Thomas Röhler sprang nach seinem Sieg in den Wassergraben
Thomas Röhler sprang nach seinem Sieg in den Wassergraben © Getty Images

Berlin - Thomas Röhler gewinnt bei der Leichtathletik-EM in Berlin Gold im Speerwerfen. Andreas Hofmann holt Silber. Johannes Vetter belegt Rang fünf.

von Sportinformationsdienst , Johannes Fischer

Thomas Röhler sprang nach seinem EM-Gold jubelnd in den Wassergraben, der sonst so ruhige Speer-Olympiasieger war nicht mehr zu halten.

Andreas Hofmann verdrückte nach seinem Silber Freudentränen: Mit einem überragenden Doppelsieg sind die deutschen Speerwerfer ihrer Favoritenrolle bei der Heim-EM in Berlin mehr als gerecht geworden - allen voran der neue Europameister Röhler, der mit 89,47 m gewann.

"Speerwerfen macht in Deutschland mittlerweile richtig Spaß. Das Stadion hat getobt. Die Leute haben das Speerwerfen heute geliebt", freute sich Röhler, der sich im Vorfeld im SPORT1-Interview optimistich gezeigt hatte.

Röhler springt in Wassergraben

Im ZDF ergänzte er: "Das war eine Menge Jubel, das ist aber absolut erlaubt heute. Der Wassersprung war spontan. Da ist plötzlich der Graben gewesen, da gab es nur nichts wie rein."

Die Bedingungen seien nicht leicht gewesen, "aber wir haben gezeigt, was deutsche Präzision bedeutet". Auch Hofmann jubelte: "Ich bin Vize-Europameister. Megageil! Ich war locker im Wettkampf, bin chilliger hineingegangen, das hat sich ausgezahlt."

Lediglich Weltmeister Johannes Vetter ging von den starken deutschen Speerwerfern leer aus und kam auf Rang fünf (83,27). Die Zuschauer im Berliner Olympiastadion feierten dennoch die erhoffte Gold-Party, gemeinsam gingen Röhler und Hofmann auf ihre Ehrenrunde. Für den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) waren es die Medaillen sechs und sieben der Titelkämpfe (Der Medaillenspiegel der EM).

"Der Fokus war heute, auf den Punkt zu werfen, den Speer zu treffen, weil das Stadion technisch wirklich ein schwieriges ist. Die Windeinflüsse kamen von überall, also musst du deinen Speer auf eine schön gerade Reise bringen, dass er all seine Energie, die er am Start hat, ein bisschen mitnimmt in Weite. Das ist mir gelungen", so Röhler bei SPORT1.

Johannes Fischer ist für SPORT1 bei der Leichtathletik-EM in Berlin vor Ort © SPORT1-Grafik

EM-Erfolg nach 32 Jahren

Nach Röhlers Olympiasieg 2016 und dem WM-Gold von Vetter 2017 ging am Donnerstagabend auch der letzte große internationale Titel nach Deutschland. Zudem krönte sich Röhler zum ersten deutschen Europameister seit Klaus Tafelmeier vor 32 Jahren in Stuttgart.

Bronze holte hinter Hofmann (87,60) der Este Magnus Kirt mit 85,96 m. Schon im Vorfeld hatte das Speerfinale versprochen, eines der Highlights der Titelkämpfe zu werden. Auch Silber-Sprinterin Gina Lückenkemper und der Bronzegewinner David Storl hatten dem Showdown der Nummer eins (Vetter), zwei (Hofmann) und drei (Röhler) der Welt entgegengefiebert.

"Wir werden da ein gutes Ding über die Bühne bringen", hatte Vetter im Vorfeld erklärt und "volle Attacke" angekündigt - doch nach dem ersten Durchgang führte Kirt vor Hofmann, Röhler fabrizierte zwar den weitesten Wurf, er war allerdings ungültig (Der Zeitplan der EM).

Nur Vetter enttäuscht

Doch dann setzten die Deutschen die Duftmarken. Hofmann gelangen 87,60 m, kurz danach verdrängte ihn Röhler mit 88,02 m von der Spitze - und legte dann sogar noch 89,47 m nach. 

"Der Wurf wäre auf einer Wiese verdammt weit geflogen. Ich freue mich darauf, in der Saison weiterzumachen", erklärte Röhler bei SPORT1.

Lediglich Vetter kam nicht richtig in Gang. "Wenn es nicht läuft, dann läuft's nicht. Es ist ein bisschen der Wurm drin", sagte Bundestrainer Boris Obergföll im ZDF.

Nach dem Finale äußerte Vetter sich bestürzt: "Der ganze Wettkampf lief nicht so wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich habe viel probiert, aber es ging nach hinten los. Davor war ich wesentlich besser."

Röhler schaffte es nach seinem Olympiasieg erstmals wieder auf das Podest, bei der WM im vergangenen Jahr war er Vierter geworden. Gold ist für den Tüftler, der akribisch jede noch so mögliche kleine Verbesserung sucht, eine weitere Bestätigung.

Hofmann holt Konkurrenz ein

Hofmann etablierte sich mit Silber endgültig als gleichwertig mit den zuvor oft als Duo wahrgenommenen Röhler und Vetter. Schon bei den deutschen Titelkämpfen hatte er seine nationalen Konkurrenten mit Meisterschaftsrekord geschlagen, nun gab es für ihn den größten Erfolg seiner Karriere. "Er hat dieses Jahr einen Lauf", hatte ihm Obergföll schon vor der EM bescheinigt - er sollte recht behalten.

So ehrgeizig die drei Speerwerfer im Wettkampf um den individuellen Erfolg kämpfen, so respektvoll und freundschaftlich gehen sie abseits der Bahn miteinander um. Vor Wettkämpfen treffen sie sich auch einmal zum Kaffee, besprechen Dinge weit abseits des Sports. "Wir können auch mal über Gott und die Welt reden, nicht nur über Speerwurf", sagte Hofmann.

Und Röhler erklärte nach dem Doppel-Coup: "Wir haben es häufig betont: Wir lieben es, weite Würfe zu sehen. Wir haben uns vor dem letzten Versuch sogar noch einmal gegenseitig motiviert."

Gemeinsam statt Gegeneinander ist eines ihrer Erfolgsgeheimnisse - auch wenn für die Dauer des Wettkampf jeder seinen eigenen individuellen Erfolg will.