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München - Bei Real Madrid kriselt es. Die Kritik an Trainer Zinedine Zidane wächst. Der frühere Real-Keeper Bodo Illgner analysiert bei SPORT1 die Lage der Königlichen.

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Ist die Zeit von Zinédine Zidane bei Real Madrid abgelaufen?

Das peinliche Aus der Madrilenen im spanischen Pokal gegen den Drittligisten CD Alcoyano könnte der Anfang vom Ende seiner zweiten Amtszeit als Trainer bei den Königlichen sein.

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"Das Ende von Zidane in Madrid", titelte die spanische Sporttageszeitung Marca nach der blamablen 1:2-Vorstellung. In der As gab es gar eine Online-Abstimmung über Zidanes Zukunft. Knapp 60 Prozent votierten gegen einen Verbleib der Legende. Es scheint, als habe Zidane auch die Gunst der Fans verloren.

Einer, der Real und das Innenleben des Klubs kennt und Zidane noch nicht ganz abschreiben will, ist Bodo Illgner. Der 53-Jährige stand von 1996 bis 2001 bei den Königlichen unter Vertrag. Die ersten drei Jahre war er Stammtorwart, 1999 verlor er seinen Platz an die spätere Real-Ikone Iker Casillas. 1990 wurde Illgner mit Deutschland Weltmeister, 1998 und 2000 gewann er mit Real die Champions League.

Bodo Illgner: "Ein weiterer Tiefpunkt" für Real Madrid

"Real Madrid - das ist in dieser Saison ein Wechselbad der Gefühle ähnlich wie beim FC Barcelona. Mal kommen einige gute Spiele, dann kommt wieder ein Tiefpunkt, mit dem man nicht gerechnet hat", sagt Illgner zu SPORT1. Bei Real sei es immer wieder überraschend, dass gegen die vermeintlich leichteren Gegner schlechte Resultate erzielt und schwache Spiele abgeliefert werden.

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"Dagegen kann man sich dann gegen die starken Gegner doch wieder motivieren und gute Leistungen zeigen", wundert sich Illgner. Die Pokal-Niederlage und das Aus nach dem Supercup sei aber natürlich "ein weiterer Tiefpunkt".

Zidane hatte Real zwischen 2016 und 2018 als Coach zu drei Champions-League-Titeln in Folge geführt. Nach acht Monaten Pause ist er seit März 2019 wieder Cheftrainer bei den Spaniern.

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Illgner erklärt Zidanes Motivation 

Mit seiner Analyse, dass Pokal-Aus sei "schmerzhaft, aber keine Schande", irritierte Zidane zusätzlich. Illgner versucht, Verständnis aufzubringen.

"Diese Aussage von Zidane ist eher als PR-Maßnahme zu verstehen, um Krisenbewältigung und Schadensbegrenzung zu betreiben, denn es geht ja weiter. Jetzt als Trainer auch noch die Krise verbal zu formulieren und zu vertiefen, ergibt aus Sicht von Zidane keinen Sinn."

Der Franzose sei ohnehin jemand, der das öffentliche Echo ganz gut bewältige und so gut wie möglich versuche, die Stimmungen "glatt zu bügeln".

Doch ob ihm das noch gelingt? "Die Verantwortlichen wollen nicht sofort drastische Entscheidungen treffen. Sie warten lieber auf das Ende der Saison, um dann ein neues Real Madrid ohne einige der aktuellen Stars aufzubauen", schrieb die stets gut informierte Marca.

Es scheint, als bekäme Zidane, der sich bei Real mit insgesamt vier Champions-League-Titeln und drei spanischen Meisterschaften als Spieler und Trainer unsterblich gemacht hat, noch eine Gnadenfrist. Hinter den Kulissen könnte die Suche nach einem Nachfolger vielleicht aber schon laufen. Mit dem ehemaligen Juventus-Coach Massimiliano Allegri wird bereits ein potenzieller Zidane-Erbe gehandelt.

Zidane kann Talente nicht integrieren

Eines der Probleme Zidanes: teure Talente stagnieren, weil der Trainer ihnen kaum Einsatzzeit gibt.

Es sei schon "frappierend" zu sehen, "dass die jungen Leute, die neu dazu gekommen und teilweise auch für viel Geld verpflichtet wurden, nicht diese Rolle spielen, die man sich von ihnen erhofft hat."

Illgner sieht dabei aber auch die Spieler in der Pflicht. "Von einem kann man ganz klar ausgehen", meint Illgner, "ein Trainer stellt die Spieler auf, von deren Erfolg er am meisten überzeugt ist. Und wenn Spieler wie Rodrygo, Vinicius oder Isco nicht eingesetzt werden, dann deshalb, weil Zidane glaubt, andere liefern bessere Leistungen ab. Also liegt es eher an der Motivation der Spieler als am Trainer selber."

Kann Zidane den Real-Umbruch leisten?

Doch wie soll Zidane im Sommer den schon lange nötigen Umbruch in der Mannschaft vollziehen, wenn er den potenziellen Säulen der Zukunft kein Vertrauen entgegenbringt? 

"Gibt es überhaupt einen Konsens zwischen Trainer und Verein? Wurde dieser Umbruch mit Zidane besprochen? Inwieweit wurde er von Anfang an mit einbezogen und steht dahinter. Das ist eine entscheidende Frage", findet der frühere Torwart.

"Wenn er nicht eingebunden war und diese Spieler jetzt nicht einsetzt, weil er von ihnen nicht überzeugt ist, dann wäre die logische Konsequenz, einen neuen Trainer zu holen." Wenn die Verantwortlichen aber weiterhin glauben, dass Zidane der richtige Trainer ist, dann müsse man im Sommer eine andere Mannschaft zusammenstellen. Da sei der Verein gefordert, ein klärendes Gespräch mit Zidane zu führen, um eine einheitliche Linie zu fahren.

Mit der Supercopa und der Copa del Rey sind zwei Chancen auf einen Titel schon futsch. Bleiben also nur noch die Meisterschaft, wo man mit sieben Punkten Rückstand Zweiter hinter Atletico Madrid ist, und die Champions League. Da heißt der Gegner im Achtelfinale Atalanta Bergamo. (Champions League: Der Spielplan)

Nach dem Auftritt in Alcoy schwindet jedenfalls der Glaube an einen erfolgreichen Frühling - und eine positive Wende mit Zidane.