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München - Beim VfL Wolfsburg war Victor Osimhen gescheitert. Nur zwei Jahre später ist er für eine Rekordablöse zur SSC Neapel gewechselt. Bei SPORT1 spricht der 21-Jährige.

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So mancher Sportdirektor würde bei solch einer Preisentwicklung in die Tischkante seines Schreibtischs beißen. Mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch - und alles wegen Victor Osimhen.

Der 21-Jährige hat schon einiges erlebt in seiner noch jungen Karriere als Fußballprofi. Und doch hat er schon ein Schild um den Hals, auf dem steht: 60 Millionen Euro Ablöse für seinen Wechsel von OSC Lille zur SSC Neapel. Der Rekordtransfer für die Italiener. Aber der Reihe nach.

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Seine Karriere begann Osimhen bei Ultimate Strikers Academy. Im Januar 2017 verpflichtete ihn Wolfsburgs damaliger Sportdirektor Olaf Rebbe für eine Summe von 3,5 Millionen Euro.

Als der 1,86 Meter große Mittelstürmer zum VfL kam, hofften die Verantwortlichen, dass da jemand auf dem Rasen steht, der die Wölfe mit Toren beglücken würde. Doch die Rechnung ging nicht auf. In 14 Spielen traf Osimhen nicht ein einziges Mal - und deshalb verließ er bald die Autostadt.

Missverständnis Wolfsburg: "Klub glaubte nicht so sehr an ihn"

Dafür habe es viele Gründe gegeben. "Das Wetter, die Sprache, das Essen. Ich war zum ersten Mal in Europa, war gerade 18 Jahre jung und hatte nicht genug Zeit, mich zu akklimatisieren", sagt Osimhen zu SPORT1.

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Er erinnert sich: "Als ich in Wolfsburg ankam, war das Essen, die Art, wie die Leute mit mir redeten, die Sprache, das Wetter und alles ganz anders, als das, was ich aus Nigeria gewohnt war. Ich fragte mich: 'Kann ich das machen?'" Doch Osimhen zog Vergleiche mit dem Leben in seiner Heimat Nigeria. "Wenn ich in Nigeria geblieben wäre und dort gearbeitet hätte, dann hätte ich nie eine solche Gelegenheit bekommen, wie ich sie in Wolfsburg hatte."

In Wolfsburg habe es aber nicht gepasst, "weil der Klub nicht so sehr an ihn glaubte", sagt sein enger Freund, der nigerianische Journalist Oma Akatugba zu SPORT1: "Nach der U-17-Weltmeisterschaft - er war bester Torschütze mit zehn Treffern - dachte er, es würde viel Gutes geschehen, aber das ist nicht eingetreten. Der Umzug nach Wolfsburg war gut, aber seine Zeit dort war einfach nicht die beste."

Osimhen habe dort Probleme mit seiner körperlichen Fitness und mit der Bewältigung der neuen Umgebung gehabt.

Im Sommer 2018 reichte der neue Wolfsburger Geschäftsführer Sport Jörg Schmadtke den Angreifer wieder weiter. Zunächst auf Leihbasis an den belgischen Erstligisten RSC Charleroi. Ein Wechsel, der Osimhen guttun sollte - und dort explodierte er förmlich, in 36 Partien erzielte er 20 Tore.

Liebe und Akzeptanz in Belgien

"Ich denke, dass mir die Liebe und Akzeptanz, die ich in Charleroi erfahren habe, sehr geholfen hat. Ich kam gerade aus einer schwierigen Situation und mein Selbstvertrauen war am Tiefpunkt angelangt", berichtet Osimhen über seine erste Krise als Fußballer.

Auch kleine belgische Vereine wie der SV Zulte Waragem und der Klub Brügge lehnten ihn ab, bevor Charleroi ins Spiel kam und ihm eine neue Chance bot.

Ein Schlag ins Gesicht des damals 19-Jährigen, der so viel Zuspruch brauchte. "Nachdem ich von diesen beiden Vereinen abgelehnt wurde, fühlte ich mich so betrübt, dass ich sehr traurig nach Wolfsburg zurückkehrte", erinnert Osimhen. "Eines Abends erhielt ich einen Anruf von meinem Agenten, der sagte 'Charleroi will dich haben und dieses Mal würde ich unterschreiben'."

Doch Osimhen glaubte seinem Berater nicht, wie er SPORT1 verrät. "Wegen meiner letzten beiden Erfahrungen in Belgien. Ich sagte ihm, dass ich nicht dorthin wechseln würde. Er überredete mich aber und ich willigte schließlich ein."

Generaldirektor glaubt an Osimhen

Und dann spürte er zum ersten mal Positives. "Während ich im Hotel war, kam der Generaldirektor Mehdi Bayat (heute Präsident des belgischen Fußballverbands, d. Red.) zu mir und sagte, dass er mich mag und mir eine Chance geben will. Ich unterschrieb und ein neues Leben begann für mich."

Deutschland zu verlassen, "war strategisch wichtig. Er musste ein wenig nach unten gehen, um klarer zu sehen und mit weniger Druck zu spielen", betont Akatugba.

Doch lange blieb der Mittelstürmer auch in Belgien nicht. "In Charleroi ging er, weil der Klub ein Angebot für ihn bekam, das er nicht ablehnen konnte. Aber er hat seine Beziehung zu Charleroi beibehalten, einem Klub, der ihm Hoffnung gab, als alles hoffnungslos schien", sagt Akatugba.

Fünfjahresvertrag in Lille - Rekordtransfer für Neapel

Zur Saison 2019/2020 wechselte Osimhen erneut - dieses Mal zum französischen Erstligisten OSC Lille. Für 22,4 Millionen Euro. Dort erhielt der Offensivmann einen Fünfjahresvertrag.

In Lille lief es von Beginn an gut für Osimhen. "Er löste ein Problem, weil sie dort nach dem Verkauf von Nicolas Pépé (wechselte zum FC Arsenal, d. Red.) einen verlässlichen Spieler brauchten. Jemanden, der sie konkurrenzfähig machen konnte, und das gab Victor ihnen", erinnert sich Akatugba.

Das Fußballgeschäft würde sich ständig und immer schneller verändern. Das merkten auch die Bosse in Lille. Denn Osimhen, der auch kurz mal mit dem FC Liverpool in Verbindung gebracht wurde, entschloss sich nach elf Monaten erneut zu einer Luftveränderung.

Zur kommenden Spielzeit 2020/2021 hat er einen Kontrakt beim italienischen Traditionsverein SSC Neapel. Die Ablösesumme soll inklusive verschiedener Boni bei 60 Millionen Euro gelegen haben. Angesichts der Coronakrise eine beachtliche Summe.

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Es ist der Rekordtransfer für Napoli. Für Osimhen ist es ein Aufstieg sondergleichen. Einen Teil der Ablöse bekommt die SSC durch den Verkauf ihres polnischen Stürmers Arkadiusz Milik wahrscheinlich wieder zurück, der vor dem Wechsel zu Juventus Turin stehen soll.

Osimhen kickt mit Kindern

Ungewohnte finanzielle Sphären, denn Osimhen kommt aus sehr armen Verhältnissen. "Das vergesse ich nicht. Ich verbringe immer noch Zeit mit meinen Freunden aus meiner Kindheit und halte meine alten Freunde sehr nah bei mir. Die Familie ist sehr wichtig für mich."

Osimhen sei ein "bescheidener Superstar", der "sehr ruhig und konzentriert" ist, er verstehe, "was es bedeutet, im Rampenlicht zu stehen", beschreibt ihn Akatugba und erzählt eine Anekdote: "Victor flog mit einem Privatjet nach Nigeria, nachdem er seinen Vertrag bei Napoli unterzeichnet hatte. Und am nächsten Tag kickte er mit Kindern auf einem Sandplatz in Lagos. Da hat er gezeigt, dass er ein bescheidener Sieger ist."

Warum der Stürmer seit mehr als einem Jahr nicht mehr bei einem Klub geblieben ist? "Weil er in Vereinen gespielt hat, die eher produzierende Klubs sind", sagt Akatugba.

Vorbild ist Liverpools Mané

In Neapel soll Osimhen nun das Angriffsspiel beleben. Seine Stärken sind das geradlinige Spiel nach vorne, seine schrägen Läufe hinter die gegnerischen Abwehrreihen und sein atemberaubendes Tempo. Auch hat sich seine Abschlusstechnik in den vergangenen beiden Jahren stets verbessert. Zudem ist er mit einer ausgezeichneten Koordination und Körperkontrolle ausgestattet. Sein Vorbild: Sadio Mané vom FC Liverpool.

"Victors Karriere ist wie der Weg eines durchschnittlichen afrikanischen Kindes", findet Akatugba. "Der einzige Unterschied besteht darin, dass er in einem relativ jungen Alter und in einer besseren Zeit als Fußballer größer wird."

"Er will immer spielen"

Nach Wolfsburg habe es „einige Zeit gedauert, aber er hat es geschafft, und er ist ein Junge, der Fußball liebt. Er will immer spielen".

Ein ehemaliger Kollege hat immer an ihn geglaubt: Wolfsburgs Kapitän Josuha Guilavogui. "Viele Leute hatten mich nach der Zeit in Wolfsburg abgeschrieben, und es gab eine Zeit, in der ich sogar an mir selbst gezweifelt habe. Ein Lob an Josuha, er hat mir in der dunkelsten Zeit meines Lebens beigestanden."

Er habe Osimhen alles erzählt von seinem Start in Europa und was er durchgemacht habe. "Ich sah ihn als afrikanischen Bruder. Er sagte mir, ich müsse konzentriert sein, müsse weiter hart arbeiten, und er gab mir einige Ratschläge, wenn ich als Fußballer in Europa Erfolg haben will. Und diese ganze Sache ist einer der Gründe, warum ich da bin."