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Die einstige Wunderläuferin Mary Cain erhebt neue Vorwürfe gegen Alberto Salazar und das Nike Oregon Project. Sie habe während ihrer Zeit beim NOP über Suizid nachgedacht.

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Die zu Beginn dieses Jahrzehnts als neue US-Wunderläuferin gefeierte Mary Cain hat schwere Vorwürfe gegen den wegen Dopingverstößen gesperrten Leichtathletik-Coach Alberto Salazar und das Nike Oregon Project (NOP) erhoben.

"Ich bin zu Nike gekommen, weil ich die beste Sportlerin sein wollte, die es je gab. Stattdessen wurde ich von einem System, das von Alberto entworfen und von Nike befürwortet wurde, emotional und körperlich missbraucht", sagte sie in einem von der New York Times veröffentlichten Video. 

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In diesem berichtet sie ausführlich von ihrer im Nachhinein qualvollen Zeit beim Nike Oregon Projekt.

Viele US-Rekorde an der High School 

Die heute 23 Jahre alte Cain war schon während ihrer Zeit an der High School eine Ausnahmeläuferin. 2011 stellte sie den Neuling-Rekord über 1500 Meter auf, es folgten zahlreiche High-School-Rekorde auf Landes- und nationaler Ebene. Im August 2013, mit 17 Jahren, wurde sie schließlich die jüngste Läuferin der Geschichte, die das 1500-Meter-Finale bei einer Weltmeisterschaft erreichte. Ihre WM-Premiere in Moskau beendet sie auf Platz zehn. 

Mary Cain wurde in den USA als Wunderläuferin gefeiert
Mary Cain wurde in den USA als Wunderläuferin gefeiert © Getty Images

Klar, dass solch außergewöhnlichen Erfolge die Aufmerksamkeit der Großen der Leichtathletik auf sich zogen. 

Bereits 2016 hatte sich Salazar telefonisch bei ihr gemeldet. "Er sagte mir, dass ich die talentierteste Läuferin bin, die er je gesehen hat", so Cain. Nach der Weltmeisterschaft unterzeichnete sie einen professionellen Laufvertrag mit Nike und schloss sich dem elitären Nike Oregon Project an. Zu diesem Zeitpunkt wurde sie als große Mittelstreckenhoffnung gefeiert. Doch mit ihren Laufzeiten ging es fortan nur noch bergab. 

Keine Periode und fünf Knochenbrücke

In Portland, dem Sitz des NOP, versuchten die ausnahmslos männlichen Trainer sie von Beginn an davon zu überzeugen, dass sie um noch besser zu werden, "dünner und dünner" werden müsse. "Alberto hat ständig versucht, mich zum Abnehmen zu bringen. Er hat ein willkürliches Gewicht von 114 Pfund (Anm. der Redaktion: 51,7 Kilogramm) geschaffen. Er hat hat mich vor meinen Teamkollegen gewogen und mich öffentlich beschimpft, wenn ich nicht genug Gewicht verloren habe. Er wollte mir Antibabypillen und Diuretika geben, um Gewicht zu verlieren", beschrieb Cain in dem Video. 

Als Folge der für ihr Alter überdurchschnittlich forcierten Gewichtsabnahme stellten sich schwerwiegende körperliche Beschwerden ein. Über einen Zeitraum von drei Jahren hatte sie keine Periode mehr und erlitt wegen der dadurch verringerten Östrogenproduktion fünf Knochenbrüche. 

Cain hegte Selbstmordgedanken

Auch seelisch ging ihr die ganze Situation an die Nerven. "Ich fühlte mich verängstigt, allein und gefangen und begann Selbstmordgedanken zu haben. Ich fing an, mich selbst zu schneiden. Einige Leute haben gesehen, wie ich mich geschnitten habe. Und niemand hat wirklich etwas getan oder etwas gesagt", erklärte Cain. 

Nach vielen weiteren negativen Erlebnissen fasste sie 2015 Mut und erzählte ihren Eltern von ihren Qualen. Diese waren entsetzt und kauften ihr umgehend ein Flugticket heim nach New York. Wenig später verließ sie das Nike-Laufteam.

"Ich habe nicht einmal mehr versucht, die Qualifikation für Olympischen Spiele 2016 zu schaffen, ich habe versucht zu überleben", sagte sie.

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Nike überrascht von Cains Vorwürfen

Am 10. Oktober war das umstrittene NOP von Nike offiziell für beendet erklärt worden. Wenige Tage zuvor war Salazar wegen Verstößen gegen die Anti-Doping-Bestimmungen für vier Jahre gesperrt worden. Die WM-Dritte Konstanze Klosterhalfen hatte seit Ende 2018 auch in den USA trainiert. Sie gehörte dem NOP aber erst seit April offiziell an. Sie trainierte selbst nie unter Salazar, ihr Coach war Pete Julian.

Die jüngsten Entwicklungen hatten Mary Cain offenbar die Augen geöffnet. "Nach dem Dopingbericht fühlte ich mich plötzlich befreit. Das hat mir geholfen zu verstehen, dass dieses System nicht okay ist", sagte sie, "deshalb habe ich beschlossen, mich erst jetzt zu äußern. Nike hat die Chance, Änderungen vorzunehmen und seine Athleten in Zukunft zu schützen."

Der Sportartikelriese Nike zeigte sich überrascht von den Vorwürfen Cains. "Dies sind zutiefst beunruhigende Anschuldigungen, die Mary oder ihre Eltern zuvor noch nicht erhoben haben. Mary wollte erst im April dieses Jahres wieder zum Oregon-Projekt und zu Albertos Team zurückkehren und hatte diese Bedenken im Rahmen dieses Prozesses nicht zur Sprache gebracht", heißt es in einem Statement des Unternehmens.

Man nehme die Vorwürfe "sehr ernst. Wir werden unverzüglich Ermittlungen einleiten, um ehemalige Athleten des Oregon-Projekts anzuhören. Bei Nike versuchen wir, den Athleten stets in den Mittelpunkt unseres Handelns zu stellen, und diese Behauptungen widersprechen komplett unseren Werten", heißt es in der Mitteilung weiter.