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München - Die Bilanz von Thomas Tuchel bei Paris Saint-Germain war oberflächlich erfolgreich. Doch der frühere BVB-Coach machte sich im Klub mächtige Feinde.

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Zwei Meistertitel, Triumphe in Pokal, Supercup und Ligapokal, das heiß ersehnte erste Champions-League-Finale seit dem Einstieg der Eigner aus Katar.

Oberflächlich betrachtet kann verwundern, warum Paris Saint-Germain das - noch immer nicht offiziell bestätigte - Aus für Trainer Thomas Tuchel beschlossen hat.

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Die vorzeitige Entlassung des früheren BVB-Coachs aus seinem noch bis Sommer 2021 hatte sich jedoch nicht erst in dieser Woche angedeutet: Seit längerem schwelen bei PSG Turbulenzen, eine Entfremdung zwischen Klub und Coach war spürbar. Und im Lauf dieser Saison waren die Differenzen unüberbrückbar geworden (Ergebnisse und Spielplan der Ligue 1).

Ein Kern des Problems: Tuchels Verhältnis zu Sportdirektor Leonardo.

Thomas Tuchel zofft sich mit Manager Leonardo

Der 51 Jahre alte Ex-Nationalspieler aus Brasilien hatte im Sommer 2019 zum zweiten Mal bei PSG angeheuert, ein Jahr nach Tuchel.

Zu einem produktiven Miteinander fanden die beiden nicht, was vor dieser Saison offensichtlich geworden war. Tuchel hatte massive öffentliche Kritik an der Kaderzusammenstellung geäußert, sah die Abgänge von Kapitän Thiago Silva, Stürmer-Routinier Edinson Cavani und auch Thomas Meunier nicht ausreichend kompensiert.

"Wenn die Mannschaft so bleibt, können wir nicht mehr über die gleichen Ziele sprechen", sagte er. Dafür gab es von seinem Chef eine verbale Zurechtweisung.

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"Das hat uns nicht gefallen", sagte Leonardo, der seit seinen aktiven Zeiten eng mit dem Klub verbunden ist. Er fügte angefressen an: "Falls jemand nicht glücklich ist, wenn er sich entscheidet zu bleiben, muss er sich entweder an die sportliche Politik oder die internen Regeln halten." Tuchels Ruf als eigenwilliger Charakter, der schon bei seinen von Mysterien begleiteten Aus bei Borussia Dortmund Thema war, hatte ihn wieder eingeholt.

PSG soll mehr von Tuchel erwartet haben

Über eine Trennung wurde danach mehrfach spekuliert, spätestens mit dem Vertragsende im Sommer wurde mit dem Ende der kurzen Ära Tuchel gerechnet - auch weil weitere Dinge im Argen lagen.

Trotz des Königsklassen-Finaleinzugs sollen die mächtigen Gönner aus Katar mit Klubpräsident Statthalter Nasser Al-Khelaifi unzufrieden mit der sportlichen Entwicklung gewesen sein.

Angeblich hatten sie sich trotz aller Titel mehr versprochen von dem Mann, der von Pep Guardiola als Bruder im Geiste empfunden wird - und mit ihm einst turbulente Taktik-Fachgespräche in Münchener Edelrestaurants führte.

Eine klarere Spielidee war der Wunsch, eine Identität, die PSG unabhängiger machen sollte von den Launen der Individualisten Neymar und Kylian Mbappé.

Umgang mit Neymar und Kylian Mbappé immer wieder im Fokus

Auch Tuchels Umgang mit den großen Stars sorgte immer wieder für Debatten. Er gewährte ihnen Freiheiten, suchte das richtige Maß zwischen der nötigen Lockerheit, um sie bei Laune zu halten und Strenge, um nicht seine Autorität zu verspielen.

Mehrere französische Medien berichteten etwa, dass der Trainer im März nach dem verlorenen Achtelfinal-Hinspiel gegen Dortmund zu einem Trainingslager nach Südspanien reisen wollte. Die Spieler hatten darauf laut L'Equipe, die sich auf einen Pariser Mitarbeiter bezieht, keine Lust, hätten lieber Zeit mit ihren Familien verbracht. Für Aufsehen sorgte damals auch ein Instagram-Video, in dem der Bruder von Presnel Kimpembe Tuchel unflätig beschimpfte.

Einen Monat vorher hatte auch ein öffentlicher Krach mit Mbappé für Aufsehen gesorgt, der verärgert auf eine vorzeitige Auswechslung beim 5:0 gegen Montpellier reagiert hatte.

Ligue-1-Experte Raphael Domenach hatte im SPORT1-Interview berichtet, dass das Verhältnis Tuchel - Mbappé generell nicht ganz einfach gewesen sei: "Sicher ist, dass Mbappé die Sonderbehandlung wegen seines Alters nicht gefällt. Er hat das Gefühl, dass mit ihm anders umgegangen wird als mit Neymar oder den anderen ganz großen Namen des Weltfußballs. Er findet, dass Tuchel ihn manchmal immer noch wie einen Jugendspieler behandelt."

Patzer in der Ligue 1

Das gewonnenen Rückspiel gegen Dortmund und der Marsch ins Finale lenkten von den Spannungen ab, die für Tuchel schon damals bedrohlich waren und seine sportlich an sich starke Bilanz überschatteten: In der vergangenen Spielzeit holte er mit der Meisterschaft, dem Ligapokal, dem Pokal und dem Supercup vier Titel. Das 0:1 gegen den FC Bayern im Champions-League-Finale verhinderte eine perfekte Saison.

Mit sechs Titeln in zwei Jahren, einem Schnitt von 2,37 Punkten pro Spiel und 96 Siegen in 127 Pflichtspielen weist Tuchel herausragende Statistiken vor, in diesem Jahr jedoch bot er auch sportlich Angriffsfläche.

Platz 3 in der Ligue 1 und vier Niederlagen in den ersten 17 Spielen liegen unter den höchsten Ansprüchen, die bei PSG gelten. Ein verpatzter Saisonstart mit zwei Niederlagen und den Coronafällen von Neymar, Angel di Maria, Leandro Paredes, Marquinhos, Mauro Icardi und Keylor Navas - die den Sommerurlaub gemeinsam verbracht hatten - wurden für Tuchel zu einer weiteren Hypothek.

Der frühere Tottenham-Coach Mauricio Pochettino soll nun als Nachfolger parat stehen.