Berlin - Vor zwei Jahren krönte sich Thomas Röhler zum Olympiasieger im Speerwurf. Nun greift er nach dem EM-Titel. Selbst einen deutschen Dreifacherfolg hält er im SPORT1-Interview für möglich.

von Johannes Fischer

Europas Leichtathletik-Elite trifft sich in Berlin zur Europameisterschaft. Eine der größten deutschen Medaillenhoffnungen im Olympiastadion ist zweifelsohne Thomas Röhler.

Der Speerwerfer reist als Olympiasieger in die Hauptstadt und zählt im Finale am Abend (20.22 Uhr im LIVETICKER) zu den Top-Favoriten auf Gold.

Konkurrenz hat der 26-Jährige dabei vor allem aus dem eigenen Lager. Erst Ende Juli musste er sich bei den deutschen Meisterschaften in Nürnberg Andreas Hofmann geschlagen geben. Dazu kommt mit Johannes Vetter der aktuelle Weltmeister, mit dem sich Röhler bereits seit Jahren zu absoluten Höchstleistungen treibt.

Doch gerade dieses hohe Niveau in den eigenen Reihen sieht der Jenaer als Vorteil an, wie er im Interview mit SPORT1 verrät. Dabei hält er sogar einen deutschen Dreifach-Triumph in Berlin für möglich. (Zeitplan der Leichtathletik-WM)

SPORT1: Herr Röhler, wie sind die letzten beiden Wochen nach den deutschen Meisterschaften im Training verlaufen? Sind Sie auf den Punkt topfit?

Thomas Röhler: Durchweg positiv, das muss ich wirklich sagen! So schwierig die deutschen Meisterschaften in ihren ersten Versuchen waren, so gut ging es ab dem letzten Versuch in Richtung Training weiter. Ich habe technisch einige Sachen noch verbessern können. Jetzt freue ich mich auf das Event, denn wir wissen alle, dass das Niveau extrem hoch ist. Ich habe einfach Bock auf den Wettkampf!

Johannes Fischer ist für SPORT1 bei der Leichtathletik-EM in Berlin vor Ort © SPORT1-Grafik

SPORT1: Wie lautet Ihr Ausblick auf das Finale?

Röhler: Auch wenn ich die Quali überstanden habe, wird es den Ausblick nicht geben. Wir Athleten und das Trainerteam haben die Glaskugel schon seit zwei Jahren eingepackt. Man kann beim aktuellen Niveau nichts mehr vorhersagen. Es gibt fünf Favoriten, das ist recht einfach den Listen dieses Jahres zu entnehmen. Dann wird es noch eine Überraschung geben, weil es die immer gab.

SPORT1: Mit Johannes Vetter und Andreas Hofmann kommen Ihre beiden schärfsten Rivalen ausgerechnet aus Deutschland. Man hat aber den Eindruck, dass Sie drei die Situation eher beflügelt, oder täuscht das?

Röhler: Das täuscht gar nicht. Wir sind sehr stark als Team und das Ausland weiß das. Da können wir wirklich eine große Stärke herausziehen. Nichtsdestotrotz stehen wir natürlich als Einzelne am Start und jeder will das Beste für sich herausholen. Aber solch ein Team-Rückhalt hilft definitiv.

SPORT1: Also kann man sagen, dass jeder Einzelne von Ihnen von dieser Situation profitiert?

Röhler: Definitiv. Wir stacheln uns in jedem Training und im Wettkampf selber an.

SPORT1: Was glauben Sie, wer von Ihnen drei derzeit am besten in Form ist? Oder gibt es auch unter Ihnen so etwas wie ein Pokerspiel, bei dem man nicht alle Karten auf den Tisch legen will?

Röhler: Man weiß schon sehr viel über den anderen. Speerwurf ist eine Geschichte ohne Feindkontakt. Wir stehen alleine auf der Bahn, haben sechs Versuche. Es ist eine gewisse Kontinuität übers Jahr da, wir fangen im Mai an. Gehen uns nicht aus dem Weg und suchen die selben Wettkämpfe. Da weiß man ziemlich genau, wo die Stärken und Schwächen des anderen liegen. Das Niveau ist sehr hoch und wir bewegen uns alle auf Augenhöhe.

Johannes Vetter, Thomas Röhler und Andreas Hofmann (v.l.) greifen nach den EM-Medaillen im Speerwurf
Johannes Vetter, Thomas Röhler und Andreas Hofmann (v.l.) greifen nach den EM-Medaillen im Speerwurf © Getty Images

SPORT1: Drei Deutsche auf dem Treppchen bei einer Leichtathletik-EM wäre sensationell. Besteht die Chance, dass es dazu kommt?

Röhler: Die Chance besteht definitiv! Die Frage ist, was machen die Gegner und was machen wir selber. Träumen ist erlaubt, weil wir das sportlich unterlegen können. Aber man sollte keine drei Medaillen einplanen in irgendwelchen Medaillenspiegeln.

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SPORT1: Häufig sieht man bei Speerwerfern, dass gleich im ersten Wurf einer rausgehauen wird – auch um die Konkurrenz zu schocken. Wie teilen Sie sich den Wettkampf ein?

Röhler: Wenn man bei mir ein bisschen zurückblickt, dann sieht man, dass ich jemand bin, der einen soliden Start sucht. Ich liebe diese Situationen, ein bisschen angestachelt zu sein. Reagieren zu müssen, ist natürlich keine schöne Situation, aber mich beflügelt das manchmal ein Stück weit. Deswegen lasse ich den Wettkampf ein bisschen anrollen und hole mir im ersten Versuch die Sicherheit.

SPORT1: Glauben Sie, dass man über 90 Meter werfen muss, um die Goldmedaille zu holen?

Röhler: Das kommt auf die Tagesbedingungen an. Das Berliner Stadion lässt sich ganz schwer einschätzen, wir haben verschiedene Windeinflüsse. Da entstehen manchmal ungewöhnliche Konstellationen. Deswegen würde ich das mit den 90 Metern nicht sofort unterschreiben, aber ich glaube schon, dass man in diese Regionen werfen muss.

SPORT1: Der Weltrekord liegt seit über 20 Jahren bei 98,48 Metern. Sie haben schon an die 94 Meter heran geworfen, Johannes Vetter sogar ein Stück drüber. Glauben Sie, dass der Rekord in den nächsten Jahren geknackt werden kann – oder ist der nicht in Reichweite?

Röhler: Das ist überhaupt nicht auszuschließen, dass der Rekord mal geknackt wird. Da gehören perfekte Bedingungen dazu, eine top Vorbereitung – aber rein physikalisch ist das immer wieder machbar. Ich glaube, wenn wir nicht die Generation Speerwerfer sind, die es mal wieder anpacken könnte, dann weiß ich nicht, was da noch kommen soll. Wir haben alle Voraussetzungen, das eines Tages zu tun. Aber jeder Sportler muss dann individuell noch entscheiden, ob er das Risiko des Monsterwurfes eingeht, oder ob er lieber bis 2020 eine gesunde Karriere hat und um Medaillen kämpft. Das sind zwei Sachen, die sich nicht ausschließen, aber sie stehen im Spannungsverhältnis.