Die Olympischen Athleten aus Russland starteten bei den Winterspielen unter olympischer Flagge
Die Olympischen Athleten aus Russland starteten bei den Winterspielen unter olympischer Flagge © Getty Images

Die Welt-Anti-Doping-Agentur will ihren russischen Ableger begnadigen. Doch dieses Vorhaben stößt weltweit auf harsche Kritik.

Athleten und Sportpolitiker sind entsetzt, die Anti-Doping-Agenturen vieler Länder schlagen Alarm:

Die wahrscheinliche Wiederaufnahme der russischen Anti-Doping-Agentur RUSADA und die damit verbundene Rehabilitation der Doping-Großmacht Russland durch die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA am Donnerstag bei der Exekutiv-Sitzung auf den Seychellen sorgt weltweit für Unverständnis.

"Das ist ein echter Witz und ein Schlag ins Gesicht eines jeden sauberen Athleten", sagte Travis Tygart, Chef der US-Anti-Doping-Agentur USADA. Whistleblower Grigorij Rodtschenkow, der mit seinen Aussagen die Aufdeckung des Doping-Skandals in Russland ins Rollen gebracht hatte, sprach von einer "Katastrophe für den sauberen Sport".

DOSB geschockt über WADA-Vorgehen

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) nannte es "fatal", sollte die WADA von ihren Kriterien abweichen. Russland müsse endlich zeigen, dass der faire Wettkampf "als verbindendes Element des Weltsports akzeptiert und aktiv umgesetzt wird", sagte DOSB-Präsident Alfons Hörmann.

Wegen der Suspendierung der RUSADA sind auch die russischen Leichtathleten und Behindertensportler aus ihren Weltverbänden IAAF beziehungsweise IPC ausgeschlossen. Das könnte sich mit der Wiederaufnahme der RUSADA ändern.

Die Hoffnungen, dass es sich die WADA nach dem globalen Proteststurm doch noch anders überlegt, sind gering. "Die Äußerungen vieler Gegner dieser Entscheidung sorgen zwar derzeit für großes öffentliches Aufsehen", sagte Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag, "doch für Herrn Reedie sind die Wünsche des IOC entscheidend."

IOC soll Druck auf die WADA ausüben

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) soll Druck auf die WADA und deren blassen Präsidenten Craig Reedie ausgeübt haben. Der unabhängige Compliance-Prüfungsausschuss CRC hatte am vergangenen Freitag überraschend der WADA empfohlen, die RUSADA nach drei Jahren wieder aufzunehmen.

Als Grund nannte der CRC, dass die RUSADA die zwei elementaren Bedingungen - die Anerkennung des McLaren-Reports sowie den uneingeschränkten Zugang zum Moskauer Doping-Labor - erfüllt habe.

Seltsam nur, dass das CRC drei Tage zuvor noch die Aufrechterhaltung der Suspendierung gefordert hatte. "Mit Erstaunen nehmen wir zur Kenntnis, dass sich nun aber über Nacht die Dinge geändert haben", schrieb die deutsche Anti-Doping-Agentur NADA.

Zuvor hatte der CRC einen Brief vom russischen Sportministerium erhalten, in dem die Ergebnisse des McLaren-Enthüllungs-Reports über russisches Staatsdoping offenbar vollständig anerkannt worden sind. Im Falle der Bewilligung des Zugangs zum Moskauer Anti-Doping-Labor und den darin befindlichen Proben soll es einen konkreten Zeitplan geben.

In der Tat jedoch war die WADA auf Russland zugegangen. Aus einem Schreiben von Reedie an den russischen Sportminister Pawel Kolobkow vom 22. Juni geht hervor, dass die Agentur mit Sitz in Montreal zugunsten der Russen von ihrer ursprünglichen harten Marschroute abgewichen war und vor allem beim Kriterium Zugang zum Moskauer Dopinglabor große Zugeständnisse gemacht hat.

Athletensprecherin tritt zurück

Tygart reagierte mit Wut und Unverständnis. "Bis zum heutigen Tag haben WADA-Offizielle keinen Zugang zu den Proben von Athleten im Moskauer Labor. Zudem ist der McLaren-Report bislang nicht öffentlich anerkannt worden", sagte der einst im Fall Lance Armstrong federführende Ankläger zuletzt und schob nach: "Die Interessen einer Handvoll Sportfunktionäre werden über die Rechte von Millionen sauberer Athleten gestellt."

Auch innerhalb der WADA brodelt es. Athletensprecherin Beckie Scott trat aus Protest aus dem CRC zurück. Silke Kassner, stellvertretende Vorsitzende des Vereins Athleten Deutschland, forderte die WADA "dringend auf", die Entscheidung in der Causa Russland zu vertagen. "Wir brauchen das System, es ist alternativlos. Aber gesetzte Regeln müssen eingehalten werden, sonst brauchen wir die Institution WADA nicht."