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München - Manchester United hat sich in dieser Premier-League-Saison unerwartet zum Titelkandidaten entwickelt - obwohl Coach Solskjaer einige offene Baustellen hat.

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Vor einem Jahr waren es 30 Punkte, die Ole Gunnar Solskjaer von Jürgen Klopp trennten. Aktuell sind es 0.

Vor zwölf Monaten, nach dem ersten Spieltag des Kalenderjahrs 2020, war Manchester United Tabellenfünfter der englischen Premier League, mit kaum halb so vielen Punkten wie der damals über allem thronende FC Liverpool.

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Nach dem ersten Spieltag des Kalenderjahrs 2021 ist ManUnited punktgleich mit dem Tabellenführer - bei einem Spiel weniger.

Es ist eine verblüffende Verschiebung der Machtverhältnisse, die sich da vollzogen hat in England, nicht nur dadurch, dass Klopps "Reds" in dieser Saison weit weniger dominant agieren als in der vergangenen. Auch der Wiederaufstieg des Rekordmeisters aus Manchester zum ernstzunehmenden Titelkandidaten ist eine Entwicklung, die viele Experten verwundert zurücklässt.

Erster Meistertitel nach Alex Ferguson winkt

Der einstige Bayern-Schreck Solskjaer erlebt mit den "Red Devils" gerade ein Hoch, das ihm viele nicht mehr zugetraut hätten. Im Pokalderby gegen Pep Guardiolas Manchester City hat sein Team heute die Gelegenheit, das nächste Ausrufezeichen zu setzen, ein Einzug ins Finale des Carabao Cup (League Cup) wäre ein Meilenstein auf dem Weg zum ersten Titel unter Solskjaer (League Cup: Manchester United - Manchester City heute ab 20.45 Uhr LIVE im TICKER).

Wichtiger aber noch: Auch die erste Meisterschaft seit dem Ende der Ära des Sir Alex Ferguson 2013 ist für Paul Pogba und Co. plötzlich kein ferner Traum mehr.

Was steckt hinter der neuen Stärke einer zuletzt schwer gestrauchelten Fußballmacht?

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Bruno Fernandes als offensiver Pfeiler

Natürlich: ManUnited profitiert vom Einbruch Liverpools, aber die Fortschritte, die der Rivale gemacht hat, sind verbrieft: Solskjaers Team hat sich auf bemerkenswerte Weise von dem Fehlstart im Frühherbst erholt, der in einer peinlichen 1:6-Pleite gegen Tottenham gegipfelt hatte.

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Die durchschnittliche Punktausbeute Uniteds ist aktuell deutlich besser als zum selben Zeitpunkt im Kalenderjahr 2020 (2,06 zu 1,55), vor allem auch die Torquote (2,06 zu 1,6).

Für das Florieren der Offensive steht vor allem der portugiesische Mittelfeldstar Bruno Fernandes, aktuell sowohl bester Torschütze (11) als auch Top-Vorbereiter (7).

In einer Neujahrsbotschaft an die Fans rechnete Geschäftsführer Ed Woodward zudem vor, dass United den besten Punkteschnitt aller Premier-League-Teams seit dem Corona-Neustart im Juni hat. Die "Red Devils" haben die Fans in dieser Saison selten mit Spektakel-Fußball begeistert. Aber sie stehen für eine Konstanz, die anderen hoch gehandelten Teams wie ManCity und dem FC Chelsea derzeit abgeht.

Boss von Manchester United sieht "Siegerkultur"

Woodward lobte Solskjaer und seine anderen Mitarbeiter vor allem aber auch dafür, dass sie es geschafft hätten, "eine Siegerkultur aufzubauen, die an die Tradition des Klubs anknüpft: Angriffsfußball, vollführt von jungen, hart arbeitenden Teams mit Eigengewächsen und Top-Einkäufen".

Der Norweger Solskjaer, sechsmaliger Meisterspieler unter Ferguson, ist nach David Moyes, Louis van Gaal und José Mourinho der vierte als Dauerlösung verpflichtete Coach, der versucht an das Erbe seines Ex-Bosses anzuknüpfen.

Mit dem aktuellen Aufschwung in der Liga sammelt der 47-Jährige Punkte gegen die Skeptiker, die ihn noch immer als Notlösung sehen, der bei seiner Siegesserie nach dem Mourinho-Aus Ende 2018 unverhältnismäßig viel Glück gehabt hätte.

Dass Solskjaer weiterhin unter Rechtfertigungsdruck steht, zeigten auch die Diskussionen, die nach dem Champions-League-K.o. gegen RB Leipzig zumindest außerhalb des Klubs um Solskjaer geführt wurden.

Ewige Diskussion um die Transfers

Es fällt auch auf, dass Solskjaer sich vom Aufschwung in der Liga nicht zu markigen Ansagen verleiten lässt und seine Titel-Ambitionen eher zurückhaltend formuliert.

Angeblich ist Solskjaer selbst der Meinung, dass sein Team derzeit vom Glück begünstigt ist. ESPN berichtete zuletzt, dass der Coach intern klargemacht hätte, dass der Klub mindestens noch einen hochkarätigen Stürmer und Innenverteidiger kaufen sollte. Ansonsten sei er nicht auf dem Niveau, Liverpool und ManCity dauerhaft Paroli bieten zu können.

In diesem Sommer war United nicht mit einer Transferoffensive aufgefallen, die Verpflichtung von Amsterdams Donny van de Beek (39 Millionen) war der einzige größere Einkauf. Die vergeblichen Versuche, Jadon Sancho vom BVB loszueisen, sorgten nicht nur in Dortmund für Spott. Wobei auch zu berücksichtigen ist, dass die Folgen der Coronakrise die Situation für ManUnited stark verkompliziert haben: Der Klub soll sogar eine Reihe von Spielern auf der Streichliste haben, für die aber kein Abnehmer zu finden ist.

Die Einkaufspolitik der "Red Devils" ist aber schon seit Jahren ein großes Diskussionsthema, Fans und Experten haben sie immer wieder als zu zögerlich und zu undurchdacht kritisiert - dass sie sehr unterschiedlichen Trainertypen wie van Gaal und Mourinho gerecht werden musste, trug zum Mangel an Stringenz bei.

Mit Solskjaer soll Kontinuität einkehren. Ein Grund warum Woodward ihm auch nach der Krisensaison 2019/2020 die Treue hielt.

Solskjaer: Gewinn des Carabao Cup kann beflügeln

Damit, dass sein Team nun schon in dieser Saison wieder um die Meisterschaft mitspielt, dürfte die Klubführung selbst nicht gerechnet haben. Und viele professionelle Beobachter mögen weiterhin nicht glauben, dass der Aufschwung auf diesem Niveau anhält - unter anderem auch deshalb, weil ausgerechnet Superstar Paul Pogba mit seinen Leistungen und seiner ungewissen Zukunft die Kollegen eher hemmt als beflügelt.

Ein Erfolgserlebnis im Pokal könnte die Zweifel zerstreuen, auch im eigenen Team, das weiß auch Solskjaer aus eigener Erfahrung: "Ich erinnere mich noch an meinen ersten Titel - und auch an den Gewinn des League Cups 2006, der für Nemanja Vidic und Patrice Evra die erste Trophäe war. So etwas gibt einem Team etwas.“

Seine Spieler würden dementsprechend auf den Pokalgewinn brennen, "sie wollen lernen, wie man etwas gewinnt".

Das Pokalderby am Abend: Es wird ein richtungweisendes.