München - PSG dominiert die Ligue 1 nach Belieben. Mbappe und Neymar sorgen für Spektakel. Nur Sturmkollege Cavani schiebt Frust. Er ist auf dem Platz zunehmend isoliert.

von Marcel Bohnensteffen

Im Grunde blieb Thomas Tuchel ja keine Wahl. 

Presnel Kimpembe hatte seinem Trainer mal wieder eine knifflige Entscheidung abverlangt. 

Der bisweilen etwas übermütige Verteidiger von Paris Saint-Germain hatte im Heimspiel gegen Lyon über die Stränge geschlagen und für eine überharte Grätsche die Rote Karte gesehen. Platzverweis und Unterzahl nach 35 Minuten.

Kein Trainer dieser Welt ändert nach so kurzer Zeit freiwillig sein System. Erst recht nicht ein Taktikfanatiker wie Thomas Tuchel. Nun, Kimpembe ließ ihm keine Wahl. Der Coach musste umstellen. 

PSG: Tuchel opfert Cavani

Thilo Kehrer stand kurze Zeit später bereits zur Einwechslung parat, da war Tuchel noch in seinen letzten Überlegungen, wen er denn systemmäßig opfern sollte. 

Neymar, Kylian Mbappe oder Edinson Cavani. Ein Stürmer, das war klar, musste dran glauben. 

Tuchels Wahl fiel auf Cavani. Was viel aussagt über die momentane Situation in der Offensive. 

Neymar ist in Paris so etwas wie ein Heiliger. Auch wenn er selbst gar kein Franzose ist. 222 Millionen Euro Ablöse stehen eben in machen Lebenslagen für sich. 

Selbst ein autarker Trainer-Typ wie Tuchel hätte es nicht gewagt, den Star nach etwas mehr als einer halben Stunde vom Feld zu nehmen. Zu laut wären die Nebengeräusche geworden. 

Blieben noch Mbappe und Cavani. Tuchel muss eine Eingebung gehabt haben, seinen 19-jährigen Weltmeister auf dem Feld zu belassen. Mbappe erzielte im weiteren Spielverlauf noch vier Treffer. In 13 Minuten!

Grußlos vorbei an Tuchel

Die Fußball-Welt hätte ein Spektakel der besonderen Sorte verpasst, hätte sich Tuchel in jener 40. Minute falsch entschieden. Hat er aber nicht. 

Nicht Neymar oder Mbappe, sondern Cavani schlich kurz nach der Roten Karte vom Feld. Wort- und grußlos am Trainer vorbei. Sein Gesicht sprach Bände. 

Der Mann aus Uruguay bekam noch während des laufenden Spiels verbrieft, dass er in der internen Stürmer-Hierarchie nur die Nummer drei ist. 

Neymar und Mbappe meiden Cavani

Dieser Befund ist nicht unbedingt auf Tuchels Gunst gemünzt, sondern viel mehr durch Zahlen belegt. Neymar und Mbappe haben in dieser Saison bereits jeweils achtmal getroffen. Cavani steht erst bei fünf Toren. 

Zudem hat die Sportzeitung L'Equipe am Dienstag eine aussagekräftige Statistik hervorgekramt. Wer die zugrunde legt, kann den Eindruck gewinnen, dass Neymar und Mbappe ihren Sturmkollegen auf dem Platz systematisch schneiden. 

Mbappe etwa spielt knapp ein Drittel seiner Pässe (31 Prozent) auf Neymar. Dessen Anspiele landen wiederum zu 25 Prozent beim Franzosen. Ein Sturmduo, das miteinander spielt. Davon kann in Bezug auf Cavani keine Rede sein.

Mbappe spielt lediglich einen von 20 Pässen (5 Prozent) auf den Angreifer aus Uruguay. Neymar meidet ihn sogar noch mehr. Von 200 Zuspielen, die der Brasilianer an den Mann bringt, landet statistisch gesehen genau eines (0,5 Prozent) bei Cavani. 

Aussagekräftige Zahlen, die durch die Spielweise der Stürmertypen begründet sein mögen.

Neymar und Mbappe kommen naturgemäß aus der Tiefe und kombinieren sich mit Doppelpässen zum Strafraum vor. Cavani versteht sich eher als typischer Stoßstürmer, der es am liebsten hat, wenn man ihm den Ball auf Fuß oder Kopf serviert. 

Was erklärt, wie solche Statistiken zustandekommen. 

Verbündete weg: Cavani schiebt Frust

Nur hat die empirisch nachweisbare Isolation im PSG-Spiel aber auch eine gewisse Symbolik. Cavani sind die vergangenen Monate die Verbündeten abhanden gekommen. 

Javier Pastore (AS Rom), Giovani lo Celso (Betis Sevilla) und Yuri Berchiche (Athletic Bilbao) haben den Verein verlassen. Sie zählten zu Cavanis engsten Vertrauten. 

Jetzt, da der Südamerikaner auf sich gestellt ist, schiebt er dem Vernehmen nach häufiger Frust. "Er fühlt sich einsam und ohne Unterstützung", konstatiert die L'Equipe

Daran wird Tuchels frühe Auswechslung nicht wirklich etwas geändert haben.