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München - Mit Tanguy Kouassi und Adil Aouchiche verliert PSG zwei Top-Talente. Die Reihe der jungen Abwanderer ist seit Jahren lang. SPORT1 erklärt die Hintergründe.

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Wenn es um talentierte Spieler geht, ist Paris so etwas wie die Hauptstadt der Fußball-Welt. 

Als Frankreich 2018 die Weltmeisterschaft in Russland gewann, kam ein Drittel der Mannschaft aus der französischen Metropole: Paul Pogba, Kylian Mbappé, Presnel Kimpembe, Alphonse Aréola, N'Golo Kanté, Benjamin Mendy, Steven N'Zonzi und Blaise Matuidi. Sie alle sind in oder nahe Paris aufgewachsen.

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Da überrascht es nicht unbedingt, dass die Jugendakademie von Paris Saint-Germain so viele verheißungsvolle Talente hervorbringt wie kaum eine andere. Das große Problem des französischen Serienmeisters ist jedoch, dass fast alle Talente den Klub verlassen, bevor sie ihr Können im Trikot der ersten Mannschaft unter Beweis stellen können - oder wollen.

In diesem Sommer gilt dies wohl für den 18-jährigen Tanguy Kouassi, der aller Voraussicht nach zum FC Bayern München wechseln wird, und den 17-jährigen Adil Aouchiche, der ebenfalls vor dem Abschied steht. Unter anderem Bayer Leverkusen soll interessiert sein.

"Es gibt keine Identifikationsfigur"

Sie wären die beiden neuesten Namen auf einer ellenlangen Liste. Im letzten Jahr verabschiedeten sich Moussa Diaby (Bayer Leverkusen), Stanley N'Soki (OGC Nizza), Christopher Nkunku (RB Leipzig), Timothy Weah (OSC Lille) und Arthur Zagre (AS Monaco) für eine Ablösesumme von insgesamt 54 Millionen Euro.

Keiner der Spieler war älter als 21 Jahre und alle waren im Alter zwischen 12 und 15 Jahren in die Jugendakademie von Paris gewechselt. 

Doch wie kommt es zu diesem Exodus der PSG-Talente? L'Équipe-Journalist David Fioux sieht dafür mehrere Gründe. "Es gibt keine Identifikationsfigur im Nachwuchszentrum, keine PSG-Legende, die die Familien der jungen Spieler vom Bleiben überzeugen könnte", sagt Fioux bei SPORT1. "Luis Fernández spielte früher diese Rolle, aber jetzt fehlt wahrscheinlich ein Chef." 

Abschreckend sei aber auch die fehlende Kontinuität auf Sportdirektoren-Ebene. "Die Strategie des Klubs ist nicht sehr klar", erklärt Fioux. "In vier Jahren hat es mit Patrick Kluivert, Antero Henrique und Leonardo schon drei Sportdirektoren gegeben und jeder hatte seine eigene Vorgehensweise. Henrique war sehr hart, Leonardo ist weicher, aber das funktioniert auch nicht besser."

PSG-Trauma durch Comans Abgang

Das größte Problem betrifft allerdings die fehlende Durchlässigkeit von den U19-Junioren zum Profiteam. "Die jungen Spieler können sich dadurch nur schwer eine Zukunft bei den Profis vorstellen", sagt Fioux. "Diaby oder Nkunku haben zwar manchmal gespielt, sie konnten sich aber nicht durchsetzen. Es scheint, als hätten sie keine Priorität für Paris - und Kimpembe ist der letzte Spieler, der den Sprung geschafft hat."

Die Gründe für die fluchtartigen Abschiede haben demnach viel mit der Ausrichtung zu tun, die die katarische Klub-Führung vorgibt. Präsident Nasser Al-Khelaifi braucht große Namen wie Neymar und Mbappé, um attraktiv für den Markt und die Sponsoren zu sein. Er will den sofortigen Erfolg, weswegen PSG beispielsweise nicht den Weg von Ajax Amsterdam geht, das den Spielern aus der eigenen Akademie beste Möglichkeiten zur Entwicklung bietet. 

Das größte Ärgernis für PSG: Die Jungprofis wechselten zumeist ohne entsprechende Gegenleistung. Vor zwei Jahren waren es mit Jonathan Ikoné (OSC Lille), Odsonne Edouard (Celtic Glasgow) und Yacine Adli (Girondins Bordeaux) drei Spieler, die den Klub für insgesamt weniger als 20 Millionen Euro verließen.

2017 gingen mit Dan-Axel Zagadou (Borussia Dortmund), Boubakary Soumaré, Fodé Ballo-Touré (beide OSC Lille) und Mahamadou Dembelé (FC Salzburg) sogar vier hochtalentierte Akteure ablösefrei. Ein Trauma war auch der Abgang von Kingsley Coman im Jahr 2014, der bei Juventus seinen ersten Profivertrag unterschrieb, bevor er ein Jahr später zum FC Bayern weiterzog. 

FC Bayern baut auf aufgewerteten Campus

Allerdings ist PSG längst nicht der einzige Klub, der seine Jungstars ziehen lassen muss. "Dieses Problem haben viele Top-Klubs", sagt Fioux. "Auch beim FC Bayern konnte sich seit David Alaba und Thomas Müller kein Spieler des Nachwuchszentrums durchsetzen." 

Der Unterschied zu den Parisern lag in den vergangenen Jahren allerdings darin, dass in München kaum Top-Talente ausgebildet wurden. Erst seit dieser Saison wurde der Bayern-Campus so aufgewertet, dass in den kommenden Jahren ein entsprechender Ertrag erwartet wird.

Ob der deutsche Rekordmeister es dann besser macht als PSG, bleibt abzuwarten.