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Die Entscheidung fiel wie erwartet aus © Getty Images

Die Suspendierung ist beendet: Die Exekutive der WADA nimmt die RUSADA wieder auf. Die russische Agentur soll bei der Abstimmung eine klare Mehrheit bekommen haben.

Dem weltweiten Sturm der Entrüstung zum Trotz hat die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) die russische Anti-Doping-Agentur RUSADA wieder aufgenommen und damit den Weg für eine vollständige Rückkehr der Großmacht in den Weltsport freigemacht.

Drei Jahre nach der Aufdeckung des staatlich gedeckten Dopingsystems wird das Riesenreich damit auf höchst fragwürdige Weise rehabilitiert - die WADA befördert sich mit diesem Beschluss gleichzeitig in eine tiefe Glaubwürdigkeitskrise. 

Die Exekutive hat mit "großer Mehrheit entschieden", sagte WADA-Chef Craig Reedie, angeblich mit 9:2 Stimmen. "Die Entscheidung ist verbunden mit einem klaren Zeitplan, nach dem der WADA Zugang zum Moskauer Anti-Doping-Labor und den darin vorhandenen Proben gewährt werden muss", führte Reedie aus. Deadline ist der 30. Juni 2019. Sollte diese nicht eingehalten werden, würde es die Exekutive unterstützen, die RUSADA wieder zu suspendieren.

WADA-Vizepräsidentin: "Wir haben versagt"

WADA-Vizepräsidentin Linda Helleland ging nach der Abstimmung hart mit ihren Kollegen ins Gericht. "Die Entscheidung wirft einen Schatten auf die Glaubwürdigkeit der Anti-Doping-Bewegung", sagte die 41-jährige Norwegerin: "Heute haben wir für die ehrlichen Sportler auf der ganzen Welt versagt." Helleland war mutmaßlich für eine der zwei Gegenstimmen verantwortlich. Sie hatte im Vorfeld angekündigt, gegen die Wiederaufnahme der RUSADA zu stimmen. Bei den Wahlen 2019 will die Norwegerin als Gegenkandidatin von Reedie antreten.

Auch aus Deutschland kamen kritische Reaktionen. "Die Entscheidung der WADA, die RUSADA zum jetzigen Zeitpunkt als compliant, also regelkonform arbeitend, einzustufen, ist ein herber Rückschlag für uns. Die Entscheidung setzt ein falsches Signal", teilte Andrea Gotzmann, die Vorstandsvorsitzende der Nationalen Anti-Doping Agentur NADA, in einer ersten Reaktion mit: "Das Vertrauen in die WADA ist massiv erschüttert. Die Vision von einem unabhängigen Regelungsgeber ist mit der heutigen Entscheidung des WADA-Exekutiv-Komitees zerstört worden."

Tygart erneuert Kritik

Travis Tygart, Chef der US-Anti-Doping-Agentur USADA, erneuerte seine bereits im Vorfeld geäußerte Kritik. "Heute haben wir die wichtigste Entscheidung in der Geschichte der WADA erlebt, und sie endete mit einem verheerenden Ergebnis für die sauberen Athleten in aller Welt", wird Tygart in einem von der USADA verbreiteten Statement zitiert. 

Die Entscheidung der WADA, so Tygart, sei verwirrend und unerklärlich: "Die WADA hat eine klare Botschaft an die Welt gesendet: Wir setzen die Wünsche einer Handvoll Sportfunktionäre über die Rechte von Millionen sauberer Athleten und die Träume von Milliarden Sportfans auf der ganzen Welt."

Whistleblower Grigorij Rodtschenkow, die Schlüsselfigur der Russland-Suspendierung im November 2015, sprach von einer "Katastrophe für den sauberen Sport". Dessen Anwalt Jim Walden nannte das Ergebnis den "größten Verrat an sauberen Athleten in der Geschichte Olympias".

Russische Regierung begrüßt Beschluss

In Moskau wurde das Ergebnis naturgemäß mit Freude vernommen. "Wir begrüßen die Entscheidung der WADA", teilte die stellvertretende Premierministerin Olga Golodez mit und bescheinigte ihrem Land "harte Arbeit. In den vergangenen Jahren hat Russland enorm dafür gearbeitet, transparente und nachvollziehbare Maßnahmen zu ergreifen, um Doping zu verhindern."

Die WADA hatte zuvor entscheidende Forderungen für die Wiederaufnahme der RUSADA urplötzlich per Handstreich aufgeweicht. Das geht aus mehreren Schreiben zwischen Reedie, WADA-Generaldirektor Olivier Niggli und dem russischen Sportminister Pawel Kolobkow hervor, der 2016 Strippenzieher Witali Mutko abgelöst hatte.

So müssen die Russen offenbar nicht mehr den McLaren-Report, sondern nur noch den weniger strikt formulierten IOC-Report des Schweizers Samuel Schmid anerkennen, der unter anderem die direkte Beteiligung der Regierung und des Geheimdienstes FSB ausklammert. Davon war in der Mitteilung am Donnerstag nicht die Rede.

Am vergangenen Freitag hatte der unabhängige Compliance-Prüfungsausschuss CRC der WADA empfohlen, die RUSADA nach drei Jahren wieder aufzunehmen. Drei Tage zuvor hatte es noch danach ausgesehen, dass das CRC die Aufrechterhaltung der Suspendierung empfehlen wird. Athletensprecherin Beckie Scott trat nach der Rolle rückwärts aus Protest aus dem CRC zurück.

Durch die WADA-Entscheidung verhärtet sich der Eindruck, dass die formal unabhängige Welt-Anti-Doping-Agentur (zu) stark vom Internationalen Olympischen Komitee beeinflusst wird. Das IOC will, angeführt von seinem Präsidenten Thomas Bach, einen "Schlussstrich" unter die leidige Doping-Affäre ziehen. Dem Deutschen hatte es nicht gefallen, die russischen Sportler bei den Winterspielen in Pyeongchang nur unter neutraler Flagge antreten zu lassen.