Liverpool - Jürgen Klopp erklärt im SPORT1-Interview die Unterschiede zwischen der Premier League und der Bundesliga. Der Liverpool-Coach äußert sich auch zu Mesut Özil.

von Martin Quast

SPORT1: Herr Klopp, im Vergleich mit den anderen europäischen Top-Ligen hat die Bundesliga am wenigsten investiert. Spart sich der deutsche Fußball - vor allem mit Hinsicht auf Champions und Europa League - kaputt?

Jürgen Klopp: Man kann nicht alles haben. Ich glaube nicht, dass in Deutschland eine Kultur vorherrscht, in der ein Transfer für 150 Millionen Euro toleriert werden würde. Dort ist ein ablösefreier Wechsel perfekt. Hier in England ist das anders. Ablösefrei bedeutet: "Kost' nix? Kann nix!"

Über Xherdan Shaqiri beispielsweise fragte man sich hier, was wir mit dem wollen. Der kostete zwölf oder 13 Millionen und ist mit Stoke City abgestiegen. Aber er ist ein Topspieler, mittlerweile lieben ihn hier alle. Das ist im Vergleich mit Deutschland ein großer Unterschied.

Ich kann mich erinnern: Vor ein paar Jahren war das große Thema in Deutschland das Festgeldkonto des FC Bayern, auf dem angeblich um die 100 Millionen Euro lagen. Dafür kriegst du heute nicht einmal einen halben Neymar.

Die Zeit verändert sich. Deutschland möchte es so haben und ich finde das komplett in Ordnung. Das kann tadellos so funktionieren. Man muss dann aber möglicherweise akzeptieren, dass die absolute individuelle Qualität in England spielt, oder in Spanien.

Dementsprechend muss man sich entscheiden: Entweder es bleibt alles wie es ist, dann ist es top - tolle Liga, super Stadien, super Stimmung. Oder man will das England-Modell, dann müssen aber die Regeln geändert werden. Anders geht es nicht.

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SPORT1: Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dem Abschneiden der deutschen Klubs in den Europapokal-Wettbewerben und dem der DFB-Elf bei der WM?

Klopp: Nein. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir mal in der Gruppenphase ausgeschieden sind, aber im Achtel- oder Viertelfinale. Damals hatte man schon das Gefühl, der deutsche Fußball sei am Ende und alle hätten uns überholt. Also schön mal Ball flach halten, alles in Ordnung.

Es gibt in England unglaublich gute Spieler, die für das Verständnis hier aber nicht teuer genug sind. Diese dürfen dann in England gar nicht spielen. Das heißt, dass wir sie ins europäische Ausland verleihen müssen.

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Dort sollen sie Europa League spielen und sich eine gewisse Berechtigung erarbeiten. Da sind fantastische Spieler dabei, die auch in Deutschland spielen könnten, stattdessen aber bei Vereinen in Portugal oder Spanien sind.

Gegen solche Klubs fliegen die deutschen Teams dann in der Europa League raus. Daran muss gearbeitet werden. Das hat nichts mit der individuellen Klasse zu tun. Die ist in Deutschland absolut groß genug. Deshalb weiß ich nicht genau, woran es lag, dass die deutschen Teams nicht so weit gekommen sind.

SPORT1: Macht Ihnen die Entwicklung in der deutschen Nationalmannschaft Sorgen?

Klopp: Nein. Es gibt keinen Grund, sich um die Nationalmannschaft Sorgen zu machen. Man muss möglicherweise ein paar Dinge ändern. Aber ich weiß jetzt nicht welche, ich bin ja nicht Teil des Ganzen.

SPORT1: Wie haben Sie die Situation um Mesut Özil verfolgt? Zuletzt lief ein türkisches Team mit T-Shirts auf, auf denen das Abbild von Özil mit dem Untertitel "Nein zu Rassismus" zu sehen war.

Klopp: Das ist ein klassisches Beispiel von absoluter Fehlinformation und natürlich völliger Quatsch. Dieses Foto wurde benutzt - erst von Erdogan, dann von vielen anderen Leuten. 

In der Politik wurden schon immer Kleinigkeiten aufgebauscht und große Dinge weggedrückt, um weitermachen zu können. Normal intelligente Menschen halten sich dann eher zurück, weil es nicht einfach ist, das Richtige zu sagen. Dazu würde ich auch mich zählen. Alle, die gar keine Ahnung haben, sind sehr laut in der Betrachtung.

Ich kenne Ilkay Gündogan sehr gut, ich kenne Emre Can und Nuri Sahin sehr gut. Ich kenne Mesut nicht so gut, ich würde ihn da aber gerne mit rein nehmen. Ich zweifle nicht im Geringsten an diesen Jungs bezüglich ihrer Loyalität zu unserem Vaterland.

Der Unterschied ist, dass sie eben noch eins haben. Wo ist das Problem? Das ist doch wunderschön. Kulturelle Vielfalt, das fanden wir alle ganz cool rund um die WM 2006. Da habe ich diese fantastischen Werbespots gesehen, wo die Eltern von Gerald Asamoah und Mario Gomez zusammen ein Grillfest gefeiert haben.

Wir haben uns alle die Schultern wund geklopft dafür, wie klasse das funktioniert. Und jetzt werden zwei Jungs von einem zumindest politisch durchaus intelligenten Menschen zu einem Foto verführt, und haben im Anschluss relativ wenige Möglichkeiten, das hundertprozentig Richtige zu sagen.

Deswegen finde ich diese Diskussion heuchlerisch. Es sind schon schlimme Dinge passiert, weil die Leute nicht richtig informiert wurden. Auch die Medien sollten sowas nicht täglich aufbauschen. Einfach mal abkühlen, auch den Menschen dahinter sehen.

Man hätte das besser machen können, das steht außer Frage. Nur als es passiert war, war es schwer, einfach so das Richtige zu tun und zu sagen. Es wurde aber von vielen verlangt, dass genau diese Kerle wissen wie es geht.

SPORT1: Sind sie gespannt, wie viel Veränderung der Nationalmannschaft nun widerfahren wird?

Klopp: Es mussten andere Nationen auch schon große Niederlagen einstecken, das macht überhaupt nix. Der deutsche Fußball hat einen auf die Mütze bekommen, die Reaktion ist jetzt entscheidend.

Man sollte aber nicht erwarten, dass in zwei Jahren alle Probleme gelöst sind. Dann sind Belgien und Frankreich immer noch da, im besten Alter. Die Spanier wollen zurückschlagen und Italien will dazu. Die Niederländer werden wieder kommen, und die Engländer sind auf einem richtig guten Weg.

SPORT1: Sehen Sie es auch so, dass die englischen Teams aufgrund der vielen Saisonspiele gar keine Titel gewinnen können?

Klopp: So kann man das nicht ausdrücken. Es ist Fakt, dass diese Liga die härteste und intensivste der Welt ist. Es ist einfach eine Ansammlung von Spielen, mit zwei Pokalwettbewerben. Die großen Vereine kommen international weit.

Wenn in Deutschland Länderspielpause ist, spielen hier alle durch. Da gibt keiner ein einziges Spiel ab. Wenn du einmal den Nationaltrainer anrufst und sagst: "Hey, lass' den Spieler doch mal zu Hause" - das ist, als würdest du dem keine Ahnung was abnehmen.

Das ist das Problem. Zu viele Spiele helfen niemandem. Wenn wir insgesamt weniger Spiele hätten, wäre das Niveau des Fußballs noch mal dramatisch besser.

Irgendwann muss man auch einmal sagen, dass wir ein Wochenende ohne Fußball hinbekommen. Diese Schraube darf nicht überdreht werden, sonst ist es schwierig. Aber das scheint wenigen Menschen ins Gedächtnis zu gehen. Dabei kann sich der Fußball noch sehr viel weiter entwickeln.

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