Die Bolton Wanderers gehen in der neuen Saison in der 4. Liga an den Start
Die Bolton Wanderers gehen in der neuen Saison in der 4. Liga an den Start © SPORT1-Grafik: Getty Images/Imago
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Manchester - Vor zwölf Jahren lebten sie den Traum von Europa, nun warten die Bolton Wanderers auf den Start in die 4. Liga. Es ist das nächste Kapitel eines Niedergangs.

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Gerade einmal zwölf Jahre ist es her: Im März 2008 standen die Bolton Wanderers im Achtelfinale des UEFA-Cups und schieden ohne den kurz zuvor zum FC Chelsea gewechselten Sturm-Star Nicolas Anelka nur knapp gegen Sporting Lissabon aus (1:1, 0:1). 

Heute sieht die Realität für den englischen Traditionsverein ganz anders aus: Am Samstag steht der Start in die 4. Liga gegen die Forest Green Rovers an, obendrein läuft ein Insolvenzverfahren. Es ist das nächste Kapitel einer dramatischen Katastrophe! 

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Die "Trotters" sind bei den meisten jüngeren Fußballfans kaum noch ein Begriff. Die Vereinsanhänger sind hingegen froh, dass es ihren Verein noch gibt.

Die Zukunft aber ist immer noch ungewiss. Es geht um eine Summe von rund 3,5 Millionen Pfund, die der Verein seinen fünf Gläubigern im Insolvenzverfahren noch bis August 2021 zurückzahlen muss. Sonst drohen 15 Zähler Abzug und ein Lizenzentzug. 

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1874 als Christ Church FC gegründet, sehen die Fans die Mannschaft insgesamt 73 Spielzeiten lang in der höchsten englischen Spielklasse. Vier Pokalsiege und ein Superpokaltitel stehen zu Buche. Zwischen 2003 und 2007 beendete das Team die Saison in der Premier League immer zwischen dem sechsten und achten Rang. Die Spitzenklubs FC Chelsea, Manchester United, FC Arsenal und der FC Liverpool waren in Reichweite. 

Goldene Jahre unter Allardyce und Davies

Der Abgang des Erfolgstrainers Sam Allardyce war 2007 jedoch der Beginn der großen Talfahrt. Ein weiterer Abschied hängt dicht mit dem gigantischen Desaster zusammen: Eddie Davies.

Als das Geld nach den Erfolgsjahren versickerte, gab sich der ehemalige Besitzer des Vereins dem Drängen seiner Familie hin, nicht immer weitere Millionen in die Wanderers zu pumpen. Er verkaufte den Traditionsverein im März 2016 - was folgte, war ein einziges Chaos. 

Das dunkelste Kapitel schrieben die Wanderers wohl in der Amtszeit von Ken Anderson: Zwischen 2017 und 2019 war der Amerikaner der Besitzer, unter ihm steuerten die Wanderers schnurstracks ins Unglück. In der Saison 2018/19 musste daher Davies den Verein noch wenige Tage vor seinem Tod mit einem Darlehen vorübergehend retten.

Trotzdem drohte dem Verein immer wieder die Pleite. Erst in letzter Sekunde gelang Football Ventures am 28. August 2019 mit der Übernahme die Rettung und das Umgehen des Lizenzentzugs. Viele Altlasten sind seitdem abgebaut. 

Auszug aus dem Burnden Park großer Fehler

Wie nahe Bolton dem Abgrund gekommen war, wird in einem Bericht erläutert, den die Verantwortlichen im Dezember 2019 veröffentlichten. Auf mehr als 30 Seiten steht, wie schlimm die Dinge geworden waren und wie schwierig der Wiederaufbau von Football Ventures sein würde.

Aktuell treiben die neuen Besitzer die große Umstrukturierung voran. Es sollen 35 Mitarbeiter entlassen werden. Die Jugendakademie wird zurückgebaut und auch das 120-Betten-Hotel auf dem Gelände des Stadions, das seit Jahren tiefrote Zahlen schreibt, wird neu ausgerichtet.

Dabei zog der Verein 1997 extra aus dem Burnden Park aus, um mithilfe des neuen Stadionkomplexes noch mehr Geld zu verdienen.

Nun sind zumindest erste Erfolge zu vermelden. "Es wurden erhebliche Fortschritte erzielt, und mehrere größere Ansprüche wurden einvernehmlich beigelegt. Gemäß den Verkaufsbedingungen werden alle verbleibenden Ansprüche vor August 2021 beglichen", teilte ein Sprecher von Football Ventures mit. 

Die finanzielle Krise scheint also langsam zu Ende zu gehen. Die sportliche Krise hingegen wird Bolton noch weiter begleiten, nachdem sie einst bereits vor den Geldsorgen begonnen hatte. 

2012 ging es in die zweite Liga, 2017 dann noch eine Spielklasse weiter nach unten. Der direkte Wiederaufstieg in die zweite Liga war nur ein kleines Aufbäumen. 2019 und 2020 folgten zwei Abstiege in Folge, was nun die vierte Liga bedeutet. 

Stars wie Anelka, Hamann und Hierro längst vergessen

Während in deutlich besseren Zeiten neben Anelka auch Stars wie Jay-Jay Okocha, Fernando Hierro, Dietmar Hamann oder der damals junge Marcos Alonso das Trikot trugen, ist heute Ali Crawford der wertvollste Spieler mit einem Wert von 500.000 Euro. Der gesamte Kader hat auf dem Transfermarkt einen geschätzten Wert von 3,1 Millionen Euro.

Immerhin: Es gibt wieder einen richtigen Kader. In der Katastrophen-Saison 2019/2020 war das nicht der Fall. Im August 2019 standen dem Verein nur sieben Profis zur Verfügung. Teilweise streikten sie dann auch noch.

Also spielte Bolton quasi nur mit Jugendspielern und Akteuren aus der U23. Der erste Negativpunkt war am 20. August die Absage des Spiels gegen die Doncaster Rovers - "zum Wohl der jungen Spieler", wie der Klub damals begründete. Zweiter Tiefschlag war das 1:7 gegen Accrington Stanley im November 2019.

Als die Spielzeit im März abgebrochen wurde, lag Bolton mit nur 14 Zählern satte 21 Punkte hinter dem rettenden Ufer! Ein Spieler sagte bei The Athletic: "Der zweite Teil der Saison fühlte sich wie ein Tod durch tausend Stiche an."

Doch nun könnte die Wende gekommen sein. Der neue Coach Ian Evatt, 38 Jahre alt und für 250.000 Pfund vom neuen Ligakonkurrenten AFC Barrow gekommen, bringt eine lange unbekannte Aufbruchstimmung in den Verein.

Bolton ist der Meisterschaftsfavorit

21 Spieler sind neu gekommen. Deshalb ist Bolton bei den Buchmachern der große Meisterschaftsfavorit. 

Auch die Fans scheinen wieder zuversichtlich zu sein. "Wir freuen uns, dass der Dialog zwischen uns und dem Klub begonnen hat. Das ist alles, was wir seit 2016 jemals gefordert haben, da die Fans sonst nicht dazu beitragen können, die Zukunft ihres Klubs zu sichern", sagte ein Fansprecher bei The Athletic. 

"Es gibt noch viele Probleme zu lösen, aber die Hoffnung ist, dass unser Aufenthalt in dieser Liga nur eine Saison dauert, da alle in die gleiche Richtung ziehen", fügte er hinzu.

Das Neustart-Gefühl ist bei der Basis angekommen. Ein Beleg: Die Bolton Wanderers haben trotz Corona 6000 Dauerkarten verkauft.

Das sind Zahlen eines Zweitligisten. Und mindestens auf dieses Niveau soll es auch sportlich schnellstmöglich wieder gehen.