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München - Der Wechsel von Mesut Özil zu Fenerbahce Istanbul wirft Fragen auf. Lässt er seine Karriere in der Türkei ausklingen? Oder nimmt er nur neuen Anlauf?

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Das hatten sich im Nachhinein sicher alle Beteiligten anders vorgestellt.

Im September 2013 gelang dem FC Arsenal mit der Verpflichtung von Mesut Özil ein echter Coup. 47 Millionen Euro zahlten die Gunners für den damals 24-Jährigen an Real Madrid, damals vereinsinterne Rekordsumme.

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Siebeneinhalb Jahre später verlässt der inzwischen 32 Jahre alte Weltmeister von 2014 den Klub aus London durch die Hintertür. Der Vertrag wird ein halbes Jahr vor Ablauf aufgelöst, gespielt hat Özil schon länger nicht mehr. Der Wechsel zu Fenerbahce Istanbul ist so gut wie fix, Özil weilt bereits in der Türkei zu abschließenden Verhandlungen. "Gott wollte, dass ich für Fenerbahce spiele. Ich werde das Trikot mit Stolz tragen und alles für das Team geben", sagte Özil dem türkischen Fernsehsender NTV in einem Telefoninterview.

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Wechsel als Karrierekiller für Özil?

Aus emotionaler Sicht ist der Wechsel mehr als nur nachzuvollziehen. In der Türkei wird Özil verehrt, Fenerbahce ist ein Traditionsklub mit einer großen Fanbase und durchaus ambitionierten Zielen. Doch mit dem Blick auf das Sportliche muss man sich zwangsläufig fragen: Hat Özil mit diesem Schritt seine Karriere endgültig beerdigt?

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Bei seiner Ankunft in London galt Özil als einer der besten Spielmacher Europas, er hatte nach seinen Bundesliga-Stationen bei Schalke 04 und Werder Bremen von 2010 bis 2013 mit keinem Geringeren als Superstar Cristiano Ronaldo zusammengespielt.

Und das erfolgreich: In 159 Pflichtspielen für die Königlichen sammelte er über 100 Scorerpunkte. Vor allem CR7 profitierte von den Zuspielen des Deutschen. Kein Wunder, dass der Portugiese alles andere als erfreut über den Arsenal-Wechsel von Özil gewesen sein soll. Mit Real wurde Özil je einmal spanischer Meister und Pokalsieger.

Schon der überraschende Wechsel zu den Gunners wurde von Experten als sportlicher Abstieg gewertet. Von einem der besten Teams Europas zu einem Klub aus England, der sich mit Mühe und Not in den Top vier der Premier League halten kann.

Unfreiwilliger Abschied von Real Madrid

Der Wechsel Özils geschah allerdings auch nicht ganz freiwillig. Sein Vater Mustafa hatte sich mit Real-Boss Florentino Perez bei Vertragsverhandlungen überworfen, zudem brauchten die Königlichen Geld, um den Transfer von Gareth Bale von Tottenham Hotspur finalisieren zu können.

Özils Start bei den Gunners verlief verheißungsvoll. Der gebürtige Gelsenkirchener spielte in den ersten Saisons groß auf und ließ die Gunners-Fans von Höherem Träumen. 2014 wurde er mit dem DFB-Team Weltmeister in Rio, im selben Jahr FA-Cup-Sieger mit Arsenal. Im Jahr darauf verteidigten Özil und die Gunners den Pokal.

Die Saison 2015/16 war seine beste im Arsenal-Dress. Mit 19 Assists war er Topvorbereiter der Liga. Nur ein Assist fehlte ihm, um die Bestmarke von Klublegende Thierry Henry einzustellen. Arsenal wurde Vizemeister hinter Überraschungschampion Leicester City.

Wie gut Özils Leistung war, untermauert auch ein ganz besonderer Rekord. 2018 schaffte er seinen 50. Assist in der Premier League. Dafür benötigte er nur 141 Spiele. Kein Spieler in der höchsten englischen Spielklasse erreichte diese Marke schneller.

Doch der ganz große Wurf blieb aus. Im Gegenteil: In der Champions League war jedes Mal im Achtelfinale Schluss, in den entscheidenden Spielen tauchte Özil ab. Die Saison 2015/16 war zudem die bislang letzte, in der sich die Gunners überhaupt für die Königsklasse qualifizierten.

Arteta bootet Özil aus

Die Kritik an Trainerlegende Arsené Wenger wurde immer heftiger und gipfelte 2018 im Abschied des Franzosen. Doch auch unter Nachfolger Unai Emery wurde es nicht wirklich besser. Immerhin erreichte Arsenal 2019 das Finale der Europa League, das gegen den Stadtrivalen FC Chelsea verloren ging.

Und auch der Gegenwind für Özil wurde immer stärker. Sein Spielstil passe nicht zur laufintensiven Spielweise in England, er wirke oft lethargisch, reiße das Spiel nicht an sich, behaupteten seine Kritiker.

Schon unter Emery war Özil nicht mehr unumstritten, als Ende 2019 Mikel Arteta übernahm, verschlimmerte sich Özils Situation. Ihm wurde nahegelegt, sich einen neuen Verein zu suchen. Doch Özil beharrte auf seinem Vertrag, der ihn zu einem der bestbezahlten Premier-League-Spielern machte. Dennoch war klar, dass Özils Karriere in London mehr und mehr in eine Sackgasse führt.

Macht sich Özil bei Fenerbahce unsterblich?

In der aktuellen Spielzeit wurde Özil dann nicht mehr für die Kader der Premier League und Europa League nominiert – das brachte ihn offenbar zum Umdenken. In England scheinen sie dem 32-Jährigen allem Anschein nach nicht nachzuweinen. Bei Arsenal gibt es Streit, wer seine Nummer 10 übernimmt, die Daily Mail bezeichnete Özils Zeit in London als "Verschwendung".

Was darf man von Özil bei Fenerbahce nun erwarten? Ein letztes Aufbäumen, um seine Karriere doch nochmal in eine andere Richtung zu drehen? Oder lässt er seine Karriere dort ausklingen, wo er geliebt wird?

Sportlich gesehen ergibt der Wechsel für Özil kaum Sinn. Die türkische Süper Lig ist keine internationale Topliga. Sie taugt bestenfalls dazu, sich durch gute Leistungen wieder ins internationale Rampenlicht zu spielen. Einen (in seiner Vita immer noch fehlenden) internationalen Titel mit Fenerbahce zu gewinnen, scheint unmöglich.

Will Özil in seiner Karriere allerdings noch einmal einen Schub geben, muss er vor allem eines: spielen. Sein letztes Pflichtspiel für Arsenal ist fast ein Jahr her, bei Fenerbahce dürfte ihm ein Stammplatz garantiert sein.

Zudem kämpft der Klub um die erste Meisterschaft seit 2013, ist aktuell Zweiter hinter Stadtrivale Besiktas. Mit dem Meistertitel würde sich Özil in Istanbul auf einen Schlag unsterblich machen.

Und vielleicht kann er sich damit ja noch einmal für größere Klubs empfehlen.