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Der blutige Sieg von Vincent Feigenbutz warf nicht nur bei Graciano Rocchigiani Fragen auf. SPORT1-Experte Tobias Drews beantwortet sie in seiner Kolumne.

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Hallo Box-Freunde,

es war ein packendes Duell, das sich Titelverteidiger Vincent Feigenbutz und sein Herausforderer Ryno Liebenberg am Samstag in Ludwigsburg lieferten: gutes Tempo, ordentliche Treffer auf beiden Seiten und ein weitgehend ausgeglichener Kampfverlauf.

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Liebenberg, der zuletzt drei Kämpfe im Halbschwergewicht verloren hatte, wollte ein Gewichtslimit tiefer einen neuen Anlauf auf einen internationalen Titel nehmen. Beide Boxer hatten ein vorzeitiges Ende für diesen auf 12 Runden angesetzten Kampf versprochen und gingen dementsprechend zu Werke.  

In der sechsten Runde brach der italienische Ringrichter Massimliano Bianco den Kampf wegen einer Cutverletzung bei Liebenberg ab. Somit lautet das Urteil: Sieger durch TKO - Vincent Feigenbutz.

Dieser Verlauf warf Fragen auf, auf die es allerdings Antworten gibt.

Muss der Ringrichter nicht vor so einem Abbruch mit dem Ringarzt sprechen, um sich dort ärztlichen Rat zu holen? 

Nein, muss er laut Regelwerk nicht. Der Ringrichter hat die alleinige Entscheidung über den Kampfabbruch, er kann sogar den dringenden Rat eines Ringarztes überstimmen.

Hätte man bei Abbruch durch Verletzung nicht auspunkten müssen?

Nein, das gilt vor allem bei Cutverletzungen, die durch "unabsichtlichen Kopfstoß" passieren. Dazu hätte der Ringrichter direkt nach dem entsprechenden Unfall das deutlich ansagen müssen. Hat er nicht. Nur bei diesen unabsichtlichen Fouls (zumeist Kopfstöße) geht man auf die Punktzettel. Nach den fünf geboxten Runden lag Feigenbutz bei zwei Punktrichtern vorne, der Dritte hatte Liebenberg in Front.

Also alles regelkonform gelaufen, und dennoch bietet der Abbruch Gesprächsstoff. War der Cut an der Stirm wirklich schlimm genug, um einen Kampfabbruch zu rechtfertigen? Nicht nur unser SPORT1-Experte Graciano Rocchigiani wunderte sich.

Auf den ersten Blick war die Wunde, die später im Krankenhaus mit drei Stichen genäht werden musste, nicht dramatisch. Blutende Wunden gehören im Boxen zum Tagesgeschäft.

Kampfentscheidende Cuts finden sich eher am Auge, oder gar am Augenlid, wo Nerven beeinträchtigt werden könnten und somit auch das Augenlicht in Gefahr ist. Das war hier nicht der Fall und dennoch brach der Ringrichter den Kampf ab. Vorschnell?

Ja, das Timing und das fehlende Fingerspitzengefühl des Ringrichters kritisiere ich. Wenige Sekunden vor Ende der sechsten Runde (es wären nur noch drei Sekunden bis zur Pause gewesen) hätte man die Situation anders beurteilen können. Nämlich zur Absicherung der eigenen Meinung doch den erfahrenen Ringarzt Prof. Walter Wagner befragen sollen.

Danach hätte man in der Ringpause die Ecke von Liebenberg an der Verletzung arbeiten lassen und in der kommenden Runde die Entwicklung des Cuts im Auge behalten können. Das hätte für alle Beteiligten die Entscheidung besser nachvollziehbar gemacht.

So war für Vincent Feigenbutz ein Sieg mit Beigeschmack. Dabei hatte er in seinem 28 Sieg (nunmehr 25 vorzeitige Erfolge) alleine für seine kämpferische Einstellung mehr Applaus als Pfiffe verdient.

Euer Tobias Drews

Tobias Drews, die Stimme des deutschen Box-Sports, hat in über 20 Jahren weit mehr als 1.000 Kämpfe für verschiedene TV-Sender kommentiert - darunter WM-Titelfights in allen Gewichtsklassen mit Vitali und Wladimir Klitschko, Mike Tyson, Lennox Lewis, Henry Maske, Axel Schulz und vielen anderen. Seit Januar 2018 ist er Leiter der Box-Unit und Kommentator bei SPORT1.