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Genua und München - In einem Alter, in dem andere ihre Karriere beenden, dreht Fabio Quagliarella auf und stellt einen Uralt-Rekord ein. Dabei musste er ein echtes Trauma überwinden.

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Das wird sich Cristiano Ronaldo anders vorgestellt haben. Der fünfmalige Weltfußballer kam in die Serie A, um Superstar und Toptorschütze in der italienischen Liga zu werden. (Der Spielplan der Serie A)

Doch mehr als über den fünfmaligen Weltfußballer spricht die Liga derzeit über einen längst aussortierten ehemaligen Nationalspieler. Einen Stürmer, von dem viele rätseln, wo er denn gerade spielt. Der Mann, der allen die Show stiehlt, heißt Fabio Quagliarella.

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Der 35-Jährige hat im Laufe seiner Karriere einiges erlebt. Einige Trainer, einige Vereine, sogar einige Titel. Als er im Januar 2016 zu Sampdoria Genua wechselte, hatte er mit Sicherheit nicht damit gerechnet, dass er seinen Karrierehöhepunkt noch erleben würde.

Beim 4:0-Erfolg im Liga-Spiel gegen Udinese Calcio stellte er einen 24 Jahre alten Rekord ein. Quagliarella schoss in elf aufeinanderfolgenden Partien in der Serie A mindestens ein Tor. Das gelang zuletzt der argentinischen Legende Gabriel Batistuta im Trikot des AC Florenz.

Quagliarella huldigt Vorgänger Batistuta 

Quagliarella reagierte emotional. "Allein die Vorstellung, den Rekord von Batistuta zu verbessern, löst bei mir große Gefühle aus. Schon, wenn ich seinen Namen nenne, bekomme ich Gänsehaut. Nach dem ersten Tor dachte ich nur daran, den Abend und meine Fans zu genießen", zitiert ihn die Gazzetta dello Sport. "Ich bin sprachlos. Diesen Rekord mit fast 36 Jahren zu knacken, macht mich stolz." (Tore und Scorer: Die Statistik der Serie A)

In einem Alter, in dem viele Fußballprofis ihre Karriere beenden, dreht der in Castellamare di Stabia, einer Hafenstadt nahe Neapel, geborene Mittelstürmer so richtig auf. Dabei hätte es auch anders laufen können.

Konstanz ist eine Eigenschaft, die nicht unbedingt zu seiner Karriere passt. Sein Jugendverein FC Turin, zu dem er im Alter von zehn Jahren kam, verlieh ihn mehrfach, 2005 verkaufte Turin ihn dann endgültig an Udinese Calcio. Doch statt dort durchzustarten, wurde der junge Quagliarella erneut ausgeliehen.

Genua, Neapel - und der plötzliche Abgang des Stürmers

Der Durchbruch gelang ihm erst, als er zu Sampdoria Genua kam – dem Klub, für den er heute wieder spielt. Er traf in 35 Spielen 13 Mal, schloss sich daraufhin wieder Udinese an und wiederholte die ordentliche Bilanz von 12 und 13 Treffern.

Nach seiner Berufung in die italienische Nationalmannschaft wurde der SSC Neapel aufmerksam. Napoli zahlte im Jahr 2009 satte 18 Millionen Euro Ablöse für den Stürmer. Trotz elf Saisontoren – Glück hatte Quagliarella keines in Neapel. Fluchtartig verließ er die Süditaliener bereits ein Jahr später wieder - ausgerechnet zum Erzrivalen Juventus Turin.

Erst Jahre später kam ans Licht, weshalb er gehen musste. Ein Polizist beschuldigte ihn damals des Kokain-Konsums, der Machenschaften bei der Mafia und pädophiler Neigungen. Letztlich stellte sich heraus, dass der Beamte es auf ihn und seine Familie abgesehen hatte, weshalb er zu einer Haftstrafe verurteilt wurde.  

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Quagliarellas Traum platzt

Für den Stürmer war die Flucht aus Neapel ein harter Schlag. Neapel war so etwas wie sein Heimatverein, für den er immer spielen wollte. Kein Wunder: Neapel und Castellamare di Stabia trennen nur rund 30 Kilometer.

"Ich habe mir immer vorgestellt, Kapitän von Napoli zu sein. Etwas mit dem Team zu gewinnen", sagte er vor zwei Jahren. "Ich bin mir sicher, wenn das nicht passiert wäre, würde ich dort noch immer spielen." Doch dann gingt er zu Juve - und die Napoli-Fans begannen, in Unkenntnis der Tatsachen, ihn zu hassen.

Wohl auch geprägt durch die schwierigen Umstände, lernte Quagliarella im Laufe der Jahre, dass es wichtigeres im Leben gibt, als gut Fußball zu spielen und Tore zu schießen. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb er immer besser wurde und befreit aufspielen kann.

Nach seinem Rekordtor gegen Udinese sagte er: "Ich spiele nur noch aus Spaß und genieße es, auch wenn ich mal kein Tor schieße. Dann versuche ich eben, meinen Teamkameraden ein Tor aufzulegen."

Bei Sampdoria trifft er jedes Jahr zweistellig

Im Winter 2016 wechselte der Spieler mit der Rückennummer 27 – in Erinnerung an seinen Kindheitsfreund und Fußballkollegen Niccolo Galli, der 2001 bei einem Mofaunfall starb – vom FC Turin erneut zu Sampdoria Genua. Seitdem trifft er in jeder Spielzeit zweistellig. In der Saison 2017/18 schoss er 19 Tore in der Serie A und lieferte sechs Assists.

In der aktuellen Saison liegt er bei 16 Toren, damit schoss ein Tor mehr als Ronaldo. Bei der Einstellung des Batistuta-Rekords am vergangenen Sonntag gratulierte sogar der FC Genua mit einem Tweet. 

 

"Wir sind stolz, Genuesen zu sein und in der Stadt einen so starken Rivalen wie dich zu haben", so die ungewöhnlichen Worte des Lokalrivalen.

Sollte Quagliarella am Wochenende, am 22. Spieltag, erneut treffen, wäre er alleiniger Rekordhalter mit zwölf aufeinanderfolgenden Spielen mit eigenem Tor. Gegner ist ausgerechneet "sein" SSC Neapel. Zuvor feiert Quagliarella Geburtstag. Am 31. Januar wird er 36 Jahre jung.