ist: Wann fängt man damit an?", wirft der Deutsche in den Raum.

Scheider ist ebenfalls kein Freund von Teamorder, allerdings kann er die Entscheidung der Stuttgarter auf eine gewisse Art nachvollziehen. "Am Ende sollte der gewinnen, der der Schnellste ist. Aber es ist einfach leider Gottes so. Wir müssen eines sagen: Hier sind viele Millionen im Hintergrund, die dafür eingesetzt werden, diesen tollen Motorsport zu bieten. Und irgendwann gibt es in der Saison einen Punkt, an dem du deine Strömung nutzen musst und deine Performance zählt nur mit dem Ergebnis am Ende des Jahres", so der Ex-Audi-Fahrer.

Mercedes verteidigt sich

Er ergänzt: "Wie du da hingekommen ist, da fragt kein Mensch mehr danach. Aber wenn der Titel auf dem Titel auf dem Tisch liegt, ist es der Titel, der auf dem Tisch liegt. Wie du dazu gekommen bist... da gibt es ein paar Leute, die fanden das nicht so gut. Es gibt ein paar Kritiker in den Medien und bei den Fans. Klar, das ist nicht gut und will keiner sehen. Aber es gehört irgendwie dazu."

Auer erklärt, warum es zu Beginn des Rennens langsamer machen musste: "Es war vorher klar, dass einer von uns Mercedes-Fahrern da vorn einen längeren ersten Stint fahren muss. Heute war ich das halt. Das hat dazu geführt, dass ich zu Beginn vorsichtig fahren musste. Nicht wegen der Reifen an sich, sondern weil man für einen längeren Stint mit geringerem Reifendruck losfährt."

Mercedes-DTM-Teamchef Ulrich Fritz nimmt Auer in Schutz: "Der Lucas hat das sehr gut gemacht. Er wurde auf einen längeren ersten Stint angesetzt. Das hat natürlich zur Folge, dass man nicht von der ersten Runde an volle Pulle fährt und sich die Reifen kaputtfährt. Die anderen konnten Gas geben, weil sie ohnehin schnell zum Wechsel kommen sollten."

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