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München - Der schwerreiche Klubbesitzer John W. Henry hat den FC Liverpool beim Thema Super League in ein Fiasko gesteuert - nicht die erste Fehleinschätzung in den letzten Jahren.

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In der US-amerikanischen Populärkultur ist John Henry ein berühmter Volksheld, besungen unter anderem von Johnny Cash und Bruce Springsteen und auch literarisch vielfach verewigt.

Der Legende nach war John Henry ein schwarzer Eisenbahnarbeiter im 19. Jahrhundert, der in einem Protestakt gegen die Industrialisierung zu demonstrieren versuchte, dass er einen Tunnel genauso schnell in Handarbeit graben konnte wie ein Kollege mit einem der neuartigen Dampfhämmer. Er soll es tatsächlich auch geschafft haben - und dann tot zusammengebrochen sein.

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Diese Geschichte hat erst mal überhaupt nichts gemeinsam mit der Geschichte von John Henry, dem weißen US-Investmentbanker und Besitzer des FC Liverpool, der soeben eine tragende Rolle beim Scheitern der Super League des Fußballs gespielt hat. Andererseits aber irgendwie doch - auf ihre eigene verdrehte Weise. (Super League: Liverpool und Co. droht Mega-Strafe)

Der mächtige Besitzer des FC Liverpool

John W. Henry, der mächtige Mann im Hintergrund der von Jürgen Klopp trainierten Reds, ist einerseits eine Schlüsselfigur hinter dem Wiederaufstieg des Traditionsklubs zum Champions-League-Gewinner von 2019.

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Nun aber steht er zum wiederholten Mal wegen einer instinktlosen Entscheidung hinter den Kulissen im Kreuzfeuer. Wer ist der Mann, der nicht zuletzt seinen prominentesten Angestellten Klopp immer wieder in Erklärungsnot bringt?

Henry, am 23. September 1949 als Sohn eines Sojabohnenfarmer-Ehepaars in der 40.000-Einwohner-Stadt Quincy in Illinois geboren, ist als Gründer und Chef der Investment-Firma John W. Henry & Company zu einem geschätzten Vermögen von 2,32 Milliarden Euro gekommen.

Seit den späten Achtzigern spielte er auch unterschiedlich große Rollen bei diversen US-Sport-Franchises. Unter dem Dach seiner Fenway Sports Group, die er 2001 mit dem TV-Produzenten Tom Werner gründete ("Bill Cosby Show", "Roseanne", "Die wilden Siebziger"), lenkt er das MLB-Team Boston Red Sox - und seit 2010 auch Liverpool.

Aus sportlicher Sicht ist die Bilanz von Henry und seiner Fenway-Gruppe tadellos: Er holte Erfolgscoach Klopp und gab ihm auch die Mittel und den Freiraum, die Mannschaft nach seinem Bilde zu formen. Um das Gespür und die Geduld, die der 71-Jährige in dieser Hinsicht offenbar hat, beneiden den LFC viele Fans anderer Klubs mit ähnlich reichen Investoren.

Liverpool-Fans kritisieren John W. Henry

Was Henry in letzter Zeit aber dennoch immer wieder vorgeworfen wurde: mangelndes Taktgefühl für die B-Note. (KOMMENTAR: Der Gipfel der Lächerlichkeit)

"Der Liverpool Football Club ist keine amerikanische Franchise, er ist eine Gemeinschaft, die in Tradition und Geschichte verwurzelt ist", attackierte soeben die Fangruppe "Spirit of Shankly" den Boss - und artikulierte damit das weit verbreitete Gefühl, dass der US-Milliardär die Befindlichkeiten auf der anderen Seite des Atlantiks schlicht nicht versteht.

"Eure wiederholten Fehlentscheidungen und euer Mangel an Abstimmung mit den Fans bei so großen Themen sind euer Untergang", befand auch die Anhänger-Vereinigung "The Spion Kop 1906". Was mit den "wiederholten Fehlentscheidungen" abseits der Super League gemeint war?

"Henry hat Klopp unter den Bus geworfen"

Schon im vergangenen Jahr war das ähnlich umstrittene "Project Big Picture", ein maßgeblich auch von der Liverpool-Führung geprägter Reformplan der Premier League, krachend gescheitert.

Es sah eine Verkleinerung der englischen Liga auf 18 Vereine und mehr Macht für die Topklubs vor - und wollte sich die Zustimmung mit finanziellen Hilfsangeboten für kleine Vereine auch in unteren Ligen erkaufen. Vergeblich.

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Ein womöglich noch größeres Image-Debakel gab es im selben Jahr, als Liverpool als Reaktion auf die Coronakrise Mitarbeiter in Kurzarbeit schickte und damit auch Regierungsgelder in Anspruch nahm - ein schwer vermittelbarer Schritt mit Blick auf die finanzielle Ausstattung des Klubs.

Auch im Fall der Super League hat John Henry offensichtlich massiv unterschätzt, wie groß die Widerstände auch und gerade im eigenen Klubumfeld ausfallen würden - oder massiv überschätzt, wie gut sich diese Widerstände weghämmern lassen würden von der Aussicht auf paradiesische Superliga-Geldströme.

Liverpool-Boss bringt Klopp in Bedrängnis

Mit seiner Beteiligung an den Super-League-Planungen brachte Henry auch Klopp in Bedrängnis, der selbst alles andere als überzeugt von dem Projekt war. "Henry hat Klopp unter den Bus geworfen", war in England ein vielbenutztes Sprachbild in den vergangenen Tagen.

Inzwischen hat der sonst meist im Stillen wirkende Henry die Zeichen der Zeit erkannt, sich - wie alle anderen englischen Klubbesitzer - aus den Planungen zurückgezogen und öffentlich um Entschuldigung gebeten.

"Dieses Projekt kann ohne die Unterstützung der Fans nicht funktionieren", gab Henry sich reuig: "In den vergangenen 48 Stunden habt ihr uns klargemacht, dass es nicht funktionieren würde. Wir haben euch gehört!"

Besänftigt scheint er damit nicht viele zu haben. Von "Krokodilstränen" und "too little, too late" ist in den hinterher verfassten Fan-Statements die Rede. 

Es wird schwere Handarbeit für John W. Henry, den verheerenden Eindruck zu korrigieren.