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München - Die Lage in Italien ist weiter verheerend. Am Montag wird über einen Abbruch der Serie A beraten. Bei SPORT1 spricht Lazio-Rom-Sportdirektor Igli Tare.

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Durch das Coronavirus ist die Lage in Italien verheerend. Nach den USA gibt es dort die höchste Anzahl an Infizierten, Italien hat zudem die meisten Todesfälle zu beklagen. Und beide Werte steigen weiter an.

Ein Hoffnungsschimmer: Die Zahl der Neuinfizierten verlangsamt sich etwas. Seit dem 9. März gilt die Ausgangssperre. Am Montag soll über einen Abbruch der Serie A beschlossen werden. 

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Der ehemalige Bundesliga-Stürmer Igli Tare (unter anderem Fortuna Düsseldorf, 1. FC Kaiserslautern) lebt seit 2005 in Italien, war erst drei Jahre Spieler bei Lazio Rom, seit 2009 ist er Sportdirektor bei den Biancocelesti.

Im SPORT1-Interview spricht der 46-Jährige über die dramatische Lage im Land, den abrupten Halt des Höhenflugs seiner Laziali und eine Rückkehr in die Bundesliga.

SPORT1: Herr Tare, wie geht es Ihnen und Ihrer Familie?

Igli Tare: Den Umständen entsprechend. Wir sind trotz der katastrophalen Lage im ganzen Land alle gesund, haben uns zum Glück nicht mit dem Virus infiziert.

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SPORT1: Am Montag soll über einen Abbruch der Serie A beschlossen werden. Finden Sie das gut?

Tare: Nein, die Saison muss zu Ende gespielt werden. Schon aus Respekt vor den Toten und den Fans. Die Zeit ist jetzt nicht reif dafür, über einen Abbruch zu entscheiden. Die Zahlen der Infizierten werden etwas weniger. Ein Abbruch der Saison wäre unfair.

Tare: "Man ist geschockt und sprachlos"

SPORT1: Wie schlimm waren die vergangenen Wochen für Sie?

Tare: Extrem schlimm. Am Anfang haben wir es alle noch ein bisschen auf die leichte Schulter genommen. Es war anfangs vergleichbar mit den Vorkommnissen beim Ebolavirus, der damals auch überraschend schnell wie jetzt der Coronavirus kam und sich ähnlich schnell verbreitete. Mit der Zeit wurde es uns mehr und mehr bewusst, nachdem man die ersten Zahlen in Italien gesehen hatte. Die Lage wurde immer schwieriger. Mittlerweile sprechen wir nicht mehr über eine Situation, sondern über einen Krieg. Wenn man seit Wochen die LKWs des Militär vorbeifahren sieht, wie die Särge mit den Toten abtransportiert werden, ist man nur noch geschockt und sprachlos. Und die Zahlen, die täglich hinzukommen, sind erschreckend. Es ist eine Katastrophe für das ganze Land.

SPORT1: Fast 1000 Tote am vergangenen Freitag in Italien, davon rund 50 Ärzte. Wie schützen Sie sich persönlich und Ihre Familie gegen das Coronavirus?

Tare: Wir sind jetzt seit fast drei Wochen zu Hause in der Ausgangssperre. Man kommt nur raus, wenn man in den Supermarkt oder in die Apotheke gehen muss. Ansonsten sind wir den ganzen Tag zu Hause in Quarantäne. Wir versuchen die Maßnahmen einzuhalten, die die Regierung getroffen hat. Es ist eine sehr wichtige Entscheidung, um hoffentlich bald wieder an eine Normalität in unserem Land denken zu können. Wir beten dafür.

SPORT1: Kennen Sie jemanden aus dem Bekannten- oder Familienkreis, der positiv getestet wurde?

Tare: Bis jetzt bei uns in Rom noch nicht. Ich habe aber Bekannte, die bereits Ihre Eltern durch das Virus verloren haben.

SPORT1: Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?

Tare: Als sich das Virus verbreitete, waren wir anfangs alle nur mit diesem Thema beschäftigt. Mittlerweile versuchen wir in der Familie nicht mehr die ganze Zeit vor dem Fernseher zu sitzen und die beängstigenden Bilder zu sehen. Man versucht, nicht depressiv zu werden und sich nicht den ganzen Tag nur mit der Tragödie zu beschäftigen. Das würde dich fertig machen. Meine Frau und ich versuchen die Kinder zu Hause abzulenken und mit ihnen zu arbeiten. Über den Computer werden die Kontakte aufrecht erhalten. Und ich versuche zudem auch noch ein bisschen zu trainieren. Auch, um den ganzen Stress abzubauen. Die ganze Situation ist so bedrückend.

"Unser Leben wird nicht mehr sein, wie es mal war"

SPORT1: Was trainieren Sie?

Tare: Mit den Kindern ein bisschen, aber auch im Kraftraum bei uns im Haus. Ich gehe auf das Laufband und halte mich dort generell fit.

SPORT1: Was hat Ihnen in den vergangenen Wochen am meisten Angst gemacht?

Tare: Die Ungewissheit über das Coronavirus. Ja, ich hatte zeitweise richtig Angst. Man hört jeden Tag eine neue Version. Es ist so traurig, dass man im Jahr 2020 so etwas erleben muss. Ich komme mir vor wie in einem Horrorfilm. Jeden Morgen, an dem wir aufstehen, müssen wir uns damit auseinandersetzen. Die Konsequenzen des Virus werden unseren Alltag in den nächsten Wochen und Monaten noch beeinflussen. Unser Leben wird nicht mehr so sein, wie es mal war.

SPORT1: Ist es auch die Unsicherheit der Rückkehr in ein normales Leben, die Angst macht?

Tare: Ja. Man fragt sich natürlich, wie eine Rückkehr in die Normalität und das Weiterleben überhaupt möglich sein sollen. Man muss versuchen, Lehren aus dieser schrecklichen Zeit zu ziehen, positiv zu bleiben und der Zukunft irgendwann wieder offen und zuversichtlich zu begegnen.

SPORT1: Wie ist das Thema in Ihrer Mannschaft aufgenommen worden? Wie intensiv ist der Kontakt zu den Spielern gerade?

Tare: Wir sind täglich mit allen in Kontakt. Mit dem ganzen Staff und mit der Mannschaft. Und wir können es kaum erwarten, bis es dann mal wieder losgeht. Wir müssen aber - auch wenn es schwierig ist - großen Respekt haben für diejenigen, die in der ersten Reihe stehen und seit Wochen um das Leben von den vielen kranken Menschen kämpfen. Aber auf die gleiche Art und Weise müssen wir versuchen, in unser normales Leben zurückzukommen. Das heißt auch trainieren. Und die Spieler fiebern diesem Tag entgegen, an dem wieder Normalität im Klub möglich ist. Wir müssen dann ganz langsam wieder den Rhythmus finden und so schnell wie möglich aus diesem Horror heraus kommen.

SPORT1: Wie emotional waren die vergangenen Wochen für Sie?

Tare: Ich musste noch nicht weinen, denn ich habe einen sehr starken Charakter. Es wird einem Stück für Stück bewusst, was da Furchtbares passiert. Tränen würden bei mir fließen, wenn in meinem direkten Umfeld etwas Schlimmes passiert. Gott sei Dank ist das nicht der Fall. Man hat Angst um die älteren Menschen und die Kinder. Und es gibt Zukunftsängste. Wir sind noch positiv gestimmt, aber hoffentlich wird nicht alles noch schlimmer.

Gehaltsverzicht bei Lazio noch kein Thema

SPORT1: Beschreiben Sie Ihren starken Charakter?

Tare: Wenn man älter ist und bereits Kinder hat, dann macht man sich schon Gedanken. Wir haben in Rom noch Glück im Unglück, weil sich in unserer Stadt nicht so viele Menschen infiziert haben wie in Norditalien. Die Lage in Rom ist entspannter.

SPORT1: In Deutschland wird über Gehaltsverzicht diskutiert. Ist das bei Lazio auch ein Thema?

Tare: Nein, noch nicht. Wir müssen erst noch darüber nachdenken. Unsere Spieler haben untereinander Kontakt, aber noch nicht darüber gesprochen. Wir können uns aber gut vorstellen, dass es auch bei uns bald der Fall sein wird.

SPORT1: In der Gazzetta della Sport wird berichtet, dass viele Klubs in Italien pleite gehen könnten. Wie groß ist die Angst in der Liga, dass dies tatsächlich geschieht?

Tare: Für den italienischen Fußball ist der Shutdown mitten in der Saison eine einzige Katastrophe. Wir werden versuchen, dies mit aller Macht zu verhindern und werden versuchen, die Saison weiter spielen zu können. Mehr als 75 Prozent der Vereine im italienischen Fußball finanzieren ihr Budget über die Fernsehgelder. Sollten diese Gelder alle nicht bezahlt werden, würde das den Kollaps für die Vereine bedeuten.

Tare: "Verfolge die Bundesliga ganz genau"

SPORT1: Lazio spielt eine fantastische Saison und steht nach 26 Spielen auf Platz 2. Was sind die Gründe für die erfolgreiche Auftreten, bevor das Virus kam?

Tare: Es gibt sehr viele Gründe für Platz 2. Ein Hauptgrund ist, dass sich unsere Mannschaft in diesem Jahr sehr gut entwickelt hat. Wir haben in der vergangenen Saison ein sehr gutes Jahr gehabt - mit den Erfolgen im Pokal und im Supercup gegen Atalanta Bergamo und Juventus Turin. Der aktuelle Platz 2 und die Leistung in dieser Saison ist die logische Konsequenz und Fortführung aus der alten Spielzeit. Es ist absolut schade, dass dieser Lauf durch die Coronakrise abrupt gestoppt wurde.

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SPORT1: Fühlen Sie sich durch das Virus um den Erfolg betrogen?

Tare: Nein, überhaupt nicht. Ich glaube sehr viel an Schicksal im Leben. Wir müssen die Situation leider so annehmen, wie sie ist. Aber wir sollten auch versuchen, wenn unsere Zeit kommt, dann wieder in die Erfolgsspur zurückzufinden. Wann immer das sein wird. Wenn wir zurück auf das Spielfeld kommen, müssen wir versuchen so weiter zu machen, wie wir aufgehört haben. Das wird nicht leicht. Aber wir hoffen, es gelingt uns.

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SPORT1: Sie sind seit 2005 bei Lazio, erst drei Jahre als Spieler, seit 2009 als Sportdirektor. Das ist eine sehr lange Zeit. Reizt Sie nicht mal ein Wechsel, vielleicht in die Bundesliga?

Tare: Ich verfolge die Bundesliga immer ganz genau. Auch weil ich immer noch eine sehr starke Verbindung zu Deutschland habe. Ich habe sehr schöne neun Jahre dort erlebt (unter anderem Fortuna Düsseldorf, 1. FC Kaiserslautern, d. Red.) und sehr viel gelernt in dieser Zeit. Deutschland wird immer ein Mittelpunkt in meinem Leben bleiben. Ich fühle mich aber sehr wohl in Rom, das ist meine Heimat geworden und Lazio meine zweite Familie. Wir haben in den zurückliegenden Jahren etwas entwickelt, worauf ich sehr stolz bin. Und deshalb gehe ich davon aus, dass ich noch einige Jahre bei Lazio bleiben werde. Die Bundesliga ist sicher interessant und daher sollte man nie nein sagen. Man weiß nie, wie sich das Leben entwickelt.