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München und Doha - Gina Lückenkemper war das Gesicht der deutschen Leichtathletik bei der EM 2018. Ein gutes Jahr später dürfte es für sie bei der WM in Doha ungleich schwerer werden.

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Mit ihrem Auftritt auf der blauen Tartanbahn in Berlin vor gut einem Jahr hat sich Gina Lückenkemper in die Herzen der deutschen Leichtathletik-Fans gesprintet.

Die unerschrockene Art auf der Bahn, die Jubelstürme nach ihren Erfolgen und vor allem ihren markigen Sprüche ("Ich fühle mich wie Hulk") sind lebhaft in Erinnerung geblieben. Die Silbermedaille, die sie bei der EM über 100 Meter holte und Platz 3 mit der 4x100-Meter-Staffel machten sie schlagartig bekannt – weit über die Leichtathletik-Szene hinaus (Leichtathletik-WM ab 15.15 Uhr im LIVETICKER).

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"Es ist eine sehr emotionale Woche gewesen letztes Jahr", erinnert sich Lückenkemper bei SPORT1 an die turbulenten Tage von Berlin. "Irgendwie ist es auch noch ein bisschen surreal, dass es wirklich schon ein Jahr her ist."

"Was soll ich dazu noch großartig sagen?"

Die andere Seite des Ruhms bekam die heute 22-jährige Sprinterin allerdings auch schon mit. Die Heim-EM habe ihr, vor allem mental, so viel abverlangt, dass sie in dieser Saison die Handbremse ziehen musste. Konsequenz: Weniger öffentliche Auftritte, weniger Interviews.

SPORT1-Redakteur Johannes Fischer ist bei der Leichtathletik-WM in Doha vor Ort
Johannes Fischer bei der Leichtathletik-WM © SPORT1-Montage: Marc Tirl/Getty Images/SPORT1

Doch trotz des reduzierten Programms kommt Lückenkemper nicht wie erhofft ins Rollen. Dass sie bei den deutschen Meisterschaften Anfang Juli nur Zweite hinter Tatjana Pinto wurde, nahm sie noch gelassen hin. Alarmierend wurde es allerdings, als sie Anfang September die Generalprobe beim Diamond-League-Abschluss in den Sand setzte und mit 11,45 Sekunden der Weltspitze hoffnungslos hinterher sprintete.

"Was soll ich dazu noch großartig sagen. Die letzten drei Wochen waren extrem stressig, mit viel Reiserei und wenig Zeit zuhause", schrieb sie bei Instagram. "Dafür gab es dann heute die Quittung. Bei der ISTAF Pressekonferenz haben wir noch darüber geredet, dass mein mentales Loch dieses Jahr noch nicht den Saisonverlauf gestört hat...Da hab ich mich wohl zu früh gefreut."

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In den verbleibenden Wochen wolle sie ihre Akkus wieder aufladen, kündigte sie an. Den Feinschliff holte sich Lückenkemper schließlich im Trainingslager von Belek, ehe sie am Donnerstag – also erst zwei Tage vor dem ersten Start – in Doha landete.

Nur Platz 39 auf der Welt

Abgeschrieben hat sie die Titelkämpfe keinesfalls, auch wenn der Finaleinzug ein ambitioniertes Ziel sein dürfte. Dass die schnellste deutsche Frau der letzten Jahre eine Zeit unter elf Sekunden drauf hat, hatte sie bei der EM in Berlin bewiesen, wo sie sogar zwei Mal unter die magische Grenze kam.

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In der laufenden Saison liegt ihre Bestmarke bei 11,14 Sekunden – mit dieser Zeit ist sie weltweit nur die 39. und würde sich schwer tun, überhaupt das Halbfinale zu erreichen. 

"Ich glaube, Gina ist bei den Europameisterschaften sehr stark in den Mittelpunkt gerückt und hat fantastisch performt", sagt DLV-Generaldirektor Idriss Gonschinska bei SPORT1. "Sie ist ja auch gerade mal 22 Jahre alt, das vergessen viele manchmal. So eine junge Athletin muss sich mit einer völlig neuen Wahrnehmung in der Öffentlichkeit und eigener Erwartungshaltung neu definieren und auseinandersetzen."

Das macht sie gerade - und muss mit der neuen Situation klar kommen.

Tokio 2020 ist das Hauptziel

Die Hoffnung sollte man für die WM allerdings nicht aufgeben. Stimmt - trotz des Ausrutschers von Brüssel - der Formaufbau mit dem extrem späten Saisonhöhepunkt, dann könnte zumindest der Endlauf drin sein. "Ich denke schon, dass ich unter elf Sekunden laufen kann", sagt Lückenkemper bei SPORT1. Auch in dieser Saison.

Doch selbst wenn es in Doha nicht klappen sollte, würde für Lückenkemper nicht die Welt zusammenbrechen – denn letztlich ist die WM nur eine Etappe Richtung Olympia 2020 in Tokio. "Da gibt es nichts, was das ganze toppen kann", sagt Lückenkemper, die die fünf Olympischen Ringe auf dem Oberarm tätowiert hat. Und: "Definitiv das Finale von Tokio" würde sie dem Endlauf von Doha vorziehen.

In seinem Tank vermutet der deutsche "Hulk" jedenfalls noch einige Reserven. "Ich halte 10,80 Sekunden für realistisch, aber da muss wirklich alles passen und ich muss noch ein paar Jahre verletzungsfrei weiter trainieren können. Das wird nicht von heute auf morgen passieren."

Dass wir in den kommenden Jahren wieder eine exaltierte und quietschfidele Gina Lückenkemper erleben werden – davon ist jedenfalls auszugehen.

"Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das für sie herausfordernd ist, sagt Gonschinska. "Sie ist eine besondere Athletin, wird die neue Situation positiv verarbeiten und uns noch sehr viel Freude machen".