Die WWE-Topstars John Cena (l.) und Triple H bei einem Wrestling-Duell 2018
Die WWE-Topstars John Cena (l.) und Triple H bei einem Wrestling-Duell 2018 © Getty Images

München - Heel und Face, Work und Shoot, Mark und Smart: Die Wrestling-Welt hat nicht nur eigene Gesetze, sondern auch eigene Fachbegriffe. SPORT1 erklärt sie.

von

Ist es Sport? Ist es Show? Es ist beides.

Die Wrestling-Stars bei WWE und anderswo betreiben Showkampf, eine Mischform aus Sport und Unterhaltung, WWE-Chef Vince McMahon hat den Begriff "Sports Entertainment" geprägt.

Es ist eine eigene Welt mit eigenen Gesetzen - und einer eigenen Sprache: Es gibt Angles und Storylines, Heels und Faces, Works, Shoots und Worked Shoots.

Was diese Begriffe bedeuten, mit denen man ein ganzes kleines Lexikon befüllen könnte? SPORT1 erklärt sie in einem kleinen Glossar.

- Angle und Storyline:

Angle ist der Sammelbegriff für Showsegmente außerhalb der Matches, die dazu dienen, künftige Matches zu bewerben. Mehrere, aufeinander aufgebaute Angles bilden eine Storyline. Häufigster Grundzug: Wrestler B verspottet, kritisiert, beleidigt, und/oder verprügelt Wrestler A - um dem Publikum Appetit darauf zu machen, dass Wrestler B im Wettkampf zurückschlägt.

- Babyface und Heel:

"Babyface" ist im Wrestling der Fachausdruck für den Guten. Nicht immer direkt gut im moralisch-biblischen Sinne, aber derjenige Wrestler, der für sein Handeln vom Publikum bejubelt werden soll. Oft auch nur Face genannt, Gesicht. Gegenstück dazu: der Heel, die Ferse. Sein Ziel lautet, das Publikum gegen sich aufzubringen, damit das Babyface noch mehr bejubelt wird. Heutzutage sind die Heel-Face-Rollen nicht mehr ganz so klar verteilt wie zu früheren Zeiten, es gibt auch den Tweener, der keiner Seite angehört. Dennoch ist in den meisten Matches jedem Protagonisten eine klare Rolle zugeschrieben.

- Catchphrase:

Markante Redewendung, die ein Wrestler immer wieder verwendet - als Babyface, um die Fans zu erfreuen, als Heel, um ihnen damit auf die Nerven zu gehen. Nicht immer gut aus dem Englischen übersetzbar, meist aber auch so gut verständlich. Beispiele: "Rest in Peace" (Undertaker), "You can't see me" (John Cena), "What you gonna do when Hulkamania runs wild on you?" (Hulk Hogan). Besonders gelungene Catchphrases schaffen es bis in die Popkultur - wie The Rocks "It doesn't matter", um das Wyclef Jean einen ganzen Song strickte, indem er den Wrestlingstar anrappte: "I've got fifty Bentleys in the West Indies" - "It doesn't matter."

- Entrance:

Einzug eines Wrestlers zum Ring zu Musik und dabei erste Gelegenheit, mit dem Publikum zu interagieren. Babyfaces nutzen ihn oft, um mit den Fans in der ersten Reihe abzuklatschen, Heels um sie zu beschimpfen. Bei größeren Stars ist der Entrance bis ins Detail ausgearbeitet und bei besonderen Ereignissen wie WrestleMania teils mit Licht-, Pyro- und Bühnenbildeffekten zu Schaueinlagen auf Rockkonzert-Niveau gesteigert.

- Finishing Move / Finisher:

Aktion, mit der ein Wrestler seinen Kampf beendet - und der er oft auch einen eigenen, passenden Namen verleiht: der Tombstone des Undertaker, Stone Cold Steve Austins Stone Cold Stunner, Mr. Perfects Perfect Plex.

- Gimmick:

Charakter, den ein Wrestler für das Publikum verkörpert. Die Grundidee ist meist einfach, die Umsetzung ist mal mehr, mal weniger gelungen. Sehr erfolgreich waren in früheren Zeiten selbstverliebte Schönlinge ("Ravishing" Rick Rude), geldgierige Raffkes ("Million Dollar Man" Ted DiBiase), arrogante Sportskanonen (Mr. Perfect). In weniger guter Erinnerung blieben wrestlende Klempner, Müllmänner, Zahnärzte und Männer in Truthahnkostümen. Beste Aussichten haben meist Gimmicks, die zu einem Teil die Persönlichkeit ihres Darstellers wiedergeben und sich dabei stetig weiterentwickeln.

- Heat und Pops:

Die Stimmungen, die die Wrestler beim Publikum auslösen sollen. Der Heel soll Heat auslösen, negative Stimmung, Gegenstück sind Jubelreaktionen, genannt Pops. Einfache Art, Pops zu ziehen: die Veranstaltungsstadt und ihr Sportteam lobend erwähnen - unter Könnern aber als "Cheap Pops" verschrien. "Cheap Heat" gewinnt man im Gegensatz dazu durch Beleidigung der Veranstaltungsstadt und ihres Sportteams.

- Jobber:

Wrestler, dem es vorbestimmt ist, jeden seiner Kämpfe zu verlieren. Dient dem Star, der ihn besiegt mit der oft unterschätzten Qualität, ihn durch gekonntes Verkaufen seiner Offensivaktionen, gut aussehen zu lassen (Selling). In den vergangenen Jahrzehnten etwas aus der Mode gekommen, gab es in den Achtzigern und Neunzigern Kult-Jobber wie Special Delivery Jones, Iron Mike Sharpe, Barry Horowitz - und über allem den Brooklyn Brawler mit seinem durchlöcherten New-York-Yankees-Shirt.

- Kayfabe:

Fantasiewort, das die Idee beschreibt, die Fiktion im Ring für das Publikum als Realität darzustellen. Vertreter der alten Schule blieben bei jedem öffentlichen Auftritt in ihrem Gimmick, spielten sogar Verwandten fiktive Verletzungen vor, mittlerweile hat sich der Code gelockert. Bis Ende der Achtziger verkaufte die WWE ihre Show auch öffentlich konsequent als echten Sport. Wenige Jahre zuvor noch ohrfeigte ihr Kämpfer David Schultz vor laufender Kamera einen Fernsehreporter, der die Show gefälscht nannte und kommentierte es mit den Worten: "What's that, is that fake?"

- Mark und Smart:

Ein Mark ist ein Zuschauer, der die Fiktion im Ring für echt hält und entsprechend von ihr gefangen ist. Als Gegentyp hat sich in Zeiten der Massenmedien und speziell des Internets der abgeklärte Smart herausgebildet, der das Kayfabe durchschaut, das Gewerbe gut informiert und kritisch begleitet - in der Hoffnung, von ihm trotzdem noch ab und zu wie ein Mark überrascht werden zu können.

- Overness:

Wichtigster Gradmesser für den Erfolg eines Wrestlers. Ein Wrestler ist beim Publikum over, wenn er beim Zuschauer Reaktionen auslöst - gleich, ob negativ oder positiv. Um das zu erreichen, wird neuen Wrestler ein so genannter Push verpasst, er bekommt häufige Auftritte und wird mit erfolgreichen Kämpfen als ernstzunehmende Kraft dargestellt. Negative Reaktionen sind für den Anfang oft einfacher zu erzielen, weswegen die meisten Wrestler als Heels beginnen.

- Promo:

Redebeitrag eines Wrestlers mit dem Ziel, Pops oder Heat auszulösen und damit Overness zu erreichen. In der einfachsten Version eine Variation von "Ich bin besser als du, ich hau dich", bei den Größen des Geschäfts oft kleine rhetorische und kreative Perlen. Die wohl berühmteste und effektivste Promo: Stone Cold Steve Austin nach dem Gewinn des King-of-the-Ring-Turniers 1996. Der Texaner verspottete seinen gläubigen Finalgegner Jake Roberts, er könne so viel erzählen wie er wolle von seiner Bibel und seinem Johannes 3, Vers 16 (John 3:16): "Austin 3:16 says I just whipped your ass!" Bald darauf stand die Catchphrase auf Millionen T-Shirts und Austin war der Topstar der Geschäfts.

- Stable:

Zusammenschluss mehrerer Wrestler zu einer Gruppierung, die sich gegenseitig unterstützt (mehr als zwei, das ist ein Tag Team) - meist bestehend aus Heels, gegen die ein Babyface als einsamer Streiter gegen eine zahlenmäßige Übermacht antritt. Einem etablierten Star als Anführer werden meistens aufstrebende Nachwuchswrestler zur Seite gestellt. Populärste Stables der Gegenwart: Das Shield mit Roman Reigns, Seth Rollins und Dean Ambrose und außerhalb von WWE der Bullet Club um Kenny Omega, Cody und die Young Bucks. Berühmte Stables früherer Jahre: Ric Flairs Four Horsemen, die New World Order (nWo), die D-Generation X.

- Turn:

Königsdisziplin unter den Angles, in der ein Wrestler in einem überraschenden Schockmoment die Seiten wechselt und vom Babyface zum Heel wird - oder umgekehrt. Berühmtester Turn aller: Hulk Hogan, mehr als ein Jahrzehnt lang Liebling aller Hulkamaniacs, als er 1996 seinen Mitstreitern in den Rücken fiel, sich der bösen New World Order anschloss und zu Hollywood Hogan, dem sonnenbebrillten Superschurken mit den schwarzgefärbten Bartstoppeln unter dem blonden Schnauzer wurde.

Andere Variante: der Doppelturn von Bret "Hitman" Hart und Stone Cold Steve Austin, in dem Publikumsliebling Hart Bösewicht Austin in einem großen Kampf so brutal bearbeitete, dass sich die Fans gegen ihn und zu seinem Gegner wandten.

- Work, Shoot und Worked Shoot:

Ein Work ist der Oberbegriff für die geplanten Elemente einer Wrestlingshow - also im Grunde alle. In seltenen Fällen aber kommt es vor, dass ein frustrierter Wrestler Absprachen bricht und tatsächlich körperlich oder verbal auf einen Kollegen losgeht - ein Shoot. Den berühmtesten Shoot aller Zeiten vollzog aber ein Promoter: WWE-Boss Vince McMahon legte 1997 den "Montreal Screwjob" hin, in dem er seinen scheidenden Champion Bret Hart sein Match gegen Shawn Michaels verlieren ließ, obwohl der in diesen Plan nicht eingewilligt hatte: McMahon ließ den Ringgong läuten, als Michaels Hart in einem Aufgabegriff hatte. Ein beliebter Kunstgriff mit Blick auf die Smarts: Geplante Angles so aussehen lassen, als wären sie ein Shoot, so genannte Worked Shoots.