Mit Roy Makaay erlebte Deportivo La Coruna seine Glanzzeit
Mit Roy Makaay erlebte Deportivo La Coruna seine Glanzzeit © SPORT1-Grafik/Getty Images/Imago
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München - Deportivo La Coruna muss wohl den Gang in die 3. Liga antreten. Ein tiefer Fall, denn der Verein blick auf eine erfolgreiche und turbulente Geschichte zurück.

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"Die Meisterschaft war wie ein Traum", erinnert sich Ricardo Moar bei SPORT1

Etwas mehr als 20 Jahre ist es nun her, dass er mit dem Provinzklub Deportivo La Coruna - aus der galizischen Stadt A Coruna - den spanischen Fußball auf den Kopf stellte. 

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Moar wurde 1953 in A Coruna (rund 250.000 Einwohner) geboren, wuchs aber im deutschen Lippstadt auf. Mit 17 waren seine Eltern mit ihm zurück in die Heimat gegangen und nur sechs Monate später hatte der rechte Verteidiger sein Debüt für Deportivo in der Primera Division gefeiert. Von 1994 bis 2002 arbeitete er als Sportdirektor für den Klub, bis er in gleicher Funktion zu Hannover 96 ging.

Ricardo Moar zeigt das Stadion von Deportivo La Coruna im Jahr 2003
Ricardo Moar zeigt das Stadion von Deportivo La Coruna im Jahr 2003 © Getty Images

An den 19. Mai 2000 erinnert sich Moar noch gut. Das 2:0 von Roy Makaay gegen Espanyol Barcelona war der Schlusspunkt einer phänomenalen Saison gewesen, die mit der spanischen Meisterschaft endete - dem größten Erfolg des Vereins.

Der kleine Klub hatte endgültig die Vormachtstellung der großen Vereine aus den Metropolen Barcelona und Madrid beendet.

Die letzten 15 Jahre hatte sich zuvor immer ein Team aus einer der beiden Städte den Titel unter den Nagel gerissen. Überhaupt gab es in Spanien in 91 Jahren bis heute erst neun verschiedene Meister. 

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Nach Real Betis im Jahr 1947 ist Deportivo nun wohl als zweiter dieser Meister in die 3. Liga abgestiegen. Sicher ist der Abstieg trotz des Saisonendes aber noch nicht. Das passt zu der turbulenten Vereinsgeschichte Deportivos.

Lendoiro als Mister Deportivo

Der Vereinsgeschichte eines Provinzklubs, dessen Höhenflug schon einige Jahre vor dem größten Triumph Fahrt aufgenommen hatte. Genauer gesagt 1992, als der Klub den brasilianischen Stürmer Bebeto verpflichtete - mit einem Trick. 

Präsident Augusto César Len­doiro war nach Rio de Janeiro gereist, um Bebeto davon zu überzeugen, doch nicht zu Borussia Dortmund zu wechseln. Der Brasilianer war mit den Schwarz-Gelben eigentlich schon einig.

Ein waghalsiges Unterfangen, allerdings eine typische Mission für Lendoiro, der in Galizien ein erfolgreicher Lokalpolitiker war. "Er hatte immer große Ziele im Kopf, er ist ein Gewinner", beschreibt Moar seinen langjährigen Weggefährten. "Im Klub gab es damals Lendoiro, Lendoiro und Lendoiro."

Superstar Bebeto jubelt im Trikot von La Coruna
Superstar Bebeto jubelt im Trikot von La Coruna © Imago

Und dieser Lendoiro hatte eine Idee: der Spanier erzählte Bebeto, wie schlecht das Wetter in Deutschland und speziell in Dortmund sei. Die Winter würde ein Südamerikaner kaum überleben können. 

Dass A Coruna zu den windigsten, regnerischsten und kältesten Regionen in Spanien gehört? Das hatte Londoiro vergessen zu erwähnen. "Es fühlt sich hier immer ein paar Grad kälter an, als es eigentlich der Fall ist", beschreibt Moar das Klima in der Stadt an der Atlantikküste. 

Die Legende von Super Depor

Der Trick funktionierte trotzdem: Vor allem Bebetos Frau Denise soll von den Ausführungen Lendoiros bestürzt gewesen sein, wenig später hatte ihr Mann bei Depor unterschrieben. Gleich im ersten Jahr wurde die brasilianische Fußball-Legende in Spanien Torschützenkönig. 

Im Jahr 1994 wurde La Coruna dann ein wenig zum Schalke 04 Spaniens. Die Meisterschaft war zum Greifen nahe, zwei Minuten vor dem Abpfiff der Partie gegen den FC Valencia musste nur noch ein Elfmeter verwandelt werden. Doch Miroslav Dukic vergab. Das wohl dramatischste Saisonfinale in der Geschichte der Primera Division. 

"Die ganze Stadt hat damals geweint", erinnert sich Moar bei SPORT1. Trotz der Enttäuschung hatte der Klub von der Nordwestküste Spaniens dem ganzen Land gezeigt, dass es im Fußball eben nicht nur Madrid und Barcelona gab.

Die Zeit um Bebeto gilt als die Geburtsstunde von "Super Depor", allerdings war sie nur der Anfang der Erfolgsgeschichte - sozusagen das Luftholen vor dem Sturm, wie ihn die Bewohner der rauen Atlantikküste so gut kennen. 

"A Coruna ist ein großes Dorf. Wenn die Einwohner durch die Straßen gehen, dann kennt sich jeder. Du kannst die ganze Stadt in 40 Minuten sehen", erzählt Moar. "Wer hätte denn gedacht, dass wir 14 oder 15 Jahre in Europa mitmischen können?"  

Die Antwort dieser Frage findet sich in der damaligen Transferpolitik des Klubs.

Als Bebeto längst wieder in wärmeren Regionen knipste, konnten Moar und Len­doiro im Jahr 1999 Makaay von einem Wechsel nach Galizien überzeugen. Der damals 24-jährige Niederländer hatte zuvor bei CD Teneriffa einen guten Eindruck hinterlassen.

Eine außergewöhnliche Transferpolitik als Schlüssel

"Wir waren damals ein bisschen schneller als Barcelona und Real Madrid. Sie kauften nur Superstars", sagt Moar. "Wir mussten nicht auf Namen achten, sondern nur auf Talent und Qualität."

Makaay entpuppte sich als echter Glücksgriff. Bei Deportivo entwickelte sich der Stürmer zu einer echten Tormaschine. Er schoss La Coruna in seiner ersten Spielzeit zur Meisterschaft - allerdings nicht im Alleingang. 

Roy Makaay bejubelt einen Treffer für Deportivo La Coruna im November 2000
Roy Makaay bejubelt einen Treffer für Deportivo La Coruna im November 2000 © Getty Images

Der Kern der Mannschaft bestand über viele Jahre hinweg aus ungeheuer talentierten und technisch begnadeten Brasilianern. "Der Präsident sagte oft: 'Ricardo, ab nach Brasilien' - und dann war ich zwei Monate dort", erzählt Moar.

Der Sportdirektor lotste Spieler wie Rivaldo, Luizao und Djalminha nach A Coruna. Durch die Transfers sorgte Deportivo letztlich damals dafür, dass sich die europäischen Top-Klubs immer mehr dem brasilianischen Markt annahmen. 

Zuvor hatten sie diesbezüglich noch Hemmungen gehabt, sagt Moar: "Viele Klubs glaubten noch nicht so an die Brasilianer. Sie hatten Angst, dass sie mit dem Klima und der Mentalität nicht zurecht kommen. Wir haben das ausgenutzt und waren so etwas wie die Pioniere in Brasilien."

Rivaldo ging wenig später zum FC Barcelona und wurde später - wie Bebeto - zu einer brasilianischen Legende, Djalminho blieb La Coruna allerdings sieben Jahre treu. Die Fans nannten ihn "El Mago" und tatsächlich schienen manche Tricks des Spielmachers an Magie zu grenzen. 

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Pokalsieg und Champions-League-Halbfinale

Das Estadio Riazor, das nur wenige Meter von der Küste trennt, erlebte ohnehin einige magische Nächte, denn Deportivo spielte auch in den Folgejahren nach der Meisterschaft oben mit und konnte sich regelmäßig für die Champions League qualifizieren. 

"Wir haben wirklich schönen und attraktiven Fußball gespielt", sagt Moar bei SPORT1. Und dieser führte Deportivo im Jahr 2002 zum Pokalsieg. Im Finale schlug La Coruna Real Madrid - und das auch noch im Estadio Santiago Bernabeu. 

"Wir haben den Gastgeber in seinem zu Hause, einem der schönsten Stadien der Welt, besiegt. Das war ja fast schon eine Unverschämtheit. Für uns auf jeden Fall etwas ganz besonderes. Das sind Dinge, die vergisst du nie", schwärmt Moar.

Deportivo La Coruna feiert den Pokalsieg im Jahr 2002
Deportivo La Coruna feiert den Pokalsieg im Jahr 2002 © Getty Images

Im Jahr 2004 stürmt Deportivo dann bis ins Halbfinale der Champions League. Ein Jahr zuvor hatte der Klub in der Gruppenphase 3:1 beim FC Bayern München gewonnen. Makaay hatte alle drei Tore der Gäste erzielt, am Saisonende wechselte er nach München. 

Das Erreichen des Halbfinals der Königsklasse war der letzte große Wurf von Deportivo. Danach folgte ein schleichender Niedergang. 

Deportivo steigt in die dritte Liga ab 

"Das Geld war weg. Der Kader war veraltet und die Löhne waren zu hoch. Das ging so lange, wie wir in der Champions League waren", erzählt Moar. "Als das dann nicht mehr der Fall war, kamen die Probleme. Ich wusste, dass die Mannschaft in den nächsten ein oder zwei Jahren abstürzen würde."

Vor einigen Tagen erreichte der Absturz seinen Tiefpunkt. Deportivo stieg in die dritte Liga ab - und das unter kuriosen Umständen. Denn der Klub durfte zu seinem Spiel gar nicht antreten, da bei Gegner Fuenlabrada mehrere Spieler positiv auf das Coronavirus getestet wurden.

Durch die Ergebnisse der Konkurrenten hatte La Coruna keine Chance mehr auf den Klassenerhalt.

Deportivo will nun allerdings vor Gericht ziehen, da an den letzten beiden Spieltagen eigentlich alle Partien zeitgleich stattfinden müssen. "Eine totale und absolute Wettbewerbsverzerrung", schimpfte Präsident Fernando Vidal. Er will erreichen, dass die zweite Liga im nächsten Jahr mit 24 statt 22 Teams gestartet wird - mit La Coruna.

Ein sang und klangloser Abstieg hätte aber auch nicht zur turbulenten Vereinsgeschichte gepasst. Moar hofft, dass sein Herzensklub, "seine Familie" - wie er selbst sagt - doch noch in der zweiten Liga bleibt. Heute arbeitet der 66-Jährige als Scout für Eintracht Frankfurt unter Ben Manga und Fredi Bobic, die er zu seinen "Freunden" zählt. Er lebt aber wieder in A Coruna. 

Dass Deportivo La Coruna noch mal so einen Höhenflug erlebt, wie es vor rund 20 Jahren der Fall gewesen ist? "Leider unmöglich, dass so etwas noch einmal passiert", glaubt Moar.