Konstanze Klosterhalfen (M.) gewann in Doha bei der WM 2019 über die 5000 Meter Bronze
Konstanze Klosterhalfen (M.) gewann in Doha bei der WM 2019 über die 5000 Meter Bronze © SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Getty Images/Imago/iStock
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München - War der Wechsel in die USA für Konstanze Klosterhalfen der richtige Schritt? Ex-Coach Sebastian Weiß glaubt, dass sie auch unter ihm zur Weltklasse-Athletin gereift wäre.

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Als sich Konstanze Klosterhalfen im November 2018 dazu entschloss, Deutschland den Rücken zu kehren und sich dem berüchtigten Nike Oregon Projekt (NOP) anzuschließen, war der mediale Aufschrei groß.

Daran hat sich auch im April 2020 nicht viel geändert, denn im Kern geht es weiterhin um die Frage: War ihr Umzug in ein zwielichtiges Umfeld der richtige Schritt - oder hätte sie auch in ihrer gewohnten Umgebung in Leverkusen eine ähnliche Entwicklung genommen?

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Für Oliver Minzlaff, der die beste deutsche Mittel- und Langstreckenläuferin nach eigenen Aussagen "freundschaftlich berät", steht auch eineinhalb Jahre nach Klosterhalfens Wechsel an die US-Westküste fest, dass sie alles richtig gemacht hat.

"Ich habe schnell erkannt, dass ihr damaliger Trainer in Leverkusen nicht ausreicht", erklärte Minzlaff, hauptberuflich Geschäftsführer des Fußball-Bundesligisten RB Leipzig, im Bonner Generalanzeiger: "Ich habe ihr daher geraten, woandershin zu wechseln, weil sie in meinen Augen damals schon das Potenzial hatte, sich auf ein Weltklasseniveau zu entwickeln."

Weiß: Trainingszeiten verrieten Klosterhalfens Potenzial

Klosterhalfens damaliger Trainer - das ist Sebastian Weiß. Der 34-Jährige betreute "Koko" seit ihrer Jugendzeit und formte sie schon früh zu einer Läuferin, die national alles in Grund und Boden rannte. Bereits 2016 holte sie im Alter von 19 Jahren den deutschen Meistertitel über 1500 Meter. (Was Klosterhalfen über die Olympia-Verschiebung denkt)

Weiß, der im Januar 2018 zum Bundestrainer für den Mittel- und Langstreckenbereich der Frauen aufstieg, ist der festen Ansicht, dass sein damaliger Schützling auch unter seinen Fittichen zur Weltklasse aufgestiegen wäre. 

"Ich bin überzeugt, dass Konstanze auch mit dem Training in Deutschland eine ähnliche Leistungsentwicklung über 5000 Meter generiert hätte", sagt Weiß bei SPORT1 und ergänzte: "Dieses haben ihre Trainingszeiten im Trainingslager in Flagstaff 2018 bereits gezeigt. Auch ihre persönlichen Bestleistungen über 1500 Meter und 800 Meter stammen noch aus ihrer Zeit in Deutschland."

In der Tat hatte Klosterhalfen schon als 20-Jährige alle Anlagen im Repertoire, um später eine internationale Siegläuferin zu werden. 2017 gelang ihr das "Triple" von 800 Metern unter zwei Minuten, 1500 Metern unter vier Minuten und 5000 Metern unter 15 Minuten - etwas, was in diesem Alter weltweit keine Athletin zuvor geschafft hatte.

Kritik an Klosterhalfens Trainer Pete Julian

"Konstanze hat sehr großes Potential, welches wir schon früh in ihrer Jugend identifiziert haben", erklärt Weiß: "Auf Grund ihres steigenden Alters und der daraus resultierenden höheren Belastungsverträglichkeit kann Konstanze nun mehr trainieren, einen höheren Umfang und höhere Intensitäten generieren."

Hätte der Umzug in das zwielichtige Umfeld für ihre Leistungsentwicklung also gar nicht sein müssen?

Um die letzten Prozente herauszukitzeln wohl schon. Auch Weiß ist sich bewusst, dass Klosterhalfen in Oregon noch einmal andere Bedingungen vorfindet als in Leverkusen - nicht nur, was die Trainingsanlagen betrifft.

"Sie trainiert in den USA mit den weltbesten Athletinnen und Athleten und auch die klimatischen Bedingungen in den USA bieten gute Trainingsbedingungen. Der Weg ist gegeben, dass sie ihr Potential voll ausschöpfen kann."

Das Problem: Spätestens seit das Nike Oregon Project - kurz nach der Dopingsperre ihres Gründers Alberto Salazar - im Oktober 2019 den Laden dicht machte, hagelte es mediale Kritik an Klosterhalfens anrüchigem Einflussbereich - und damit auch an ihr selbst. 

Schockierende Berichte früherer NOP-Athletinnen, vor allem von Mary Cain, brachten nicht nur deren Trainer Salazar in Verruf, sondern auch Pete Julian - den Coach von Klosterhalfen, der sie auch nach Schließung des NOP betreut.

Julian, so Cains Vorwurf, habe bei Salazars abfälligen Kommentaren weggehört, anstatt ihr beizustehen. Als Konsequenz sprach sie Julian die Fähigkeiten ab, weiterhin als Trainer arbeiten zu können.

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Weiß: "Konstanze ist eine mündige Athletin"

Für Klosterhalfen war es jedoch nie ein Thema, sich vom US-Coach zu trennen - und auch Weiß hält eine weitere Zusammenarbeit für sinnvoll. "Pete Julian ist ein sehr erfahrener Trainer, er hat Weltmeister und Olympiasieger trainiert. Konstanze fühlt sich bei ihm weiterhin sehr gut aufgehoben", sagt der Bundestrainer.

Insgesamt gibt sich Weiß versöhnlich - selbst wenn er gerne mit Klosterhalfen über den Herbst 2018 hinaus zusammen gearbeitet hätte. "Konstanze ist eine mündige Athletin, gemeinsam mit ihrem Management hat sie entschieden, den Schritt in die USA zu gehen. Dieser Schritt trägt ganz sicher auch zu ihrer weiteren Persönlichkeitsentwicklung bei."

Wohin die weitere Entwicklung der heute 23-Jährigen sie führen wird, ist längst nicht abzusehen - für Mintzlaff hat sie sogar Weltrekord-Potenzial: "Konstanze ist ein Jahrtausendtalent. Ich glaube, dass sie Weltrekord über 5000 Meter laufen kann."

Auszuschließen ist das keinesfalls. Im vergangenen Jahr steigerte sie ihre Bestzeit auf dieser Strecke um 24 Sekunden und legte bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin mit 14:26,76 Minuten einen beeindruckenden Sololauf auf die Tartanbahn. Die aktuelle Bestmarke (14:11,15 Minuten von Tirunesh Dibaba) ist noch 15 Sekunden von ihrem deutschen Rekord entfernt.

Die Frage bleibt: Kann eine deutsche Athletin im afrikanisch dominierten Langstreckenlauf tatsächlich Weltrekord laufen - und das ohne leistungssteigernde Mittel?

Mintzlaff kritisiert deutsche Neid-Mentalität

Hier sind sich Minzlaff und Weiß einig. "Wir Deutsche sollten stolz sein, dass wir eine solche Athletin haben und nicht hinter jedem Busch den Doktor mit der Epo-Spritze vermuten", sagte Minzlaff, früher selbst Langstreckenläufer.

Deutschland, sagt der RB-Chef, sei ein Land voller Neider, man warte gefühlt immer auf das Negative. "Diese Einstellung ist in gewisser Weise nachzuvollziehen", findet auch Weiß. "Überall wo es Erfolg gibt, gibt es auch immer Menschen, die diesen nicht gönnen. Dies haben Konstanze und ich in der Zeit unserer Zusammenarbeit in Deutschland auch erlebt."

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Daran dürfte sich auch nicht viel ändern, wenn eine Entschärfung der Coronakrise wieder Wettkämpfe möglich macht. "Ich hoffe, dass eine Saison im späten Sommer dieses Jahres stattfinden kann", sagt der Bundestrainer.

Das Problem: Im gleichen Maße, wie Klosterhalfen dann wieder Gas gibt, dürfte auch die mediale Kritik wieder zunehmen.

"Ich habe zu Konstanze gesagt, entweder wir halten das jetzt aus, weil wir wissen, dass du sauber bist und in den Spiegel schauen kannst, oder wir beugen uns dem medialen Druck und suchen eine andere Lösung",  sagte Mintzlaff. "Da war für sie klar, dass sie dort bleiben möchte."

Und so wird Weiß weiterhin aus Leverkusen verfolgen, wie sich Klosterhalfen im Nike-Camp weiterentwickelt - und seine frühere Athletin betreuen, wenn sie für Deutschland startet. "Ich stehe regelmäßig mit Konstanze in Kontakt und freue mich, sie weiterhin als ihr Bundestrainer zu begleiten."