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München - Ole Gunnar Solskjaer ist seit seinem Tor gegen die Bayern ein Held bei ManUnited. Vor dem Derby gegen City mehren sich aber die Zweifel an seinen Trainer-Qualitäten.

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Als am Dienstagabend in der Leipziger Arena die letzten Minuten liefen, fühlte man sich ins Jahr 1999 zurückversetzt.

Champions-League-Finale in Barcelona: Der FC Bayern führte bis in die Nachspielzeit hinein, ehe Teddy Sheringham und Ole Gunnar Solskjaer zum Albtraum des deutschen Rekordmeisters wurden.

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In Leipzig führte RB bis zur 80. Minute mit 3:0, Manchester United brauchte noch drei Treffer zum Weiterkommen. Dann erzielte Bruno Fernandes das 3:1, wenig später brachte Paul Pogba die Gäste auf 2:3 heran - und auf der Bank saß Ole Gunnar Solskjaer.

Kein zweites Wunder von Solskjaer

Der Mann, der 21 Jahre zuvor für eines der größten Fußball-Wunder in der Geschichte sorgte, konnte ein zweites Wunder aber nicht mehr vollbringen.

Statt eines miracle reloaded erlebten die Red Devils den sportlichen Super-GAU. Nichts wurde es aus dem Achtelfinale der Königsklasse, United spielt ab Februar im europäischen Unterbau namens Europa League.

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Von offizieller Seite heißt es zwar weiterhin, Solskjaer werde nicht infrage gestellt. Vor dem Manchester-Derby im heimischem Old Trafford gegen Manchester City (ab 18.30 Uhr im LIVETICKER) wächst dennoch die Kritik am Norweger. (Ergebnisse und Spielplan der Premier League)  

"Ich glaube, Ole versucht sich taktisch auf der Basis der Spieler, die er hat, von Spiel zu Spiel zu hangeln. Aber so sieht kein Fundament für die Zukunft aus", kritisierte der ehemalige englische Nationalspieler und heutige TV-Experte Rio Ferdinand.

Auch in Leipzig seien die taktischen Mängel offen zu Tage getreten, sagte Ferdinand, der zwölf Jahre lang das Trikot von United trug: "Die Mannschaft machte mir den Eindruck, als ob sie nicht wisse, wie man mit einer Fünferkette in der Abwehr spielt."

Selbst mit fünf Spielern habe die Verteidigung ungeordnet gewirkt, weil auch das Mittelfeld von den Leipzigern überrannt worden sei, so Ferdinand.

Die Leipziger schickten die Gäste mit ihren schnellen Seitenverlagerungen von einer Verlegenheit in die nächste.

Solskjaer reagiert zu spät auf United-Probleme

Doch Solskjaer reagierte auf die offensichtlichen taktischen Probleme seines Teams viel zu spät. Erst in der Pause, als die Sachsen schon mit 2:0 führten und einem 3:0 näher waren als United dem Anschluss, nahm er eine taktische Änderung vor.

Mit einer Viererkette wurde das Mittelfeld entlastet, und United konnte das Spiel zumindest phasenweise an sich reißen. Doch zu diesem Zeitpunkt war die Partie schon so gut wie entschieden.

Dass das Team unter Solskjaer in der ersten Halbzeit nur sehr schwer in die Gänge kommt, zieht sich indes schon durch die gesamte Saison.

In der Premier League lag seine Mannschaft in acht der bisherigen zehn Spiele hinten. In Southampton und in West Ham war ebenfalls zur Pause gezwungen, seine Taktik zu ändern.

"Die Leistungen von United vor der Pause waren zu oft kläglich. Solskjaer scheint nicht immer zu wissen, was er tut", heißt es in der Daily Mail: "Er hatte seine Momente als Trainer, doch auf diese folgte immer wieder ein Abend wie der desolate in Leipzig."

Umgang mit Pogba wirft Fragen auf

Ein weiterer Vorwurf: Der Umgang mit dem divenhaften Paul Pogba und dessen Berater Mino Raiola. Der Franzose habe 24 Stunden nach der Ankündigung, einen besseren Verein als United im Visier zu haben, in Leipzig auf der Bank gesessen. "Aber dann, nach einer Stunde Fußball, brachte Solskjaer ihn trotzdem ins Spiel", wunderte sich die Mail.

Auch eine Woche zuvor schon sorgte der 47-Jährige für Verwunderung. United führte im vorentscheidenden Gruppenspiel gegen Paris mit 1:0, als Mittelfeldspieler Fred nur mit viel Glück einem Platzverweis entging.

Solskjaer ließ den Brasilianer im Spiel, der holte sich später doch noch die Gelb-Rote Karte ab - und United verlor mit 1:3.

In der vergangenen Saison war der Matchwinner von 1999 schon einmal unter Beschuss geraten, er rettete United am Ende in die Champions League und sich selbst damit wohl den Job.

Auch in dieser Saison ist noch nichts verloren. Die Red Devils liegen in der Premier League trotz der katastrophalen Leistungen in den ersten Hälften nur fünf Punkte hinter Tottenham und Liverpool auf Rang sechs. (Tabelle der Premier League)

Pochettino bringt sich in Stellung

Langsam aber sollte auch eine taktische Handschrift des Trainers erkennbar werden. Ansonsten dürften die Rufe nach einer Entlassung doch lauter werden.

Ein Kandidat für die Nachfolge brachte sich im vergangenen Monat schon mal in Stellung.

"Mein Tank ist voll. Ich versuche immer, mit dem Fußball eine Identität zu stiften, auf die die Fans stolz sein können", sagte Mauricio Pochettino, der im November 2019 von Tottenham Hotspur entlassen wurde und seitdem keinen Verein mehr trainiert hat, bei Sky Sports.

Fußball und Identität? Danach sucht United unter Solskjaer noch vergeblich.