München - Jürgen Kohler wechselte einst als erster deutscher Abwehrspieler zu Juventus in die Serie A. Bei SPORT1 spricht er über die Alte Dame, Cristiano Ronaldo und Emre Can.

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Jürgen Kohler hat alles gewonnen. 

Mit Deutschland wurde der frühere Abwehrspieler Weltmeister und Europameister, mit dem FC Bayern gewann er die deutsche Meisterschaft, mit Juventus den UEFA-Pokal und mit Borussia Dortmund wurde der "Kokser", wie er genannt wurde, zwei Mal Deutscher Meister und zudem Champions League- und Weltpokal-Sieger.

Im SPORT1-Interview spricht der 52-Jährige über Juve, Emre Can, die Bayern - und stichelt gegen Cristiano Ronaldo.

SPORT1: Herr Kohler, wie blicken Sie zurück auf Ihre Juve-Zeit?

Jürgen Kohler: Es war eine tolle Zeit, aber es war schwieriger als heute. Damals durften nur drei Ausländer spielen, maximal fünf durften im Kader sein. Das hatten die Vereine damals aber gar nicht. Es war für mich auch hart, weil ich mich gegen einheimische Fußballer durchsetzen musste. Alleine die Sprache verschaffte ihnen einen Vorteil, da musste ich mich durchboxen. Es war auch nicht wie heute, dass die Spieler teilweise bereits eineinhalb Jahre im Voraus wissen, wohin sie wechseln. Man musste damals ein Jahr lang liefern und wenn der Verein auf dieser Position jemanden gesucht hat, dann hat man dich angesprochen.

SPORT1: Wie denken Sie heute über Juve?

Kohler: Es gibt eine neue Führungsebene, obwohl ich Andrea Agnelli noch von meiner Zeit kenne. Damals war er 14 Jahre alt. Heute hat Andrea eine führende Funktion bei Fiat und bei Juve. Ich freue mich immer, wenn wir uns sehen. Er ist der Einzige, den ich wirklich noch von damals kenne. Für die Alte Dame spielen zu dürfen, war etwas ganz Besonderes. Weltweit befindet sich der Verein unter den ersten drei, vier Klubs - mehr kann man eigentlich gar nicht erreichen, als für diesen Verein zu spielen.

SPORT1: Ist Juve bereit für neue Großtaten?

Kohler: Absolut. Nach dem bitteren Zwangsabstieg 2006 gelang mit Trainer Didier Deschamps (heute Nationaltrainer von Frankreich, Anm. d. Red.) der Wiederaufstieg. Mit ihm habe ich damals noch zusammengespielt. Nach der Rückkehr in die Serie A sind sie ab 2012 sieben Mal hintereinander Meister geworden - eine außergewöhnliche Leistung. Die Serie A ist eine sehr schwierige Liga, da die Mannschaften taktisch sehr gut ausgebildet sind. Juve hat es geschafft, über viele Jahre dort souverän den Titel zu gewinnen. Das spricht für diesen Verein, der in Italien den Stellenwert von Bayern München hat. Der Verein hat sich das erarbeitet.

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SPORT1: Cristiano Ronaldo spielt jetzt bei Juve, es war der große Transfer dieses Sommers. Wie bewerten Sie den Wechsel?

Kohler: Über die Qualitäten eines Ronaldo gibt es keine zwei Meinungen, er hält in Spanien viele Rekorde. Er hat es geschafft, die ganz großen Titel zu gewinnen. Man muss ihm Hochachtung entgegen bringen. Allerdings muss ich sagen, dass man Ronaldo in den ganz entscheidenden Spielen eigentlich selten sieht. Dann schießt er in einem Spiel das 4:1 per Elfmeter und lässt sich dafür feiern. Aber das ist auch seine Art. Ich habe mit vielen Leuten über ihn gesprochen. Alle sind fasziniert, weil er auf dem Platz auch viel arbeitet. Nur die wahren Champions sind auch bereit, mehr zu arbeiten. Das trifft auf Ronaldo zu. Das ist der Unterschied zwischen Weltklassespielern und normalen Kickern.

SPORT1: Kann Juve mit CR7 den entscheidenden Schritt machen, nämlich die Champions League gewinnen?

Kohler: Ja, davon träumt natürlich ganz Turin. Die Bosse haben Ronaldo geholt, um den Henkelpott zu gewinnen. Das ist der ganz große Glanz, der noch fehlt. Man ist ohne Ronaldo mehrmals hintereinander Meister geworden und aus Marketinggründen brauchen Sie Ronaldo eigentlich nicht zwingend. Die Alte Dame war immer schon eine Marke, egal ob mit oder ohne Ronaldo. Juve wird immer Juve bleiben.

SPORT1: Ronaldo hatte in Madrid offenbar Probleme mit Vereinsboss Florentino Perez. Muss Juves Präsident gewarnt sein?

Kohler: Da habe ich eine etwas andere Meinung. Ronaldo ist ein großer Spieler, aber keiner ist größer als der Verein. Es gibt Menschen, die in einer Gesamt-Verantwortung für den Verein stehen. Das gilt für einen Ronaldo, einen Zidane, einen Neymar - alle müssen das einfach akzeptieren. 

SPORT1: Emre Can ist nun auch ein Spieler von Juve. War der Wechsel nach Turin ein logischer Schritt für ihn?

Kohler: Sportlich ja. Die neue Situation ist für ihn sehr interessant, obwohl er in Liverpool auch gute Spiele gemacht und sich gut entwickelt hat. Er wird in Turin mehr verdienen als bei den Reds, das war natürlich ein Grund für den Wechsel. Alle Spieler, die etwas anderes behaupten, sagen nicht die Wahrheit. Ich bin damals auch vom FC Bayern weggegangen, weil ich mehr Geld verdienen konnte. Dass ich dann bei Juve eine Bilderbuch-Karriere erleben durfte und dadurch ein großes Standing in Deutschland erreicht habe, war nicht vorhersehbar. Abwehrspieler gibt es eben nicht wie Sand am Meer, es gibt nur einige richtig gute. Emre ist der richtige Spieler für Juve.

SPORT1: Warum?

Kohler: In Liverpool ist es schwieriger, Titel zu gewinnen. Mit der Alten Dame hat er die Gewissheit, bei einem Top-Klub zu spielen, der weltweit ein hohes Ansehen genießt. Emre ist jetzt in der Blüte seiner Jahre, selbst bei einem Vierjahresvertrag kann er danach noch zu Real Madrid oder nach Barcelona wechseln. Das war für ihn bestimmt auch eine Überlegung wert. Wenn man ein paar Meisterschaften mit seinem Klub gewinnt, wird man für andere Vereine natürlich wieder interessant.

SPORT1: Sami Khedira hat im vergangenen Jahr bei Juve eine überragende Saison gespielt. Von Joachim Löw ist er jetzt ausgebootet worden. Wie ist da Ihre Meinung? 

Kohler: Die genauen Gründe sind mir nicht bekannt. Auch die Pressekonferenz von Löw war für mich schwammig, da habe ich nichts Neues gehört. Was hier jetzt die Neuerungen sein sollen, verstehe ich nicht. Der Bundestrainer hat Khedira nicht ausgebootet, er nominiert ihn aktuell nicht. Sami hatte in der Vergangenheit auch immer mal Verletzungsprobleme, auch wenn er im vergangenen Jahr eine gute Saison gespielt hat.

SPORT1: Juve hat jetzt seinen Superstar. Bei Bayern fehlt so einer. Ist das der Grund dafür, dass die Bayern im internationalen Vergleich schwächeln?

Kohler: Der letzte ganz große Erfolg war das Triple 2013 mit Jupp Heynckes. Ich glaube, dass die Bayern-Bosse schauen, was möglich ist, und immer überlegen, was man dem Verein und dem Umfeld Gutes tun kann. Da ist man sehr bedacht. Ich bin aber trotzdem davon überzeugt: Wenn die Münchner einen Messi sehen und erkennen würden, dann würden Sie ihn verpflichten. Also nicht den fertigen Messi, sondern den jungen Messi. Kapital erkennen die Bayern. Ihr großes Plus: Sie können Spieler halten. Manche Klubs sind gezwungen, große Spieler zu verkaufen, das muss Bayern nicht machen. Dennoch sollte Juves Mut die Bayern ermutigen.

SPORT1: Die Bundesliga liegt in der Fünfjahreswertung hinter der Serie A. Warum? 

Kohler: Ganz einfach: Wir haben in der Europa League oder der Champions League mit unseren Mannschaften enttäuschende Ergebnisse erzielt. Die Bundesliga hat genauso wie die Nationalmannschaft an Boden verloren. Darüber muss man sich Gedanken machen. Es ist auch so, dass Spieler wie Emre Can, wenn sie einmal das Nest Deutschland verlassen haben, nicht einfach wieder zurückkommen. Das sehe ich auch nicht dramatisch. Es wäre dramatisch, wenn alle Topspieler die Bundesliga verlassen würden. Das ist aber nicht der Fall. Klar, ein Lewandowski versucht seinen Marktwert zu steigern, das ist legitim. Aber wenn Bayern nicht mitspielt, muss er bleiben. Das ist die Klasse des Klubs, man könnte so einen Spieler auch mal ein Jahr auf die Tribüne setzen. Ich wäre in so einem Fall auf den Marktwert gespannt, ob dann die internationalen Vereine so einen Profi verpflichten. 

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