© SPORT1-Grafik Paul Hänel Imago/Getty Images
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Berlin - IAAF-Präsident Sebastian Coe nimmt im SPORT1-Interview Stellung zum Imageproblem der Leichtathletik, den Kampf gegen Doping, Russlands mögliche Olympia-Suspendierung und seine Zukunftspläne.

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Es war ein überaschender Anruf. Der Pressesprecher des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF fragte SPORT1, ob nicht Zeit und Lust auf ein Gespräch mit Präsident Sebastian Coe bestünde.

Angesichts der Vita des einstigen Langstrecken-Olympiasiegers und Organisators der Olympischen Spiele von 2012 in London, vor allem aber aufgrund der aktuellen Probleme der Leichtathletik war die Antwort klar.

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Beim Treffen im Berliner Hotel Adlon nahm sich der 59-jährige Brite viel Zeit, antwortete ausführlich und wollte - im Gegensatz zu den Gepflogenheiten in Deutschland - auch keine seiner Zitate vor der Veröffentlichung autorisieren.

Im Interview spricht Sebastian Coe über das schlechte Image, den Kampf gegen Doping, Meldonium, eine mögliche Suspendierung Russlands für die Olympischen Spiele und seine Pläne für die Zukunft.

© SPORT1

SPORT1: Sir Coe, die öffentliche Wahrnehmung der Leichtathletik ist nach den jüngsten Dopingfällen und Korruptionsvorwürfen schlecht wie lange nicht. Wie gehen Sie damit um?

Sebastian Coe: Die Medien beurteilen, welchen Fortschritt ich mache. Das akzeptiere ich. Aber mein Fokus muss darauf liegen, Veränderungen im Weltverband durchzuführen. Jeder der mich kennt, weiß, dass ich nicht lange herumsitze und die Welt beobachte. Bis 2017 werden wir die geplanten Reformen umgesetzt haben, schon Ende dieses Jahres werden drei Viertel davon in unseren Statuten auftauchen.

SPORT1: Was sind Ihre konkreten Pläne für die Zukunft bei der IAAF?

Coe: Gegenwärtig arbeiten wir an vier Themen. Das erste sind unsere Finanzen, das zweite ist unser Umgang mit Risiko und Konflikten, das dritte das Vorantreiben unserer Anti-Doping-Kampagne. Da wollen wir mehr Unabhängigkeit erreichen. Das vierte Element, an dem wir arbeiten, ist die "Governor Reform Group". Da geht es unter anderem darum, wie viel Macht einzelnen Gremien zugesprochen werden kann und wie Rollen und Verantwortungen verteilt werden. Ich will, dass die IAAF künftig zu den Vorreiter-Organisationen weltweit gehört.

SPORT1: Wie schwer wird es vor dem Hintergrund der aktuellen Probleme all dies umzusetzen?

Coe: Das müssen wir so oder so tun. Schon bevor ich Präsident wurde und bevor wir die polizeilichen Untersuchungen hatten, wurde ich dazu verpflichtet. In den vergangenen Monaten habe ich auf jedem Kontinent mit vielen Verbandsangehörigen gesprochen. Dabei habe ich den Hunger auf Veränderungen verspürt. Sie wissen, dass der Status quo in Zukunft nicht mehr funktionieren wird. Wir brauchen Veränderungen. Dann können wir uns der wirklich wichtigen Herausforderung widmen.

SPORT1: Sprich dem Doping-Sumpf?

Coe: Nein, die lautet nicht Doping - auch wenn das nicht minder wichtig ist. Die größte Herausforderung, der sich unser Sport stellen muss, lautet: Wie schaffen wir es, junge Leute zu begeistern. Das wird von Jahr zu Jahr schwieriger. Unser Aufgabenbereich ist die Leichtathletik, aber unser Geschäft ist Unterhaltung. Wir müssen Veränderungen im Aufbau, bei unserer Darstellung und bei unseren Ein-Tages-Events vornehmen. Damit haben wir bereits angefangen. Danach müssen sich diese Änderungen bei den Weltmeisterschaften bewähren. Es ist wichtig, dass die Leute unserem Sport vertrauen können. Beim Kampf gegen Doping ebenso wie gegen Manipulationen und illegales Wetten.

SPORT1: Kritiker werfen Ihnen vor, als Mitglied des IAAF-Councils schon Teil der als korrupt entlarvten alten Führung unter Ihrem Vorgänger Lamine Diack gewesen zu sein. Ärgert Sie das?

Coe: Überhaupt nicht, denn ich nehme diese Sachen nicht persönlich. Ich wurde von der Mehrheit der Mitgliedsverbände gewählt, um mein Programm umzusetzen. Nur darum geht es mir, Vertrauen kannst du nicht einfach anschalten, das braucht Zeit und muss sich entwickeln. An der Umsetzung meiner Reformen werde ich mich nach meiner Amtszeit messen lassen.

15th IAAF World Athletics Championships Beijing 2015 - Day Nine
15th IAAF World Athletics Championships Beijing 2015 - Day Nine © Getty Images

SPORT1: Lassen Sie uns zum Thema Meldonium kommen. Auch in Ihrem Sport wurden in der jüngeren Vergangenheit einige Fälle publik. Hat Sie die Fülle überrascht?

Coe: Um ehrlich zu sein, hatte ich bis zu den Berichten über die ersten Tennis-Spieler noch nie von Meldonium gehört. Das ist eine dieser Grauzonen, wo wir in Zukunft ganz genau hinnsehen müssen - die Benutzung von verschreibungspflichtigen Medikamenten ohne medizinische Notwendigkeit.

SPORT1: Gibt es beim dopingbelasteten russischen Verband einen neuen Stand in Bezug auf die Olympischen Spiele? 

Coe: Wir haben Russland im November suspendiert. Das ist die schärfste Sanktion, die uns zur Verfügung steht. Danach habe ich eine unabhängige Task Force gebildet. Bevor die Suspendierung aufgehoben werden kann, muss es klare Fortschritte geben. Es gab viele persönliche Gesprächen mit den russischen Verantwortlichen, sie haben um mehr Zeit gebeten. In rund vier Wochen werden wir uns wieder treffen. Da wird mit ziemlicher Sicherheit eine Entscheidung fallen.

SPORT1: Es ist also möglich, dass Russland in Rio nicht dabei ist?

Coe: Die ehrliche Antwort darauf ist: Ich weiß es nicht. Deshalb ist die Task Force unabhängig, ich kann und will ihren Ergebnissen nicht vorgreifen.

SPORT1: Wo sehen Sie vor diesem Hintergrund das Image der Leichtathletik aktuell?

Coe: Die Leichtathletik ist stark. Wir hatten in Portland eine fantastische Hallen-WM. Zum ersten Mal seit langem habe ich dort Schlangen vor dem Einlass gesehen. Wir waren komplett ausverkauft. Es gab 14 nationale Rekorde, sieben Kontinentalrekorde und zwei Meisterschaftsrekorde. Bei der Halbmarathon-WM in Cardiff waren tausende Menschen trotz monsunartiger Regenfälle am Straßenrand dabei. Das heißt aber nicht, dass wir das Vertrauen der Öffentlichkeit nicht arg strapaziert haben. Das will ich zurückgewinnen und sauberen Athleten zeigen, dass sie bezüglich Doping einen kompromisslosen Präsidenten hinter sich haben. Ich wäre sogar generell für lebenslange Sperren, da ist aber wohl rechtlich nicht durchsetzbar. Wie lange auch immer ich Präsident bin, werde ich den Kampf gegen Doping anführen.