Bob Beamon gelang 1968 ein Weitsprung in neue Sphären
Bob Beamon gelang 1968 ein Weitsprung in neue Sphären © Imago
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München - Weitspringer Bob Beamon flog bei Olympia 1968 in neue Sphären. Sein Weg war von Schicksalsschlägen geprägt - und von einem folgenschweren Rassismus-Protest.

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Es dauerte sechs lange Sekunden. Damals, am 18. Oktober 1968, bei den Olympischen Spielen in Mexiko-Stadt.

Sechs Sekunden, dann landete Bob Beamon fast am Rand der Weitsprunggrube. Die Messvorrichtung versagte ihren Dienst, das alte Maßband musste ran. Als nach langer Verzögerung die legendären 8,90 m auf der Anzeigetafel aufleuchteten, hielt die Sportwelt den Atem an. Sie war Augenzeuge einer der größten Leistungen in der Geschichte des Sports geworden.

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Bob Beamon übertraf Weltrekord um 55 Zentimeter

Jener damals 22-jährige Bob Beamon (geboren am 29. August 1946 in Queens) hatte den bestehenden Weltrekord um 55 (!) Zentimeter übertroffen, ihn damit geradezu pulverisiert. Er war aus dem Nichts gekommen und in der Ewigkeit gelandet.

"Sagt mir, dass ich nicht träume", waren Beamons erste Worte nach seinem "Sprung ins 21. Jahrhundert". Es war wirklich wie ein Traum, aber es sollte nie ein schöner werden für den jungen Studenten.

Das Leben hatte anderes mit ihm vor. Der vermeintliche Sprung ins Glück verpuffte, was blieb, war Ernüchterung. Noch auf dem Siegerpodest stellte er sich die Frage: "Wohin gehe ich nachher?" Bob Beamon war stets ein Suchender in seinem Leben, das von vielen schicksalhaften Ereignissen geprägt war.

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Schicksalsschläge prägten die Jugend

Seine Stütze in den frühen Lebensjahren, die geliebte Mutter, starb, als er noch ein Kind war. Diese Lücke konnte Bob Beamon nie schließen.

Der Junge suchte nach Wegen aus der Krise, in der Schule war er Streithammel oder Clown. Hin- und hergerissen taumelte er durch seinen Alltag. "Meine Schulzeit war ein Dschungel. Man musste immer auf der Hut sein, bereit zu kämpfen oder zu laufen", sagte Beamon.

Der Weg aus dem Dschungel führte zunächst zum Basketball, aber Beamon war ein besserer Leichtathlet. Auf Anraten seines Coaches ging er zur North Carolina University und zog in die Nähe seiner kranken Oma. Als auch die starb, wechselte er ins texanische El Paso. Dort arbeitete er an Technik und Geschwindigkeit.

Private und politische Verwerfungen

Beamons Vorbereitung war von privaten und politischen Turbulenzen überschattet worden: Er lebte frisch getrennt von seiner Ehefrau - und hatte sich zudem mit einem folgenschweren Rassismus-Protest ins Zentrum einer Kontroverse begeben.

Beamon hatte am Osterwochenende zusammen mit acht Teamkollegen einen Wettbewerb gegen Brigham Young University in Utah boykottiert. Diese war aufgrund ihrer mormonischen Prägung in den Fokus der Kritik geraten: In der Kirche der "Latter Day Saints" waren Schwarze bis 1978 vom Priesteramt und von einem Großteil der religiösen Riten ausgeschlossen gewesen, die Kirchenführer agitierten auch gegen schwarz-weiße "Mischehen".

Unter dem Eindruck des Mordes an Bürgerrechtler Martin Luther King vier Tage vorher sahen Beamon und seine Teamkollegen die Zeit gekommen, dagegen ein Zeichen zu setzen - zum Missfallen ihrer eigenen Universitätsführung, die ihnen deshalb die Stipendien entzog.

In Mexiko brachte dann der berühmte Protest von Tommie Smith und John Carlos das Thema auf die Agenda. Was heute eher vergessen ist: Auch Beamon erhob bei der Siegerehrung aus Solidarität mit den beiden die Faust (ohne Handschuh) und zeigte seine schwarzen Socken als symbolischen Hinweis auf die Armut der afroamerikanischen Bevölkerung. Doch während Smith und Carlos Rauswurf und Ächtung in Kauf nehmen mussten, ging es bei Beamon in der Verblüffung über seinen Sprung weitgehend unter.

"Alles lief schief": Beamon ertränkte Frust in Tequila

Auf diesen Sprung deutete auch nach Beamons Ankunft in Mexiko zunächst nichts hin: "Alles lief schief, also bin ich in die Stadt, habe mir einige Tequila genehmigt. Mann, was habe ich mich verloren gefühlt", berichtete er später.

Dann stand er in der Quali nach zwei ungültigen Versuchen plötzlich vor dem Aus. Sein Teamkollege Ralph Boston, der Weltrekordler, beruhigte ihn. Mit Erfolg - Beamon schaffte den Finaleinzug.

Dann geschah das Unfassbare. Es war sein erster Versuch. Beamon flog, er landete, er hüpfte noch zweimal aus der Grube und tänzelte wie ein junges Fohlen zurück zu seinem Stuhl. "Dann dauerte es fünf, zehn, ja sogar 15 Minuten", schilderte Beamon.

Bob Beamon bei seinem Jahrhundertsprung bei Olympia in Mexiko 1968
Bob Beamon bei seinem Jahrhundertsprung bei Olympia in Mexiko 1968 © Getty Images

Als dann endlich die 8,90 m aufleuchteten, verstand Beamon noch immer nicht, was er soeben vollbracht hatte. Erst die Umrechnung in Feet und Inches sorgte für Gewissheit. Beamon brach auf der Bahn zusammen, überwältigt von seinen Emotionen.

Mike Powell toppte Beamon 1991 in Tokio

Es war das erste und auch letzte Mal, dass er so etwas erlebte. Beamon sprang in der Folgezeit nicht mehr annähernd in seine eigene Dimension. "Einige Leute haben mir gesagt, ich hätte bei Olympia nur einen Glückssprung gehabt, nach einer Weile habe ich das auch geglaubt", sagte er.

Der Jahrhundertsprung prägt sein Leben bis heute: Bob Beamon im Jahr 2019
Der Jahrhundertsprung prägt sein Leben bis heute: Bob Beamon im Jahr 2019 © Getty Images

1973 beendete Bob Beamon seine Karriere, die nur ein gutes Jahr hatte: 1968. Er wurde Sozialarbeiter. 15 Jahre später wurde er in die Hall of Fame aufgenommen. Es dauerte noch acht weitere Jahre, bis ihn sein Landsmann Mike Powell 1991 beim legendären Duell mit Carl Lewis in Tokio mit dem noch heute gültigen Weltrekord von 8,95 m übertrumpfte.

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Mit Sport-Informations-Dienst (SID)