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München - Thiago steht offenbar vor einem Wechsel zum FC Liverpool. Doch der Fußball von Jürgen Klopp ist ein anderer als der von Hansi Flick. Kann das gutgehen?

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An ihm scheiden sich beim FC Bayern München seit jeher die Geister.

In den sieben Jahren, die Thiago beim Rekordmeister spielt, hat wohl kaum ein anderer Spieler die Meinungen von Fans und Experten so sehr gespalten. Für die einen ist er ein fußballerisches Genie, für die anderen ein überbewerteter Schönwetterfußballer, der in großen Spielen regelmäßig abtaucht.

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Ob er im Pokalfinale gegen Bayer Leverkusen die Chance bekommt, sich zu beweisen, ist noch offen - im Kader steht der Regisseur nach auskurierter Verletzung aber wieder (DFB-Pokal: Bayer Leverkusen - FC Bayern München ab 20 Uhr im LIVETICKER).

Bayern von Thiago-Wende überrascht

Wie wertvoll Thiago für den Rekordmeister wirklich ist bzw. dann war, wird sich wohl erst nach einem Abgang des Spaniers herausstellen. Denn danach sieht es aktuell immer mehr aus. SPORT1 weiß, dass der 29-Jährige (Vertrag bis 2021) an einen Abschied aus München denktDoch Hansi Flick will für einen Verbleib des Edeltechnikers kämpfen.

"Es schien alles fix", erzählt Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge im SPORT1-Interview zur Wende bei Thiago: "Hasan hat die Gespräche mit seinem Berater geführt. Wir hatten den Eindruck, dass alle Konditionen so weit in Ordnung waren. Nun setzt er sich offensichtlich damit auseinander, nochmal etwas Neues zu machen. Warten wir es einfach ab."

Thiago würde man in München, ebenso wie David Alaba, eigentlich gerne halten - aber nicht um jeden Preis. "Beide sind Top-Jungs, auf dem Platz und außerhalb. Wir müssen jetzt versuchen, eine Lösung hinbekommen, die für uns finanziell vertretbar ist", erklärt Rummenigge: "Es ist bekannt, dass beide Spieler noch ein Jahr Vertrag haben."

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Thiago vor Wechsel zu Liverpool?

Ein Thiago-Abgang, spätestens nächsten Sommer, ist also alles andere als ausgeschlossen. Des einen Freud, des anderen Leid. Nach einem Bericht der spanischen Zeitung Sport stehe der Edeltechniker kurz vor einer Einigung mit dem FC Liverpool – und würde damit zum direkten Konkurrenten seines Ziehvaters Pep Guardiola gehen, der ihn einst mit dem legendären Spruch "Thiago oder nix" für 25 Millionen Euro nach München gelotst hatte.

Der Meldung zufolge sind die Gespräche zwischen dem Spanier und dem Verein von Trainer Jürgen Klopp weit fortgeschritten. Es fehle angeblich nur noch die Einigung zwischen dem FC Bayern und den Reds bezüglich der Transfermodalitäten.

Mit einem Wechsel zum aktuellen Champions-League-Sieger könnte Thiago möglicherweise den an ihm heftenden Makel abstreifen, kein Mann für große Spiele zu sein. Denn davon gibt es in England eine Menge. Doch passt Thiago überhaupt in Klopps System?

Klopp mit anderen 4-3-3-Interpretation

In der Regel agiert der englische Meister in einem 4-3-3 mit einem Sechser und zwei Achtern im Mittelfeld. Fabinho bekleidet das defensive Mittelfeld, Kapitän Jordan Henderson und Georgino Wijnaldum agieren davor. Alex Oxlade-Chamberlain, Naby Keita und der alternde James Milner komplettieren das Mittelfeld-Angebot der Reds.

Liverpools System ist Thiago nicht gänzlich unbekannt, auch der Rekordmeister spielte unter Niko Kovac und Hansi Flick hin und wieder mit einer Sechs und zwei Achtern. Flick favorisiert jedoch das 4-2-3-1, sprich die Doppelsechs.

Doch Klopp interpretiert sein System völlig anders seine Bayern-Kollegen. Wie Flick setzt der Welttrainer von 2019 auf Gegenpressing, zieht überfallartige Konter einem klassischen Ballbesitzspiel jedoch vor. Bei Balleroberung wird oft keine Zeit verloren, die pfeilschnellen Außenstürmer Mohamed Salah und Sadio Mané in Szene zu setzten.

Die offensiven Außenverteidiger Trent Alexander-Arnold und Andrew Robertson schalten sich dabei oft mit ins Angriffsspiel ein, entweder durch eigene Vorstöße oder lange Pässe. Es kommt nicht von ungefähr, dass Alexander-Arnold in der aktuellen Premier-League-Saison die meisten Liverpooler Treffer vorbereitet hat. Zwölf Assists leistete der Engländer, Robertson bereits acht.

Kommt Thiago mit robustem Spiel zurecht?

Dem Mittelfeld der Reds fällt im Klopp-System eine Schlüsselrolle zu. Einerseits sind Henderson & Co. mit für das Pressing verantwortlich. Auf der anderen Seite sorgen die Mittelfeldspieler durch geschickte Raumverteilung für die wichtige Absicherung der riskanten Spielweise. Die direkte Beteiligung an Torchancen ist da eher sekundäre Aufgabe.

Ein überragender Techniker, wie es Thiago zweifelsohne ist, hatte im Liverpooler Mittelfeld unter Klopp bisher selten Platz. Das Beispiel Keita, im Vergleich zu Thiago defensiv noch stärker, zeigte zuletzt bereits, wie schwer es ist, sich im Reds-Gefüge zu etablieren.

Der 25-Jährige aus Guinea kam 2018 für 60 Millionen von RB Leipzig. Einen Stammplatz konnte er sich auch verletzungsbedingt nicht ergattern.

Wie Thiago glänzt Keita durch seine feine Technik und das Auge für den Mitspieler. Allerdings war er bei RB auch für seine zahlreichen Balleroberungen und (teils über-)harten Tacklings bekannt. Dennoch hat er es bei Klopp schwer.

Zudem stellt sich bei Thiago die Frage, ob er mit dem schnelleren, robusteren Spiel der Premier League zurechtkäme. Auch wenn er sich in den vergangenen Jahren im Defensivverhalten deutlich verbessert hat, zählt Schnelligkeit nicht gerade zu seinen Stärken.

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Doch all das dürfte Klopp bestens bekannt sein. Warum er Thiago allem Anschein nach dennoch verpflichten möchte? Spielerisch bekäme das Liverpooler Mittelfeld ein ganz neues Niveau. Zudem dürften sich die Gegner nach und nach auf die Spielweise des englischen Meisters eingestellt haben.

Gerade gegen tiefstehende Gegner ist schnelles Umschaltspiel oft schwer umzusetzen. Da ist manchmal Geduld gefragt, bis sich entsprechende Lücken im gegnerischen Defensivverbund auftun.

Gegen mauernde Kontrahenten kann Thiago mit seinen genialen Momenten ein wichtiger Schlüssel sein. Das wissen auch die Bayern-Fans. Zumindest der eine Teil.