München - Neapel ist Spitzenreiter der Serie A. Die Tifosi hoffen auf die erste Meisterschaft seit 1990. Legende Maradona wird von der Leistungsexplosion überrascht.

von Marcel Bohnensteffen

Diego Maradona ist ein Mann extremer emotionaler Regungen. Ist Argentiniens Fußballikone gut gelaunt, versetzt er sich und andere in einen Rausch voller Glücksgefühle. An schlechten Tagen wähnt man sich in seiner Nähe auch schon mal der Apokalypse nahe. 

Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt, das geht bei Maradona bisweilen ineinander über. Erst recht, wenn es um den SSC Neapel geht.

Den Verein, nein: seinen Verein, bei dem er als Spieler Heldenstatus erlangte. Für den er, wie er selbst sagt: sein Leben gab.

Bleibt man einen Moment bei diesem Bild, kann man sagen: Das ruhmreiche Napoli tut derzeit einiges dafür, seinem Helden das Leben zurückzuschenken. 

Maradona prophezeite Neapel den Abstieg

Zum Ende des Fußballjahres 2017 ist der Kultklub vom Vesuv nach dem 1:0-Sieg beim beim FC Crotone Spitzenreiter in der Serie A. Die Erben Maradonas lassen die Tifosi, ja die ganze Stadt, vom ersten Scudetto seit 1990 träumen.

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Kaum jemand hat dem Team diese sportliche Entwicklung zugetraut, am wenigsten Maradona selbst. Es ist noch nicht lange her, da fällte der Kapitän der früheren Meisterelf ein vernichtendes Urteil über das Team, vor allem über Trainer Maurizio Sarri. 

"Er ist der falsche Trainer für Neapel. Ich fürchte, unter ihm werden sie gegen den Abstieg kämpfen." Dieser Satz Maradonas stammt aus dem Sommer 2015.

Napoli war in der Saison 2014/15 unter Rafael Benitez nur auf Platz fünf gelandet, nachdem es in den beiden Spielzeiten zuvor noch zu den Plätzen zwei und drei gereicht hatte. Als Nachfolger kam Sarri vom kleinen FC Empoli.

Maurizio Sarri empfahl sich beim kleinen FC Empoli für den Job in Neapel
Maurizio Sarri empfahl sich beim kleinen FC Empoli für den Job in Neapel © Getty Images

Maradona spielte die Karte Drama, um den Klub wieder aufzurütteln. Wenn man so will, seinen rhetorisch stärksten Trumpf. Es war gefühlt das erste Mal, dass sie in Neapel nicht auf sein Wort hörten. 

Die Bosse vertrauten Sarri und gaben ihm die Chance, ein neues, titelreifes Kollektiv zu schaffen. Schon in seiner ersten Saison stand Napoli bis zum 25. Spieltag an der Spitze, ehe Juve doch wieder davonzog.

Nach Platz drei im vergangenen Jahr will Sarri sein Werk in dieser Saison endlich vollenden. 

Insigne, Mertens, Hamsik: die Erben Maradonas

Zu welchem Aufschwung Sarri seinen Spielern verholfen hat, war zuletzt auch in der Champions League zu bestaunen. Gegen Manchester City, die neue Wunderelf des Weltfußballs, zeigten die Italiener in Halbzeit eins eine epische Leistung. City-Coach Pep Guardiola bekannte später: "Als sie loslegten und zeigten, was sie können, blieb mir der Mund offen stehen."

Napoli verlor das Spiel zwar mit 2:4 und schied als Gruppendritter in der Vorrunde aus. In der K.o.-Phase der Europa League wartet zudem RB Leipzig - einer der härtesten Gegner im Wettbewerb. Und bis Sarris Mannen in Europa wieder zu den größten Favoriten zählen, wird sicherlich noch eine weitere Saison vergehen.

In der heimischen Liga aber ist die Mannschaft schon jetzt wieder sportlicher Gradmesser. 

Von den letzten 49 Partien hat Napoli nur drei verloren - zwei davon gegen Serienmeister Juventus. Die Bilanz ist umso bemerkenswerter, wenn man sie ins Verhältnis zur personellen Entwicklung setzt.

Um den Verein zu konsolidieren, hat Präsident Aurelio De Laurentiis der Reihe nach Topstars verkauft. Ezequiel Lavezzi, Edinson Cavani und natürlich: Gonzalo Higuain. Der argentinische Torjäger lief im Sommer 2016 für 90 Millionen Euro Ablöse zu Juve über.

Maradona bittet Trainer Sarri um Vergebung

Maradonas Erbe verwalten inzwischen andere. Spieler wie Lorenzo Insigne und Dries Mertens. Oder Marek Hamsik. Der Slowake hat beim 3:2-Erfolg gegen Genua kurz vor der Winterpause den klubinternen Torrekord gebrochen. Dafür wurde er vor dem Match gegen Crotone geehrt, auf seinem linken Ärmel prangte ein Aufnäher mit seinem Konterfei und der Aufschrift "All Time Top Scorer".

Das Siegtor war sein 116. Treffer im 478. Pflichtspiel für Napoli. Maradona erzielte einen weniger, wenngleich er auch nur 259 Mal für den Verein auflief.

Optimisten deuten solche Zahlen dennoch als Indiz für die Renaissance eines neapolitanischen Meisterteams. Jetzt, da sogar Maradona höchstselbst überzeugt ist, dass die Mannschaft für Großes bestimmt ist.

Als sich ihr Erfolgsweg zu einem frühen Zeitpunkt der Saison abzeichnete, korrigierte die Legende ihre Einschätzung über Trainer Sarri. "Ich lag falsch bei ihm. Ich bitte um Vergebung", sagte Maradona, "unter ihm kann Neapel endlich wieder Meister werden."

Bis dahin stehen noch 20 Spiele an - und ein vermutlich hochspannendes Duell mit Erzrivale Juventus. Emotional wird Maradona bis Saisonende wieder voll gefordert sein.