Gennadi Golovkin will sich im zweiten Mega-Fight gegen Saul "Canelo" Alvarez als bester Boxer der Welt beweisen. Privat ist er vom Schicksal gebeutelt.

von Martin Hoffmann

Der Ort, an dem der aktuell wohl beste Boxer der Welt geboren ist, ist geprägt von Kohle.

Das ist wörtlich gemeint, Gennadi Golowkin kommt aus Karaganda, einer 500.000-Einwohner-Stadt in Kasachstan.

Gegründet wurde sie im 19. Jahrhundert, um dort Kupfer zu gewinnen. Zu Stalins Zeiten wuchs sie wegen der großen Kohlevorkommen zu einem riesigen Industriekomplex an. Und auch zu einem Zentrum des Gulag-Systems, der grausamen sowjetischen Zwangsarbeitslager.

Golowkin, der in der Nacht zum Sonntag einen der am heißesten erwarteten Kämpfe des Jahres gegen Saul "Canelo" Alvarez bestreiten wird (ab 2 Uhr deutscher Uhrzeit LIVE im Stream auf DAZN - Highlights Sonntag, 23 Uhr im Free-TV auf SPORT1), kam dort zur Welt. Er boxte sich nach oben, ist mittlerweile nicht mehr nur von der Fachwelt anerkannt, sondern ist auch zum Multi-Millionen-Dollar-Magneten geworden.

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Vom Schicksal gebeutelt ist der Mittelgewichts-Weltmeister dennoch.

Gennadi Golowkin berichtet von trauriger Kindheit

Der 36-jährige Golowkin wuchs als Sohn eines Minenarbeiters und einer koreanischen Labor-Assistentin auf, mit drei Brüdern: Den älteren Sergej und Vadim sowie seinem Zwilling Maxim.

Eigenen Schilderungen zufolge erlebte "GGG" (wegen seines vollen Namens Gennadi Gennadjewitsch Golowkin, d. Red.) eine raue Kindheit. Er berichtet von Kämpfen, die er sich täglich auf den Straßen geliefert hätte. Sergej und Vadim hätten die Gegner für ihn ausgesucht, erwachsene Gegner.

Die Wahrheit? Legendenbildung? Wer weiß. Was sicher ist: Sergej und Vadim Golowkin konnten die Ausnahmekarriere ihres kleinen Bruders nicht mehr miterleben.

Große Brüder starben beim Armee-Dienst

Die beiden älteren Golowkins schlossen sich der Armee an. Im Jahr 1990 informierte ein Regierungsbeamter die Familie über den Tod Vadims. Vier Jahre später starb auch Sergej im Kriegsdienst.

Wie? Wo? Warum? Unter welchen Umständen? Es ist nicht bekannt, auch die Golowkins wissen es nicht. Der Staat nannte ihnen keine Details, ließ sie allein mit der Leere.

"Es war hart, sehr hart", erzählte Golowkin später Sports Illustrated: "Es hat unsere Familie wirklich zerfetzt."

Unglücklich in Deutschland

Viel ausführlicher hat Golowkin nie über die Tragödie seiner Familie gesprochen. Er hat es aber offensichtlich geschafft, daran nicht zu zerbrechen.

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Er legte eine erfolgreiche Amateurkarriere hin, gewann 2004 Silber bei Olympia in Athen. 2006 startete er seine Profi-Karriere, in Deutschland, beim Universum-Stall - wo er sich aber nicht richtig gefördert und unten gehalten fühlte.

Gennadi Golowkin (l.) holte 2004 in Athen Olympia-Silber
Gennadi Golowkin (l.) holte 2004 in Athen Olympia-Silber © Getty Images

Er wechselte in den K2-Stall der Klitschkos, zog in die USA mit dem Traum, mit Hilfe des fürs Amerika-Geschäft von K2 zuständigen Promoters Tom Löffler eine Weltkarriere zu starten. Es ist ihm gelungen.

Die härtesten Fäuste im Boxen

Die Schlagkraft, der Punch Golowkins gilt als einzigartig, als weiterer Schlüssel zum Erfolg die Arbeit seines mexikanischen Trainers Abel Sanchez, der dem disziplinierten Konterboxer mehr kontrollierte Aggression und Unberechenbarkeit einflößte. Das beeindruckende Ergebnis: die höchste K.o.-Quote, die ein Mittelgewichtler je als Weltmeister geschafft hat (87,2 Prozent) - und ein langsamer, aber stetiger Aufstieg zum Superstar.

Golowkins erster Fight mit Alvarez wurde als Mega-Fight aufgebaut, spielte 70 Millionen Dollar ein - endete nur sportlich unerfreulich: mit einem hoch umstrittenen Unentschieden, obwohl Golowkin eigentlich klar dominierte.

Weiteres Drama folgte: ein Doping-Verstoß von Alvarez, der den Rückkampf verzögerte, ein zähes Ringen um die Kampfbörse, viele gegenseitige Beschimpfungen.

Geht Saul Alvarez diesmal k.o.?

Das weltweite Interesse an "Golovkin - Alvarez 2" ist dennoch riesig. Sollte Golowkin den Mann mit den weniger kräftigen, aber etwas schnelleren Fäusten dieses Mal klar besiegen, wird er endgültig als Maß aller Dinge in seinem Sport anerkannt sein.

Golowkin selbst findet übrigens nicht, dass ihm diese Ehre gebührt. Nach eigenen Angaben wäre Zwilling Maxim, seinem letzten noch lebenden Bruder, eigentlich der bessere Boxer.

Er hätte ihm, dem um 15 Minuten Älteren, aber damals den Vortritt gelassen - und sich damals lieber um die vom Schicksal getroffene Familie gekümmert.