Brooklyn - Beim WWE SummerSlam 2018 musste die Liga beim Kampf Brock Lesnar - Roman Reigns ein Debakel fürchten. SPORT1 erklärt, wie geschickt sie es abgewandt hat.

von Martin Hoffmann

Die Wrestling-Liga WWE und ihre Fans - das ist oft eine komplizierte Beziehung.

Die größte Showkampf-Promotion der Welt hat ein großes, treues Publikum. Aber gerade die größten und treuesten Anhänger sind auch die kritischsten, die WWE-Topstars Brock Lesnar und Roman Reigns bekommen das immer wieder zu spüren.

Reigns wird - obwohl offiziell ein "Guter" - oft aus der Arena gebuht. Auch Lesnar polarisiert, vor allem deshalb, weil er sich nur zu besonderen Anlässen im Ring blicken lässt.

Es war also durchaus gewagt, beim SummerSlam 2018 schon wieder ein Match zwischen Reigns und Lesnar zum Hauptkampf zu machen, und das auch noch in New York, wo die WWE-Fans besonders kritisch, smart und oft auch bitterböse sind.

Kritiker fürchteten deshalb ein ähnliches Fan-Debakel wie bei WrestleMania, als Reigns und Lesnar für gewaltigen Fan-Frust im Superdome von New Orleans sorgten. Diesmal konnte SPORT1 vor Ort in Brooklyn miterleben, wie WWE es besser machte - indem sie die Erwartungen der Fans durchschaute und geschickt in ihrem Sinne manipulierte.

SPORT1-Redakteur Martin Hoffmann ist beim SummerSlam vor Ort
SPORT1-Redakteur Martin Hoffmann ist beim SummerSlam vor Ort © SPORT1-Grafik: Getty Images

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Braun Strowman stellt alles auf den Kopf

Der erste gelungene Kunstgriff, den die verantwortlichen Drehbuch-Autoren vollzogen: Völlig überraschend unterbrachen sie die Vorstellung von Universal Champion Lesnar und Herausforderer Reigns mit einem Auftritt von "Mr. Monster in the Bank" Braun Strowman.

Dessen Erscheinen war zwar erwartet worden - aber erst nach dem Match. Reigns würde Lesnar besiegen und Strowman dann sein beim Money in the Bank errungenes, jederzeit einlösbares Titelmatch bekommen und neuer Champion werden: So hatten es die meisten Fans und Experten erwartet.

Strowman kündigte stattdessen an, dass er kein Feigling sei, der aus dem Hinterhalt komme: Der Sieger des Matches könne sich darauf gefasst machen, dass er nach dem Kampf gegen ihn ran müsse.

WWE unterläuft clever die Erwartungen

WWE unterlief damit die Erwartungen und erreichte damit gleich mehrere positive Effekte.

Erstens wurde so ein Szenario vermieden, das letztlich ein Abklatsch von WrestleMania 31 im Jahr 2015 gewesen wäre, als Seth Rollins am Ende des ersten Lesnar-Reigns-Kampfes den "Cash-In" machte und WWE-Champion wurde.

Zweitens verhinderte Strowmans Auftritt auch das befürchtete Szenario, dass die Zuschauer im Barclays Center Lesnar und Reigns mit Desinteresse strafen und nur auf Strowmans Auftritt warten würden.

Strowman war nun eben schon da, und auch wenn die Fans schließlich doch noch "You both suck!" in Reigns' und Lesnars Richtung riefen: Gepackt waren sie durch den Plot-Twist doch vom Anfang bis zum Ende. Sie wurden erfolgreich "worked", wie es im Wrestling-Jargon heißt.

Roman Reigns wird vor Fan-Wut bewahrt

Das Ende unterlief dann ebenfalls die Erwartungen der Fans. Strowman geriet schon während des Kampfes zwischen die Fronten, Lesnar verprügelte ihn mit dem Money-in-the-Bank-Koffer und warf diesen dann in hohem Bogen an die Wand des Einmarschbereichs.

Reigns besiegte dann Lesnar und blieb Champion, weil Strowman keine Gelegenheit mehr hatte, den Koffer aufzusammeln und sein angekündigtes Titelmatch einzulösen.

Weil bis zum Schluss unklar blieb, ob Strowman das vielleicht doch noch schaffen würde, wandte WWE ein weiteres unerwünschtes Szenario ab: dass die New Yorker Fans die Show nach Reigns' Titelgewinn mit einem Sturm der Gehässigkeit gegen den "Big Dog" beenden würden.

In der Halle gab es dann zwar noch laute Unmutsbekundungen, als WWE durch das Einblenden der Produktions-Credits das Ende der Show-Übertragung signalisierte. Bei den Fans an den TV- und Stream-Geräten kam das aber nur noch als kurzer Nachhall an.

Brock Lesnar wohl weg - Titelrennen wird spannend

Auch wenn schließlich doch noch viele Fans sauer waren, dass Reigns und nicht Strowman den wohl zur UFC wechselnden Lesnar als Champion ablöste, wird WWE das SummerSlam-Finale als Erfolg verbuchen.

Ziel der Liga ist ja letztlich nicht, dass die Fans immer genau das bekommen, was sie wollen. Strowmans vorerst verpatzter Cash-In war - wie bei einer guten Fernsehserie - der Cliffhanger, der die Zuschauer dazu bewegen sollte, auch beim nächsten Mal wieder einzuschalten, um zu sehen, wie es weitergeht.

Das sollte WWE gelungen sein, auch wenn im Netz gerade wieder im üblichen Maß auf das SummerSlam-Finale geschimpft wird.

Daneben gibt es nämlich durchaus auch anerkennende Stimmen dafür, dass die Liga diesmal noch etwas smarter war als ihr smartestes Publikum.