München - Jose Mourinho gerät nach dem historischen Fehlstart von Manchester United gewaltig unter Druck und zeigt Nerven. Wie viel Unterstützung hat er noch?

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Es war eine weitere denkwürdige Darbietung des "Special One" - und sie begann nicht erst im Pressesaal.

Als der Abpfiff ertönte und der schlechteste Saisonstart von Manchester United seit 26 Jahren perfekt war, marschierte Jose Mourinho schnurstracks auf die Katakomben zu. Vor der Stretford End, der famosen Westtribüne des Old Trafford, hielt er jedoch inne.

Die Gästefans im Hintergrund, die ihm mit nicht zu überhörenden Schmährufen seinen Rauswurf prophezeiten, blendete er aus. Er klatschte dem eigenen Anhang eine Minute lang Beifall.

"Unsere Fans sind intelligent", sagte er anschließend. "Sie lesen keine Zeitung, sie schalten ihre Fernseher nicht an. Sie reagieren einfach wundervoll. Ich denke, es ist nicht normal, zu Hause 0:3 zu verlieren und doch so eine Unterstützung zu bekommen."

Der Großteil der United-Fans hatte seine Spieler nach der Demütigung gegen Tottenham Hotspur nicht ausgebuht, sondern aufgemuntert.

"Respekt, Respekt, Respekt"

Einen derartigen Umgang hätte sich Mourinho auch von den englischen Medien gewünscht. Auf der Pressekonferenz mit einer kritischen Frage zu seiner Taktik konfrontiert, fuhr der Portugiese in seiner typisch exzentrisch-selbstverliebten Manier aus der Haut.

"Ihr erwartet ein Wunder von meinen Jungs. Was wollt ihr mit euren Schuldzuweisungen bezwecken?" 

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Dann lief er zur Hochform auf. "Was war das Ergebnis?", fragte er in Richtung eines Journalisten und hob dabei drei Finger: "3:0 - und wofür steht das noch? Drei Meistertitel in der Premier League, die ich gewonnen habe - mehr als die anderen 19 Trainer zusammen. Drei für mich - und zwei für die anderen."

Während dieser Worte stand er auf, verließ wutschnaubend den Raum und forderte für alle hörbar bei seinem vorzeitigen Abgang: "Respekt, Respekt, Respekt!" 

Gerüchte um Zidane und Conte

Nach nur drei Spieltagen liegen die Nerven bei Mourinho blank. Der 55-Jährige steht ungeachtet seiner Erfolge in der Vergangenheit mehr denn je am Pranger. 

Fernsehexperten, darunter frühere United-Größen wie Paul Scholes, lassen keine Gelegenheit ungenutzt, um seinen defensiven Spielstil zu verurteilen.

Für die britischen Wettbüros ist er mittlerweile der Top-Kandidat auf die erste Trainer-Entlassung in der Premier League.

Zinedine Zidane, nach seinem triumphalen Champions-League-Hattrick mit Real Madrid auf Jobsuche, und der beim FC Chelsea entlassene Antonio Conte sollen der Sun und Daily Mail zufolge als Nachfolger parat stehen.

Mourinho wäre aber nicht Mourinho, wenn er sich allein davon aus der Ruhe bringen lassen würde. Dass der Trainer-Routinier dieser Tage trotzdem einem stark explosionsgefährdeten Pulverfass gleicht, zeigt: Beim englischen Rekordmeister liegt mehr im Argen.

Zoff mit United-Boss

Die Frage lautet: Wie united ist Manchester United eigentlich noch? Mourinhos Verhältnis zu Klub-Boss Ed Woodward gilt spätestens seit dem Ablauf der Transferperiode als zerrüttet.

Mourinho wollte neue namhafte Stars für sein Team, darunter angeblich die Offensivspieler Gareth Bale (Real Madrid) und Willian (FC Chelsea) und einen Top-Innenverteidiger wie Jerome Boateng (FC Bayern) oder Toby Alderweireld (Tottenham Hotspur), bekam aber den Geldhahn zugedreht.

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Jose Mourinho (l.) und Ed Woodward liegen schon länger im Clinch © Getty Images

Woodward holte stattdessen "nur" den brasilianischen Mittelfeldmann Fred, den portugiesischen Abwehrspieler Diogo Dalot und den englischen Ersatzkeeper Lee Grant für knapp 85 Millionen Euro.

Mourinho reagierte pampig. Seine Mannschaft, ließ er schon während der dürftigen Saisonvorbereitung in den USA durchblicken, werde in dieser Besetzung keine Protagonistenrolle im Kampf um die Meisterschaft einnehmen. 

"Wir stehen zusammen"

Mit seinem negativen Verhalten büßte er offensichtlich auch Kredit bei seinen Spielern ein. Vor allem die beiden Franzosen Paul Pogba und Anthony Martial machen schon länger den Eindruck, als hätten sie keine Lust mehr auf ihren Coach.

Während Pogba zuletzt mit dem FC Barcelona verhandelte, verlängerte Martial ohne Absprache seinen Elternurlaub. Beide erhielten jedoch keine Wechsel-Freigabe von Woodward.

"Eines ist klar: Die Mannschaft steht zusammen. Und sie tut es nicht ohne ihren Trainer", beteuerte Mourinho nach der Pleite gegen die Spurs. 

"Wer das Spiel gesehen hat, weiß das. Keine Mannschaft kämpft so wie meine heute, wenn sie nicht zusammensteht. Meine Spieler haben dieses Spiel mit einer fantastischen Einstellung bestritten." 

Mourinhos größte Herausforderung

Mourinho weiß aber auch, dass er schnell Ergebnisse braucht. Sein Team ist auf Platz 13 abgerutscht und hat mit zwei Pleiten bereits jetzt genauso viele Niederlagen kassiert wie Stadtrivale Manchester City in der gesamten vergangenen Saison.

In der Saison 1992/93, als die "Red Devils" zuletzt so schlecht starteten, erholten sie sich und feierten unter Sir Alex Ferguson am Ende sogar die Meisterschaft.

Dass dem "Special One" ein ähnliches Kunststück gelingt, wird stark bezweifelt. Oder um es mit den Worten von United-Ikone Gary Neville auszudrücken: "Das ist die größte Herausforderung, vor der Mourinho je gestanden hat."

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